Solothurn
Arglist kennt keine Altersgrenze: Wegen 2500 Franken landete eine Rentnerin vor Gericht

Geld und Freundschaft vertragen sich nicht: Das zeigt der Gerichtsfall zweier 75-jähriger Rentnerinnen, die ihre Kindergartenfreundschaft wegen 2500 Franken verspielten.

Hans Peter Schläfli
Drucken
Teilen
Papierschnitzel im Couvert statt Bargeld: Ein Fall fürs Obergericht.

Papierschnitzel im Couvert statt Bargeld: Ein Fall fürs Obergericht.

szr

Die beiden Frauen kennen sich seit der Kindergartenzeit, doch jetzt sind aus Hanni A.* und Trudi B.* erbitterte Feindinnen geworden. Mit ihren 75 Jahren liessen sie vor Obergericht keine Spur von der viel zitierten «Altersmilde» erkennen. Am Ende verurteilte das Gericht eine der beiden 75-Jährigen aus dem Thal wegen Betrugs zu einer bedingten Geldbusse. Sie hatte eine Schuld von 2515 Franken mit Bargeld bezahlt, das Couvert dann aber unbemerkt durch eines mit wertlosen Papierschnitzeln ausgetauscht.

Als die beiden Frauen schon längst pensioniert waren, mischten sie Freundschaft und Geld. Zunächst lieh Hanni A. der Jugendfreundin 4000 Franken, damit diese einen finanziellen Engpass überwinden konnte. Die Schuld sollte mit der Miete eines Raums verrechnet werden, den Hanni fortan nutzen durfte. Ein paar Jahre später, bei der Rückgabe des Raums, sah Trudi Flecken an der Wand. Sie bestellte die Handwerker und forderte von Hanni für die Renovation etwas mehr als 2000 Franken. Damit war Hanni A. gar nicht einverstanden.

Trudi gelangte ans Zivilgericht, wo festgestellt wurde, dass sie Anrecht auf 2515 Franken hat. Doch Hanni A. zahlte so lange nicht, bis die Pfändung ihres Vermögens drohte. Dann ging sie unangemeldet zu Trudi B., um die Schuld mit Bargeld zu begleichen. Die Sache schien erledigt. «Ich sagte ihr, sie soll das Geld direkt zum Betreibungsamt bringen, aber sie sagte, sie habe das Geld jetzt dabei, sie wolle zahlen», schilderte Trudi B. dem Gericht ihre Sicht der Dinge. «Weil ich einen Rollator brauche, hatte ich zunächst keine Hand frei. Sie zählte vor mir das Geld, steckte es in ein Couvert und verschloss dieses. Ich hatte erst am anderen Morgen Zeit, um das Geld auf die Bank zu bringen. Als ich das Couvert mit den Papierfötzeln geöffnet hatte, zeigte ich das der Frau von der Spitex.»

«Ja, Trudi B. war an diesem Morgen total ausser sich», erinnerte sich die Spitex-Mitarbeiterin, die als Zeugin angehört wurde. Sie habe dann jemanden organisiert, der mit Trudi B. zur Polizei ging. Die Beklagte beschrieb die Situation ähnlich, nur behauptete Hanni A. vor Gericht: «Sie hat mich hineingelegt. Sie hat die Geschichte mit den Papierfötzeln inszeniert.»

Geld bleibt geschuldet

Das Obergericht brauchte nicht lange, um zu beraten. «Es handelt sich hier um einen einzigartigen Fall», begann Obergerichtspräsident Hanspeter Marti die Urteilsbegründung, «beide Versionen scheinen auf den ersten Blick komplett unwahrscheinlich. Beim genaueren Hinschauen ist das Gericht aber zur zweifelsfreien Überzeugung gekommen, dass es sich so abgespielt hat, wie es die Privatklägerin ausführt. Auf einer der wertlosen Papierzettel wurde ein einziger, brauchbarer Fingerabdruck gefunden, und der stammt von der Beklagten. Es gibt keinen vernünftigen Erklärungsgrund, wie der Fingerabdruck auf den Papierschnitzel kommen konnte, ausser dass die Angeklagte diese Papierschnitzel produziert hat.»

Als Motiv hielt das Obergericht fest: «Die Beschuldigte ist nach wie vor der Meinung, die Privatklägerin habe keinen Anspruch auf das Geld. Dieses Motiv ist viel einleuchtender als die Hypothese der Verteidigung, dass die Privatklägerin ein zweites Mal kassieren wollte. Dann hätte sie ein Couvert der Raiffeisenbank auftreiben, Papierschnitzel herstellen und darauf einen Fingerabdruck der Beklagten produzieren müssen.»

Zudem sei der Besuch unangekündigt erfolgt. «Dass sich eine betagte Frau mit Gehbehinderung so einen Plan innert kürzester Zeit ausdenken und diesen auch durchführen kann, das ist nicht vorstellbar.» Das Obergericht bestätigte somit das Urteil der ersten Instanz und verurteilte Hanni R. wegen Betrugs zu einer bedingt aufgeschobenen Geldbusse von 30 Tagessätzen à 230 Franken, also 6900 Franken.

Zudem hielt das Obergericht fest, dass die 2515 Franken weiterhin geschuldet sind und dass Hanni A. alle Anwalts-, Verfahrens- und Gerichtskosten übernehmen muss.

*Namen von der Redaktion geändert

Aktuelle Nachrichten