Kanton Solothurn

Apotheken unzufrieden: Grippenimpfung wird nicht von Krankenkasse übernommen

Apotheker und Apothekerinnen dürfen im Kanton Solothurn seit fünf Jahren ohne ärztliches Rezept impfen.

Apotheker und Apothekerinnen dürfen im Kanton Solothurn seit fünf Jahren ohne ärztliches Rezept impfen.

Bei besonders gefährdeten Personen, vorwiegend ältere Menschen, bezahlt die Krankenkasse die Grippeimpfung. Allerdings nur, wenn sich die Person beim Arzt impfen lässt. Geht dieselbe Person in die Apotheke, muss sie die Impfung selber bezahlen.

Bisher hat sie auf sich warten lassen, die Grippewelle von diesem Winter. Doch kommen wird sie mit Bestimmtheit. Wie schlimm sie die Schweiz treffen wird, lässt sich nicht vorhersagen. Doch wegen Folgekrankheiten der Grippe – Lungen- oder Mittelohrentzündungen zum Beispiel – werden jährlich tausende Menschen hospitalisiert, mehrere hundert sterben. Besonders gefährdet sind ältere Personen, ausserdem Menschen mit chronischen Krankheiten oder Immunschwächen sowie Schwangere. Dieser «Risikogruppe», sowie Personen, die mit dieser Gruppe in Kontakt kommen, empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Grippeimpfung. Sie sei die «einfachste, wirksamste und kostengünstigste Vorbeugung», um sich vor der Grippe zu schützen, so das BAG.

Dieser Risikogruppe bezahlt die Grundversicherung der Krankenkasse die Impfung. Allerdings nur Personen, die sich beim Arzt impfen lassen. Lässt sich jemand in einer Apotheke impfen, nicht. Diese Person müsste sich entweder eine entsprechende Zusatzversicherung suchen oder aber die Impfung aus dem eignen Sack bezahlen. Eine Grippeimpfung kostet zwischen 30 und 40 Franken.

Apotheker fordern: Krankenkasse soll bezahlen

Der Grund dafür: Für eine Kostenübernahme der Impfung in der Apotheke durch die Krankenkasse fehlt schlicht die gesetzliche Grundlage. Eine gesetzliche Grundlage, auf die der Kanton allerdings kaum Einfluss nehmen kann. Denn das Krankenversicherungsgesetz ist Bundessache. Trotzdem wünschen sich verschiedene Apotheker im Kanton, dass sich etwas ändert. Zum Beispiel Regula Studer von der Schwarzbuebe-Apotheke in Breitenbach: «Dies stellt eine unnötige Hemmschwelle dar und hindert willige Personen daran, sich impfen zu lassen. Es wäre nur recht und billig und auch patientenfreundlich, wenn die Krankenkassen die Impfungen auch in der Apotheke bezahlen.» Ähnlich tönt es bei Melanie Grütter von der Jura Apotheke in Dulliken. Sie ist zudem Präsidentin des kantonalen Apothekervereins: «Wenn die Grippeimpfung auch in der Apotheke von der Grundversicherung übernommen würde, könnte man eine höhere Durchimpfungsrate erreichen.»

Wirkung und Kosten sind unbekannt

Wie viele Personen von einer solchen Änderung profitieren und was das Ganze kosten würde, scheint niemand so genau zu wissen. Der schweizerische Versicherungsverband santésuisse äussert sich äusserst wage: Diese Zahlen habe man nicht; zudem wäre es sinnvoll, die Wirkung einer solchen Massnahme im Rahmen eines regional begrenzten Tests zuerst einmal zu messen. Die Anzahl Personen, denen die Krankenkasse die Impfung bei einer Umstellung bezahlen würde, dürfte aber überschaubar sein. Denn sie müssen der erwähnten Risikogruppe angehören. Sie müssen den Franchisen-Betrag bereits erreicht haben. Und sie müssen überhaupt erst in der Apotheke geimpft werden dürfen. Denn für Apotheker gelten strengere Auflagen als für Ärzte: Grob gesagt dürfen sie nur gesunde Personen impfen (siehe dazu links). Profitieren von einer Änderung würden deshalb wohl hauptsächlich gesunde, ältere Personen.

Ärzte sehen Apotheke nicht als Konkurrenz

So besteht die Zielgruppe der Apotheken vorwiegend aus gesunden Menschen. Menschen die selten beim Arzt sind, die für eine Impfung keinen Termin vereinbaren, sondern sich schnell und unkompliziert impfen lassen wollen. Die Impfung in der Apotheke ist zudem günstiger als beim Arzt, das die Konsultationskosten wegfallen. Die Solothurner Ärzteschaft sieht das Angebot in der Apotheke nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung. Dass den Ärzten die Impfkundschaft verloren gehen könnte, davor hat zumindest Florian Leupold, Co-Präsident der kantonalen Ärztegesellschaft, keine Angst: «Die Leute lassen sich nicht in der Arztpraxis impfen, weil die Krankenkasse das bezahlt, sondern weil ein Vertrauensverhältnis zum ihrem Arzt besteht und sie als Zugehörige einer Risikogruppe meistens bereits in Behandlung sind.»

Auch pharmaSuisse, der Schweizerische Apothekerverband, hat untersucht, welche Zielgruppe sich in Apotheken gegen die Grippe impfen lässt. Es seien Personen, die entweder gar keinen Hausarzt, oder aber eine so hohe Franchise haben, dass sie die Impfung so oder so selber übernehmen müssten.Eine nicht repräsentative Umfrage von pharmaSuisse hat zudem ergeben, dass rund 20 Prozent der befragten Personen sich insbesondere aufgrund des neuen Angebots haben in Apotheken impfen lassen. Weitere 20 Prozent gaben an, dass sie von der Impfung beim Hausarzt auf die Impfung in der Apotheke umgestiegen seien.

Nachfrage in der Apotheke ist stark gestiegen

Die Tatsache, dass die Krankenkasse nicht bezahlt, hat nichts daran geändert, dass sich die Anzahl in Apotheken durchgeführter Impfungen in den vergangenen Jahren verdoppelt hat. Wurden im Grippezeitraum 2016/2017 noch 418 Personen in Solothurner Apotheken geimpft, waren es 2018/2019 bereits 845. Schweizweit hat sich die Zahl sogar mehr als verdreifacht. Zudem dürfen mittlerweile Apotheken in 21 Kantonen impfen, 2015 waren es noch deren fünf.

Die gestiegene Nachfrage hat nicht zuletzt Auswirkungen auf die Apotheken selber. Mehrere angefragte Apotheken geben an, dass sich für die Apotheker durch das neue Angebot ein «beträchtlicher Mehraufwand» ergeben habe. An Spitzentagen würde ein Apotheker bis zu zehn Impfungen täglich durchführen. Dazu kommen zusätzliche Bürokratie sowie obligatorische Wiederholungskurse für die Apotheker. Trotzdem: Sämtliche angefragten Apotheker äussern sich positiv zu den Impfungen und werden das Angebot auch beibehalten. Egal, ob die Krankenkasse nun bezahlt oder nicht.

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