Amtsgericht Solothurn-Lebern
Falsche Diagnose führte zum Tod des Patienten: Ehemalige Assistenzärztin am Bürgerspital wird freigesprochen

Freispruch für eine frühere Assistenzärztin am Bürgerspital vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung: Die Gerichtspräsidentin von Solothurn-Lebern hat am Dienstag einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft aufgehoben.

Urs Mathys
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TeleM1

Eine damals 29-jährige Medizinerin hatte am 14. Februar 2015 bei einem Notfallpatienten, der über starke Schmerzen vor allem im Bereich der Brustwirbelsäule klagte, eine falsche Diagnose gestellt: Sie erkannte eine Aortendissektion nicht, die zu einem Riss in der Hauptschlagader führte – und in der Nacht darauf zu Hause zum Tod des Patienten.

Die unerfahrene Assistenzärztin sei damals gerade mal 14 Tage auf der Notfallstation des Bürgerspitals Solothurn im Einsatz gestanden, argumentierte der Verteidiger der Ärztin, Christian von Wartburg, am Dienstag vor Amtsgericht Solothurn-Lebern. Ihr könnten keine Handlungen oder Unterlassungen vorgeworfen werden, die einen Schuldspruch rechtfertigen würden. Von Wartburg forderte einen Freispruch und damit die Aufhebung eines Strafbefehls, den die Solothurner Staatsanwaltschaft am 9. Juni 2020 ausgesprochen hat. Mit diesem ist die damalige Assistenzärztin wegen fahrlässiger Tötung zu einer bedingten Geldstrafe von 30 Tagessätzen à je 100 Franken (bei einer Probezeit von zwei Jahren) sowie zur Übernahme der Verfahrenskosten von rund 7000 Franken verurteilt worden.

Die Sorgfaltspflichten nicht verletzt

Amtsgerichtspräsidentin Nicole Mattiello gab dem Verteidiger auf der ganzen Linie recht: Der damals gerade erst neu auf der Notfallstation eingesetzten Assistenzärztin könnten weder Unerfahrenheit noch fehlende Aus- und Weiterbildung, geschweige denn die fehlende Praxis zum Vorwurf gemacht werden, befand Mattiello. Sie kam in der Urteilsbegründung zum Schluss, dass der Medizinerin, die heute nicht mehr bei der Solothurner Spitäler AG arbeitet, «keine Sorgfaltspflichtverletzungen vorzuwerfen» seien.

Die Beschuldigte habe sich zwar aufgrund ihrer Unerfahrenheit voreilig auf die (falsche) Diagnose eines muskulären Problems fixiert, doch habe sie pflichtgemäss sowohl die von ihr gestellte Diagnose, die erwogene medikamentöse Behandlungsart (Schmerzmittel), sowie die spätere Entlassung des Patienten nach Hause laufend mit dem zuständigen Oberarzt besprochen und von diesem auch bestätigen lassen.

Ungenügende Aufsicht und Begleitung

Die bei den Solothurner Spitälern soH für die Betreuung von Assistenzärzten organisatorisch klar festgelegte Supervision durch den zuständigen – aber seinerseits überlasteten, überarbeiteten und übermüdeten – Oberarzt habe offensichtlich nicht funktioniert, stellte die Amtsgerichtspräsidentin fest. Dies könne aber nicht der Beschuldigten vorgeworfen werden, übernahm sie die Argumentation des Verteidigers. Und nicht nur das. Mattiello stellte fest:

«Wir haben hier die falsche Person vor Gericht.»

Ihr Urteil deswegen klipp und klar: Freispruch vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung.

Ein Freispruch, der übrigens von der im Gerichtssaal anwesenden damaligen Lebenspartnerin des Verstorbenen – die selber Ärztin ist – spontan mit zustimmendem Applaus und Bravorufen quittiert wurde.

Strafbefehl gegen Oberarzt ist rechtskräftig

Ein Hintergrund des Freispruchs ist nicht zuletzt die Tatsache, dass die Staatsanwaltschaft am 9. Juni letzten Jahres auch gegen den seinerzeit zuständigen Oberarzt einen Strafbefehl erlassen hat. Mit diesem wurde der Mann wegen unzureichender Wahrnehmung seiner Überwachungs- und Kontrollpflichten mit einer bedingten Geldstrafe belegt. Dieser Strafbefehl blieb unangefochten und ist rechtskräftig.

Schon Advokat von Wartburg hatte in seinem Plädoyer kritisiert, dass es in Kenntnis dieses Strafbefehls «völlig unverständlich» sei, dass die gleiche Staatsanwaltschaft, die eine mangelnde fachliche Begleitung der Assistenzärztin erkannt und geahndet hatte, dennoch auch gegen diese vorgegangen sei. Die Präsidentin des Amtsgerichts nahm diesen Ball in ihrer Urteilsbegründung auf: Der Mediziner sei zum Zeitpunkt des Vorfalls selber erst seit sechs Wochen als Oberarzt tätig gewesen, stellte sie fest. Der Mann sei einer massiven Doppelbelastung ausgesetzt gewesen, überarbeitet und habe die vorgeschriebenen Ruhezeiten nicht einhalten können. Mattiello sec: «Das Spital trägt somit eine Mitverantwortung.»

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