Kinderheime und Sonderschulen

Ambulant bis stationär: Neuer Verein begleitet Kinder und Jugendliche im ganzen Kanton

«Wir arbeiten schliesslich mit Kindern», sagen die drei Herren auf die Frage, ob sie sich für das Foto aufs Gerüst wagen: Christof Koch, Karl Diethelm und Gustav Keune vom Bachtelen.

«Wir arbeiten schliesslich mit Kindern», sagen die drei Herren auf die Frage, ob sie sich für das Foto aufs Gerüst wagen: Christof Koch, Karl Diethelm und Gustav Keune vom Bachtelen.

Eine Institution, die Sonderschul- und Internatskinder im westlichen Kantonsteil unterrichtet und eine Stiftung, die Kinder und Jugendliche im östlichen Kantonsteil aufnimmt, fusionieren: So will der neue Verein «Bachtelen Kinderheime und Sonderschulen» den ganzen Kanton versorgen – und heutige Angebotslücken füllen.

Da ist einerseits das Bachtelen: Rund 650 Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten oder Kommunikationsbeeinträchtigungen beziehen eine Leistung; in einer (Tages-)Sonderschule, einer Regelschule, in der Beratung oder im Internat. Und dann ist da die Stiftung Kinderheime Solothurn (SKSO): Rund 30 Plätze bietet die SKSO, vorwiegend im unteren Kantonsteil, für Kinder, die temporär nicht zu Hause wohnen können. Was passiert, wenn sich zwei solche Anbieter zusammentun? Denn das passiert per 1. Januar 2021.

Vielfältigere Angebote – im ganzen Kanton Solothurn

Ab dann wirkt der neue Verein «Bachtelen Kinderheime und Sonderschulen» im Kanton. Wie Vertreter der Stiftung als auch des Bachtelen bei der Gesprächsrunde in Grenchen erklären, bringen beide Player etwas in den Verein – und profitieren davon. Sichtbar wird das am Foyer Olten – einem Wohnangebot für junge Erwachsene. Das Bachtelen hat vorwiegend Erfahrung im Bereich Sonderschule und Kinderheim, die SKSO betreibt ein Wohnangebot für Schülerinnen und Schüler der Regelschule.

Schon selbstständig, aber nicht ganz auf den eigenen Beinen: Im Oltner Foyer des Vereins stehen junge Erwachsene im Vordergrund. Das Wohnangebot, bei dem zu jeder Zeit eine Betreuungsperson anwesend ist, entstand aus den Erfahrungen des früheren Foyer Jeunesse des Bachtelen und des bisherigen begleiteten Wohnens der SKSO. Hier sollen Personen ab 16 Jahren, die in anderen Angeboten altersmässig keinen Platz mehr finden, begleitet werden - ins Leben hinein.

Silvio Werthmüller, pädagogischer Leiter SKSO, im neuen Foyer Olten.

Schon selbstständig, aber nicht ganz auf den eigenen Beinen: Im Oltner Foyer des Vereins stehen junge Erwachsene im Vordergrund. Das Wohnangebot, bei dem zu jeder Zeit eine Betreuungsperson anwesend ist, entstand aus den Erfahrungen des früheren Foyer Jeunesse des Bachtelen und des bisherigen begleiteten Wohnens der SKSO. Hier sollen Personen ab 16 Jahren, die in anderen Angeboten altersmässig keinen Platz mehr finden, begleitet werden - ins Leben hinein.

Der eher kleinen SKSO kommt dafür die Grösse des neuen Vereins zu Gute. So erklärt Silvio Werthmüller, pädagogischer Leiter SKSO: «Wenn in einem unserer Häuser jemand ausfällt, brauchen wir innert einer Stunde einfach einen Ersatz vor Ort.» Dieser ist nun einfacher zu finden – hat der Pool an Mitarbeitenden doch stark zugenommen durch den neuen Partner. Es sollen aber nicht nur bestehende Angebote verbessert, sondern auch ganz neue aufgebaut werden. «Mit dem Zusammenschluss decken wir den ganzen Jurasüdfuss ab».

Es brauche aber auch ein Wohnangebot für Kinder und Jugendliche aus schwierigen Umfeldern im Schwarzbubenland, erklärt Karl Diethelm, Gesamtschulleiter Bachtelen. Mit einem weiteren Angebot hinter dem Berg ist der Verein im ganzen Kanton vertreten. Das passe auch im Hinblick auf die Pläne des Kantons: Dieser will die Sonderschulangebote in den Regionen besser zugänglich machen. Der Verein hofft, als Partner mitwirken zu können.

Was im Kanton fehle, fährt Diethelm fort, sei auch ein Notfallangebot für Kinder und Jugendliche in der Krise, insbesondere jetzt, da die Solothurner Spitäler bald keine stationäre Kinder- und Jugendpsychiatrie mehr betreiben. Immer mehr habe man es auch mit Kleinkindern mit schweren Störungsbildern zu tun – auch dafür wolle man ein neues Angebot schaffen.

Höhere finanzielle Sicherheit – mehr Zeit für die Klientel

Durch die Fusion kann der Verein eine ganze Palette an Angeboten und Ideen vorweisen. So will man möglichst massgeschneiderte Lösungen für jedes Kind, jede Jugendliche. Das sei nötig – etwa in den schweren Fällen, die man heute im stationären Bereich betreue, sagt Christof Koch, Leiter Entwicklung und Koordination beim Bachtelen. «Meist geht es heute um Mischformen von Störungsbildern bei den Kindern – und gleichzeitig um Belastungsproblematiken, die aus dem Umfeld dazu kommen.» Dafür könne man «leichtere Fälle», wie etwa ein ADHS-Kind, heute eher auch in der Regelschule integrieren, mit Unterstützung eines Heilpädagogen. In beiden Szenarien – stationär, schwer; ambulant, leicht; aber auch Mischformen – will der Verein Hand wirken können.

Hier wohnen Kinder und Jugendliche, die über eine gewisse Zeit nicht zu Hause wohnen können. Sie erhalten einen Platz am Schärme, gehen ganz normal weiterhin in die Schule oder den Kindergarten. Analog dazu existiert in Derendingen das Böglihuus. Die Stiftung wird die beiden Häuser weiterhin betreiben und Kinder, Jugendliche - aber auch Familien begleiten und stärken, damit nach der Platzierung wieder ein sicheres Familienleben möglich ist.

Brigitte Wyss von der SKSO im neu sanierten Huus am Schärme in Hägendorf.

Hier wohnen Kinder und Jugendliche, die über eine gewisse Zeit nicht zu Hause wohnen können. Sie erhalten einen Platz am Schärme, gehen ganz normal weiterhin in die Schule oder den Kindergarten. Analog dazu existiert in Derendingen das Böglihuus. Die Stiftung wird die beiden Häuser weiterhin betreiben und Kinder, Jugendliche - aber auch Familien begleiten und stärken, damit nach der Platzierung wieder ein sicheres Familienleben möglich ist.

«Mit unserer heutigen Grösse sind wir sicher auch mutiger», ergänzt Gustav Keune, designierter Gesamtleiter. Auch weil man Kinder wieder zurückplatzieren könne, wenn ein Wechsel in ein neues Angebot nicht passt. Der oft gehörte Grundsatz «ambulant vor stationär» steht dabei nicht an erster Stelle. «Diesen hat man relativ radikal umgesetzt», so Diethelm, «weil früher auch Unrecht geschehen ist; Kinder zu schnell aus Familien fremdplatziert worden sind.» Allmählich sehe man aber, dass lediglich ambulante Therapien einfach nicht immer ausreichen, und es manchmal auch mehr Zeit braucht.


Zeit will man sich nehmen, für jeden Fall. Aber: Auch der gemeinnützige Verein muss aufs Geld schauen. Laut SKSO will man sich «nicht dem Diktat der Finanzen unterwerfen». Und dennoch: Der Kanton finanziert belegte Plätze – ist ein Platz nicht belegt, zahlt dafür niemand. Als grosser Verein hat man ein Polster, um solche Schwankungen abzufedern – auch ein Grund, weshalb die kleine Stiftung an der Zusammenarbeit mit dem Bachtelen interessiert war.

Aber auch Gesamtleiter Diethelm sagt: «Können wir die Plätze nicht auffüllen, ist nach einem Monat auch bei uns finito.» Insofern müsse man immer den Spagat schaffen zwischen finanziell Überleben – und Dingen die kosten, um dem Klientel möglichst massgeschneiderte Angebote, gut ausgebildete Mitarbeitende und Zeit zu bieten. Um sie im Kleinkindalter, durch die Schulzeit, wenn nötig auch bis ins Erwachsenenalter zu begleiten. Denn, so heisst es auch seitens der Stiftung: «Unsere Überzeugung ist, dass sich dieser Mehraufwand lohnt und sich für die Gesellschaft rechnet.»

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