Er hat unglaublich viel gekrampft für seine Partei: Markus Dietschi ist bei der BDP dabei, seit diese im Kanton gegründet wurde. Seit sechs Jahren ist er ihr Präsident. Der Selzacher wurde zum «Mister BDP» schlechthin. Heute hat Dietschi seinen «Letzten»: Am Abend wählen die BDP-Mitglieder aller Wahrscheinlichkeit nach den Stadtsolothurner Chris van den Broeke zu seinem Nachfolger.

Dietschi war nie ein Politiker, der anderen etwas vormachte. Und so ehrlich bleibt der Kantonsrat auch im Interview. «Wir haben die Ziele nicht erreicht», hadert der Vollblut-BDP-ler mit seiner Partei. Er hat mit seinem Vorstand auch darüber diskutiert, die Partei aufzulösen.

Markus Dietschi, Sie sind Familienvater und Landwirt, führen ein Personalvermittlungsbüro, sind Kantonsrat und BDP-Kantonalpräsident. Wie bringt ein Mensch dies alles unter einen Hut?

Markus Dietschi: Ohne das Verständnis meiner Frau und ohne ein super Team im Rücken, hätte ich dies vergessen können. Ich habe auch nur 24 Stunden pro Tag. Auf der anderen Seite habe ich oft auch gespürt, dass ich hart am Limit laufe.

Treten Sie deswegen zurück?

Nein. Ich wollte das Präsidium ursprünglich gar nicht übernehmen. Ich war Gründungsmitglied und Vizepräsident von Beginn weg. Dann hat mein Vorgänger Hals über Kopf die Partei verlassen. Ich wollte vorübergehend einspringen. Daraus sind sechs Jahre geworden. Mein Rücktritt war deshalb seit längerem absehbar.

Sie sind das Gesicht der Partei geworden. Die BDP war Markus Dietschi. Geht es ohne Sie weiter?

Wir sind keine One-Man-Show. Ich hatte ein sensationelles Team im Rücken. Aber ja: Gegen aussen wurde dies anders wahrgenommen. Man hat mich und meinen Kantonsratskollegen Martin Flury wahrgenommen. Das war sicher kein Vorteil für die BDP. Es ist ein Problem, dass wir nur wenige Köpfe haben. Wir hätten gerne auch andere Personen nach vorne gestellt. Aber wir konnten auf Gemeindeebene nicht Fuss fassen.

Sie sind angetreten, frischen Wind in die Politik zu bringen. Durchgestartet sind Sie aber nicht.

Das ist so. Ich bin da sehr selbstkritisch und auch etwas ernüchtert. Wir haben gerade mal unsere zwei Kantonsratssitze verteidigen können. Aber sonst ist nicht mehr viel vorhanden. Wir haben in acht, neun Jahren kaum funktionierende Ortsparteien aufbauen können. Unsere Mitgliederzahl hat nicht zugenommen. Wie lange will man da weitermachen? Wir haben die Ziele, die ich erreichen wollte, nicht erreicht.

Das klingt resigniert.

Wir wollten uns als eigenständige Partei etablieren und nicht nur als Widmer-Schlumpf-Partei. Das war mein oberstes Credo. Aber es ist uns trotz super Leuten und massivem Einsatz nicht gelungen. Da hätte doch mehr herausschauen müssen. Aber es war nicht der Fall. Für mich ist dies nach sechs Jahren ein unbefriedigendes Ergebnis, welches ich nicht schönreden will. Um nachhaltig auf dem Markt zu bleiben, hätten wir auf der Gemeindeebene mehr erreichen müssen. Für mich macht eine Partei nur Sinn, wenn sie auch in den Ämtern vertreten ist und nicht nur auf dem Papier existiert. Aber nicht einmal in den Städten Solothurn und Grenchen, wo wir hofften, medienwirksame Ämter zu erlangen, ist uns dies gelungen.

Was sind die Gründe dafür?

Die BDP Schweiz hilft uns nicht gerade, weil man sie nicht gross wahrnimmt. Aber ich will dies auf niemanden anderen abschieben. Tatsache ist: Wir schwimmen gegen den Strom. Auch die etablierten Parteien haben Probleme, Leute zu finden. Es soll uns nicht entschuldigen: Aber wir haben es da als neue Kraft noch schwerer.

Sind Sie nicht zu wenig unterscheidbar von anderen Mitteparteien?

Wir haben immer gedacht, dass wir es sind. Aber es ist nicht einfach, sich in der Mitte zu vermarkten. Die Themen sind gegeben, es gibt zwei Meinungen, aber fünf Parteien. Es gibt immer Überschneidungen in der Mitte. Das ist ein Problem, auch für die CVP. Dabei müssen wir doch in der Mitte stärker werden, um unser Land auf Kurs zu halten. Wenn nur rechts gegen links steht, gewinnt niemand. Das war ein Grund, warum wir die BDP überhaupt gegründet haben.

Es bräuchte mehr Mitte?

Definitiv. Ob wir oder andere, das lasse ich heute offen. Aber die Mitte ist wichtiger denn je. Es braucht auch die Rechte und die Linke, aber es darf nicht auch nur rechts und links geben. Man muss mehr zwischen rechts und links vermitteln.

Warum serbelt dann gerade die Mitte?

Es gibt diverse Gegenwinde. Man sieht eine Politikverdrossenheit. Wer wählen geht, klopft rechts oder links auf den Tisch. Die Mitte bleibt zu Hause und sagt: Uns geht es ja gut.

Reden wir nochmals über das Profil der BDP. Wo liegt das eigentlich?

Wir wollen das Landwirtschaftsland schützen und die Energiewende durchziehen. Mit der Raumplanung und der Energie haben wir uns profiliert, auch auf nationaler Ebene. Wir sind aber auch für das Gewerbe und die Wirtschaft da. Hier lehnen wir uns an die FDP an, die früher auch einmal in der Mitte war. Ich komme ursprünglich von der FDP. Aber in Sachen Raumplanung und Energie gibt es heute grosse Unterschiede.

Was unterscheidet Sie denn von der CVP, mit der Sie eine Fraktion bilden?

Sicher die Wirtschaftsthematik. Für die CVP gehen unsere Anliegen in diesem Bereich oft zu weit. Da sind wir näher bei der FDP.

Andererseits sind Sie zwei Landwirte im Kantonsrat. Man könnte die BDP auch als alte Berner SVP verstehen.

Die Landwirtschaft ist für uns extrem wichtig. Und ja: Für die Berner SVP hatte ich immer Sympathie. Die gab es im Kanton nicht, ich bin in einem FDP-Haus aufgewachsen. Von der heutigen SVP unterscheiden wir uns aber in der Art und Weise. Wir wollen auf andere zugehen. Die SVP geht doch nicht auf andere zu. Die SVP zieht nur ihr Ding durch. Die lehnen ein ganzes Budget ab, nur weil sie etwas darin nicht erhalten haben, das sie wollten. Das würden wir nie tun. Wir wollen vorwärtskommen.

Die Finanzpolitik unterscheidet die BDP von ihrem Bündnispartner, der CVP. Sie fordern seit bald zwei Jahren ein neues Sparpaket.

Ja, wir sind massiv überschuldet, und die Ausgaben nehmen zu. Da ist doch seit Jahren Handlungsbedarf. Aber ich bin mit meiner Forderung aufgelaufen. Aber jetzt, mit der Steuervorlage 17 und den hohen Steuerausfällen, die auf uns zukommen, wird ein Massnahmenpaket nötiger denn je. Es wäre besser gewesen, dies früher anzupacken.

Die Steuervorlage verspricht nicht nur massiv tiefere Unternehmenssteuern. Auch die kleineren Einkommen sollen entlastet werden. Das tönt, als ob niemand bezahlen müsste.

Jemand wird bezahlen müssen. Und jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, um zu sagen, wer das tun muss. Die Regierung muss dies vor der Abstimmung beim Namen nennen. Das ist nur ehrlich. Man will dies im Moment nicht gross tun, weil man die Vorlage durchbringen will. Ich will die Vorlage auch durchbringen. Aber es ist nicht fair, nicht zu sagen, welche Konsequenzen es hat. Da muss etwas gehen. Wir müssen wissen, wo gespart werden soll, oder ab welchem Einkommen dann Steuern erhöht werden müssen. Es wird sicher nicht nur die Reichsten treffen. Und das ist auch richtig, weil diese heute schon den grössten Teil der Steuern zahlen.

Aber grundsätzlich sind Sie für die Vorlage?

Ja, wir wollen und müssen diese Vorlage durchbringen. Denn wir haben heute einen Missstand mit der Privilegierung von Statusgesellschaften. Diesen müssen wir beseitigen, um diese wichtigen Firmen und die vielen Arbeitsplätze nicht zu verlieren. Aber wenn man nicht alle Konsequenzen auf den Tisch legt, kann es auch bachab gehen, wie wir das letzte Mal gesehen haben.

Zurück zur BDP: Gibt es die Partei in fünf oder zehn Jahren noch?

(überlegt lange): Das ist eine schwierige Frage. Wir haben uns damit auch auseinandergesetzt.

Es war für Sie auch eine Option, mit der Partei aufzuhören?

Für mich persönlich schon. Ich selbst sehe schwarz. Das ist kein Geheimnis. Aber ich bin die falsche Person für diese Frage. Bei mir ist ein wenig die Luft draussen. Ich war der, der sechs Jahre an der Spitze gekämpft hat und Ziele erreichen wollte, die er nicht erreicht hat. Vielleicht waren sie auch zu hoch. Ein grosser Teil der Partei will aber weitermachen. Davor habe ich grössten Respekt. Es ist ein super Team, das Gas geben und kämpfen will. Es hängt nun an ihnen, nicht mehr an mir. Sie müssen diese Frage beantworten. Ich wünsche ihnen alles Glück, dass es ihnen besser gelingt als mir.