Kinderhilfe

Abschied von den Berliner Kindern: Über 50 Jahre lang fanden Kinder und Jugendliche aus Berliner Heimen Erholung in Gastfamilien der Schweiz

Stilles Ende einer Aktion, die tausenden von Kindern zugute kam: Der Verein wird aufgelöst und mit der Auflösung geht eine Ära zu Ende

Die Versuche zur Wiederbelebung des Vereins führten nicht zum Ziel. Vier Jahre nachdem die Internationale Berliner Kinder- und Jugendhilfe Schweiz mit Sitz in Deitingen ihre Geschäftstätigkeit eingestellt hat, wird sie jetzt aufgelöst. Einzelne Berliner Kinder sind dennoch weiterhin einige Wochen pro Jahr bei ihren Schweizer «Eltern» zu Gast.

Mit der Auflösung geht eine Ära zu Ende. Über 50 Jahre lang fanden Kinder und Jugendliche aus Berliner Heimen und Problemfamilien Erholung in Gastfamilien der Deutschschweiz und des Tessins. Beim ersten Transport im Sommer 1961 waren es ungefähr 600 Buben und Mädchen, beim letzten, den der Verein im Jahr 2015 organisierte, noch 74.

Dabei fehlte es an Kindern, nicht etwa an Gasteltern. Gesamthaft kamen nach Auskunft des Vereins gegen 10 000 Kinder zur Erholung in die Schweiz. Durch den Rückgang der Kinder seien die Kosten des gleichnamigen Berliner Partnervereins untragbar geworden. Auch habe der Senat der Stadt Berlin nach neuen Lösungen gesucht, um das Los der Jugend aus der Unterschicht zu verbessern, zum Beispiel Ferienlager mit Themenschwerpunkten.

«Es wäre uns vielleicht gelungen, andere Geldquellen zu erschliessen, nachdem Berlin aus dem Projekt ausgestiegen war. Die Unterstützung der deutschen Botschaft hatten wir weiterhin. Doch den Willen des Berliner Vereins und des Senats der Stadt gilt es natürlich zu respektieren. So ziehen wir nun den Schlussstrich und lösen die Internationale Berliner Kinder- und Jugendhilfe Schweiz auf.» Aus der Stimme von Reto Hartmann klingt Wehmut. Der Deitinger Künstler leitete den Verein seit 2005. Er ist nun auch schon 76-jährig.

Die Idee der Kinderhilfe hat er als informelles Mitglied des «Berliner Clubs Bern», der Vereinigung der Gasteltern, schon lange zuvor mitgetragen. Zusammen mit seiner Frau hatte Reto Hartmann nämlich selbst ein Kind aus Berlin aufgenommen, das während Jahren die Sommerferien in Deitingen verbrachte. «Wir haben mit Kai bis heute Kontakt. Er ist inzwischen selbst Vater von zwei Kindern.»

«Reise wie im Backofen»

Immer wieder kehren Reto Hartmanns Gedanken zu den Erlebnissen der unzähligen Kindertransporte zurück – fast 30’000 Ferienaufenthalte kamen so zusammen. Er erzählt: «Die Extra-Nachtzüge, mit denen die Kinder in den ersten Jahren reisten, wurden auf der DDR-Seite aus uralten Couchette-Wagen zusammengestellt, die den ganzen Tag in der prallen Sonne gestanden hatten. Das war wie eine Reise im Backofen.

Die Koffer der Kinder legten wir in den Mittelgang der Couchette-Abteile und quer darauf schliefen zwei oder drei Kinder, so viele halt vom Alter her nebeneinander liegend Platz hatten.» Nach kurzem Nachdenken fügt er an: «Heute würde einem das nicht mehr im Traum einfallen – nur schon aus Sicherheitsgründen.» Aus Kostengründen habe man im Jahr 2000 dann auf Tagesreisen im fahrplanmässigen ICE umgestellt.

Der Kindertransport samt Begleitpersonen, hälftig aus der Schweiz und aus Deutschland (je zehn Personen) wurde jeweils von Berlin bezahlt. Die Gasteltern übernahmen alle Ausgaben für die Kinder vor Ort. Der finanzielle Engpass Berlins war nicht das einzige Problem, das nun zur Vereinsauflösung führt. Auch die gesellschaftlichen Voraussetzungen haben sich geändert.

Reto Hartmann erklärt: «Es gibt in den Schweizer Familien immer weniger Hausfrauen, die Gastkinder so lange betreuen können. Zuletzt dauerte der Sommeraufenthalt noch gut dreieinhalb Wochen (ursprünglich waren es sechs Wochen). Selbst diese verkürzte Zeitspanne wurde für Paare und Familien, in denen beide Partner arbeiten, organisatorisch immer schwieriger.»

Strenge Qualitätskontrolle

Dass die Auflösung des Vereins mit einem formellen Schuldenruf (mit Frist am 27. Juni) einhergeht, erklärt sich durch die Tatsache, dass die Internationale Berliner Kinder- und Jugendhilfe Schweizim Handelsregister eingetragen ist. «Darauf hatte der Senat in Berlin bestanden», erklärt der Vereinspräsident. Neben dem Präsidenten betreute eine Geschäftsführerin die Gasteltern und Kinder und kümmerte sich um die Kontakte zum Berliner Partnerverein.

«Wir konnten auf ein Team von erfahrenen Gasteltern als Vertrauenspersonen zählen. Jede neue Gastfamilie, die sich bewarb, wurde von jemandem aus diesem Team besucht, um sicherzustellen, dass die Leute sich für die Aufgabe eignen.» Ausserdem hätten die Bewerber jeweils eine Bescheinigung ihrer Wohngemeinde für ihre Eignung vorlegen müssen. «Zuletzt waren die Anforderungen an die Qualitätskontrolle von deutscher Seite so stark gestiegen, dass unsere schlanke Struktur dem nicht mehr gewachsen war», so Hartmann.

2015 habe dann der Berliner Partnerverein kurz nach der Rückreise der Kinder im Sommer die Gasteltern angeschrieben mit folgender Mitteilung: Die Kinder würden aus Kostengründen nicht mehr in die Schweiz kommen. IBKJ-Schweiz sei davon erst nachträglich informiert worden. «Das hat das Fass zum Überlaufen gebracht», erinnert sich Reto Hartmann an die schwierige Zeit zurück.

Allen Widrigkeiten zum Trotz: Ein paar Gasteltern wollen sich «ihre» Berliner Kinder, die sie seit Jahren betreuen, nicht nehmen lassen. Seit vier Jahren vereinbaren sie den Aufenthalt direkt mit deren Eltern oder dem zuständigen Heim. «Inzwischen sind mir noch rund 15 Kinder bekannt, die so in der Schweiz Ferien machen», sagt Reto Hartmann. «In einigen Jahren, spätestens wenn die Jugendlichen volljährig sind, werden diese Besuche aufhören.»

Bis dahin betreiben manche dieser Gasteltern einen beträchtlichen Aufwand, um den Kontakt aufrecht zu halten. «Eine Familie holt und bringt ihre Gastkinder sowie die Gastkinder einer zweiten Familie mit dem Flugzeug», sagt Reto Hartmann.

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