Am 11. August 2018 soll es auf dem Weissenstein losgehen. In 14 Tagen möchte Keller sein 700 Kilometer entferntes Ziel Girona erreichen – mit dem Gleitschirm und dem Rollstuhl fliegend und rollend. Die Route ist dabei völlig offen. Am 25. August 2018 endet das Zeitfenster. «Ich möchte etwas früher da sein, weil ich noch baden möchte», lacht der 55-Jährige.

Auf das Projekt bereitet sich der Bellacher, der 2012 beim Gleitschirmfliegen verunfallte und seither querschnittgelähmt ist, derzeit intensiv vor. Zwei Mal die Woche trainiert er im Kraftraum, jeden zweiten Tag legt er mit dem Handbike oder dem Rollstuhl Kilometer auf den Strassen zurück. Dazu kommt das Training mit dem Gleitschirm. «Damit ich mit viel Flugerfahrung und Routine in das Projekt starten kann», so Keller.

Vor einigen Monaten wäre das nicht möglich gewesen. Im November 2017 musste er sich im Paraplegiker Zentrum in Nottwil die Schulter operieren lassen. Weil die Sehne erneut riss, musste er noch einmal unters Messer. «Als Rollstuhlfahrer mit zweimal operiertet Schulter bewegt man sich nicht mehr viel», so Keller. Er habe auch aufs Gewicht schauen müssen. Am 1. April durfte er nach Hause. «Da war ich auf einem recht tiefen Niveau. Das hat sich in kurzer Zeit aber massiv verbessert. Bis zum 11. August werde ich ziemlich fit sein.» Schmerzen hat er keine. «Der Schulter geht es hervorragend.»

Team am Boden

Erfahrung hat Stefan Keller schon mit sportlichen Challenges. Im August 2017 überquerte er die Alpen von der Alp Scheidegg über den Alpenkamm nach Ascona (TI) mit dem Rollstuhl und Gleitschirm. Allerdings dauerte dieses Unterfangen lediglich drei Tage. Im August will er viel länger unterwegs sein. 

Mit dem Rollstuhl über die Alpen fliegen

Mit dem Rollstuhl über die Alpen fliegen

Nach einem Gleitschirmunfall ist Stefan Keller gelähmt. Der Sportler lässt sich deshalb aber nicht aus der Bahn werfen und wagt das Undenkliche.

Je nach Wetterlage wird sich Keller dem Jura entlang nach Südwesten Richtung Genf, oder bei einer Nordwindlage über das Mittelland Richtung Voralpen orientieren. Ideal würde zu Beginn die Biese gehen und im Rhone-Tal der Mistral. «Wir nehmen es, wie es kommt», so Keller.

Anstrengend wird es aber für ihn, wenn es mehrere Tage regnet. Dann muss er Armkraft einsetzen, um vorwärts zu kommen. Nur bei länger anhaltenden Steigungen mit mehr als 6% – eine verbreitete Norm für die Neigung einer Rollstuhlrampe – und im unwegsamen Gelände erlaubt er sich, auf Hilfsmitteln wie Bergbahnen, Bus oder Autos zurückzugreifen. «Ich musste mich auch schon von Fussgänger ziehen lassen», sagt Stefan Keller. Im letzten Jahr liess er sich von der Historischen Gotthardpost einen Pass hinauf ziehen. «Vor Ort solche Sachen zu organisieren, ist ein spannender Teil der Challenge», meint Keller.

Stefan Keller wird von der Kutsche der Historischen Gotthardpost hinauf gezogen. (Archiv)

Stefan Keller wird von der Kutsche der Historischen Gotthardpost hinauf gezogen. (Archiv)

Bei seiner Challenge wird der Coach und Gleitschirmlehrer von zwei Begleitpersonen im Auto unterstützt, die für Material, Logistik und Verpflegung zuständig sind. «Mein Team ist vor oder hinter mir und muss mit mir zusammen taktische Überlegungen machen und Unterkünfte organisieren.» Das müsse teilweise sehr spontan erfolgen.

Warum ist gerade Girona in den spanischen Pyrenäen da Ziel? Dort befinde sich der Firmensitz seines langjährigen Gleitschirmpartners Niviuk, erklärt Keller.

Und wer weiss: Vielleicht zieht es im August sonst noch jemanden in Richtung Spanien? Stefan Keller wünscht sich noch einen Fussgänger als Gegner. Eine Person, die auch Gleitschirm fliegen kann und das ganze Projekt in einen direkten Wettbewerb verwandeln kann. 

Weissenstein bis Girona: Stefan Keller stellt das Projekt vor

Barrierefreiheit verbessern

Einfach aus Spass nimmt Stefan Keller die 700 Kilometer nicht in Angriff. Das Projekt hat einen bestimmten Hintergrund: Solothurn soll die rollstuhlgängigste und Barriere freundlichste Kantonshauptstadt der Schweiz werden, wünscht sich der Paraplegiker. 

Die Ambassadorenstadt stehe diesbezüglich nicht schlechter da als andere Schweizer Städte, meint der 55-Jährige. Er sei aber viel im Ausland unterwegs und sehe, wie es besser funktionieren würde. «In der Schweiz liegt es nicht am guten Willen, sondern mehr am Bewusstsein, dass man betreffend Barrierefreiheit etwas unternimmt», so Keller. Er möchte einen Denkprozess auslösen. 

Gleichzeitig weist er auf den Nutzen der Rollstuhlgängigkeit hin. 15 Prozent der Schweizer Bevölkerung hätten ein Handicap. Auch dieser Teil der Bevölkerung würde konsumieren. Der Tourismus und die Geschäfte würden sich diesen Markt verbauen, wenn Schwellen bestehen. 

Einige Unterstützung fehlt noch

Kein Projekt ohne finanzielle Mittel. Minimal 30'000 Franken werden für das Projekt budgetiert. Wenn mehr Geld zusammen komme, «sind wir komfortabler unterwegs. Dann können wir das Ganze auch noch filmen.» Keller stellt sich ein zwei- bis dreiköpfiges Filmteam vor, dass die Reise dokumentiert. «Ein Kino-Film wäre schön.» Der sportliche Bellacher hatte schon Kontakt mit diversen Film-Firmen. «Es ist mehr eine Frage, ob wir uns das auch leisten können.»

Ein Grossteil der benötigten Gelder soll über Sponsoring zusammenkommen. Dazu setzt Stefan Keller auch auf Crowdfunding. Auf der Crowdfunding-Homepage «I believe in you» sucht er Personen, die sein Projekt unterstützen. «Das Crowdfunding ist leider etwas harzig angelaufen», so Keller. 23 Unterstützer haben ihm bis Donnerstag, 21. Juni, Geld zugesprochen. Die über 2500 Franken sind aber angesichts der benötigten 15'000 Franken noch viel zu wenig. Erreicht er sein Ziel nicht, gibt es gar kein Geld. 

Könnte das Projekt dann kippen? «In den nächsten zwei bis drei Wochen wird sich entscheiden, ob das Projekt realisierbar ist oder nicht», erklärt Keller. Das Crowdfunding läuft noch bis am 6. Juli. Wer Unterstützung zusagt, bekommt auch eine Belohnung aus einem «recht attraktiven» Katalog, wie Keller ausführt. Vom Kalender, Team-T’shirt, bis hin zum Gleitschirmschnuppertag und Risotto-Essen steht viel zur Auswahl – je nach Höhe des gespendeten Betrages. «Ich bin froh, um jede Form der Unterstützung und voller Hoffnung, das Ziel zu erreichen», gibt sich Stefan Keller optimistisch.

Weitere Informationen zum Projekt gibt es hier