Abschlussfeier

12 erfolgreiche Lehrabschlüsse an der Uhrenmacherschule im ZeitZentrum

In diesem Jahr konnten nur die Berufslernenden, die ihre praktische Ausbildung in den Werkstätten am ZeitZentrum durchlaufen haben, an der traditionellen Lehrabschlussfeier teilnehmen

In diesem Jahr konnten nur die Berufslernenden, die ihre praktische Ausbildung in den Werkstätten am ZeitZentrum durchlaufen haben, an der traditionellen Lehrabschlussfeier teilnehmen

Die diesjährige Lehrabschlussfeier am ZeitZentrum vom 3. Juli war in mancherlei Hinsicht einmalig. Aber nicht nur in Zeiten wie diesen ist Wandel die einzige Konstante, wie Festredner Jonas Simon Nydegger, Geschäftsleiter von THE+, eines in Biel ansässigen Startup-Unternehmens, welches das neuartige Uhrwerk K1 entwickelt hat, ausführte.

Gewöhnlich füllt die Lehrabschlussfeier an der Uhrmacherschule ZeitZentrum locker den Saal des Parktheaters Grenchen. In diesem unter dem Stern der Pandemie stehenden Jahr musste die Schule auf die Organisation eines Grossanlasses verzichten und führte die Abschlussfeier distanzregelkonform in kleinem Rahmen durch. Es waren nicht nur die Lernenden aus der Industrie und den Fachgeschäften abwesend, nicht einmal die Eltern der anwesenden erfolgreichen Berufsleute waren heuer eingeladen. Dank der Unterstützung durch die ebenfalls im BBZ Grenchen beheimatete Höhere Fachschule für Technik hftm konnten sie die Feier aber per Live-Stream mitverfolgen.

Rektor Daniel Wegmüller richtete sich in der Aula des BBZ Grenchen an den «harten Kern» der Lernenden am ZeitZentrum, jene nämlich, die ihre praktische Ausbildung am ZeitZentrum durchlaufen haben. Die Lehrwerkstätten am ZeitZentrum verfügen über eine Kapazität von 14 Ausbildungsplätzen pro Lehrjahr; nach vier Lehrjahren und erfolgreichem Lehrabschluss können die Absolventinnen und Absolventen ihr Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis für Uhrmacherinnen und Uhrmacher der Fachrichtung Rhabillage entgegennehmen. In diesem Jahr haben 12 Lernenden, die diesen Weg gegangen sind, die Schlussprüfungen erfolgreich bestanden. Rektor Wegmüller wollte vor dem Hintergrund der gegenwärtig schwierigen Arbeitsmarktlage nicht in düsteren Farben malen und wies darauf hin, dass die Uhrenbranche noch aus jeder Krise wieder zu neuer Blüte auferstanden sei, zuletzt nach der Finanzmarktkrise von 2008/09. «Ihr als Fachleute wisst ja: Mechanische Schweizer Uhren sind immer gefragt.»

Die jungen Berufsleute bedankten sich nicht mit einer Rede, sondern sie führten einen kurzen Film vor, der Szenen aus ihrer Ausbildungszeit präsentierte, welche nicht nur technische Raffinesse verrieten, sondern auch Kreativität und jugendlichen Witz.

Covid-19 ist nicht an allem schuld

Nahtlos an Rektor Wegmüllers Ausführungen sowohl wie an den Film, in dem er motivierte, junge Leute erkannte, schloss Gastredner Jonas Simon Nydegger, CEO bei der jungen Bieler Firma THE+, welche das neuartige Uhrwerk K1 entwickelt hat, an. Er selbst war vor 16 Jahren an der Stelle gesessen, wo die Protagonistinnen und Protagonisten der Feier jetzt sassen. Heute hat er täglich mutige Entscheidungen zu treffen, von denen das Gedeihen des Unternehmens abhängt, und kennt den Arbeitsmarkt für Uhrmacherberufe sowohl von der Arbeitgeber- wie auch von der Arbeitnehmerinnen-Seite.

Jonas Simon Nydegger diagnostizierte die fundamentalste Krise der Uhrenbranche seit den 1970er Jahren, an der die Trägheit und «Beratungsresistenz» der Branche selbst nicht ganz unschuldig gewesen sei. Seiner schonungslosen Analyse zufolge ist auch heute nicht Corona der einzige Grund für die aktuelle Krise. So wie die Branche damals den Technologiewechsel mit der Quarzuhr verpasste, habe sie nun zu zögerlich auf die neuen Realitäten wie Online-Shopping, neue Retail-Formate, Veränderungen des Marketing durch Social Media und Smartwatches reagiert – und zu alledem kam in diesem Frühjahr Covid-19. «In einer solchen Situation ist es wichtig, dass man neue Ansätze, Kreativität, Motivation und Weitsicht anwendet.» Wandel ist angesagt. «Ich erzähle euch das, weil ihr jung seid – ihr seid die Zukunft, ihr werdet die in den kommenden zehn Jahren unumgänglichen Veränderungen begleiten und Impulse geben.»

Nydegger kann aus eigener Erfahrung berichten. Seine Firma hat ein komplett neues Werk konstruiert, entwickelt und produziert. Es wurde in der Hemmung Silizium eingebaut und für die Zifferblattseite ein modularer Ansatz gewählt. «Ihr könnt euch vorstellen, wir haben Himmel und Hölle in Bewegung setzen müssen, bis uns jemand ernst genommen hat.» Also wurde auch Kapital auf neue Art und Weise – über Crowdfunding – beschafft und ein eigenes Netzwerk von Lieferanten aufgebaut. «Alles neue Ideen, nur damit wir überhaupt überleben konnten.» Und dann passierten zwei Dinge. Zuerst bricht die Wettbewerbskommission das Monopol des wichtigsten Schweizer Werk-Herstellers, dann folgt das Virus, das «allen auf der Produktseite Dampf macht» – und von einem Schlag auf den anderen sind die Werke von Nydeggers Firma «in der halben Uhrenindustrie» gefragt. Die Krise kann auch eine Chance sein und erzeugt Druck auf Veränderungen.

«Leading Change»

Vor diesem Hintergrund konzentrierte sich Jonas Simon Nydegger in seiner Ansprache auf einige Kernfragen: Was müssen die Lernenden der Industrie ihrer Branche in Zukunft bieten? Was muss diese umgekehrt ihnen bieten? Für Nydegger ist dabei keine Frage, dass sich die Beziehung zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Zukunft verändern muss. Es kann niemand mehr nach Abschluss der beruflichen Grundbildung auf eine lebenslange Anstellung hoffen. Arbeitnehmer wie Arbeitgeber müssen sich gemeinsam der Dynamik des Wandels stellen.

Seitens der Arbeitnehmenden ist es wichtig, Ansprüche und Realität aufeinander abzustimmen. Nydegger rät den jungen Berufsleuten sich gut umzusehen und sich mit der Entscheidung für eine Anstellung Zeit zu lassen. Sie sollten darauf achten, dass ihnen Freiheiten und Entwicklungsmöglichkeiten, Anforderungen und Förderungschancen geboten werden. Es seien, zumal in der ersten Phase der Berufstätigkeit, Entwicklungschancen wichtiger als der Lohn. Wertschätzung sei wichtiger und zahle sich später aus. Die Bereitschaft sich auf neue Erfahrungen einzulassen sei unerlässlich. «Geht von Anfang an aus eurer Komfortzone heraus und gebt Vollgas.» Dabei sei es immer auch in der Verantwortung der Arbeitnehmenden, die eigenen Grenzen zu erkennen und sich vor einer Selbstüberforderung zu schützen. «Macht Yoga, treibt Sport, sorgt für den nötigen Ausgleich!»

Arbeitgeber brauchen heute «sensible Arbeitnehmer mit scharfen Sensoren», die «Vollgas geben». Arbeitgeber erwarten Einsatz, harte Arbeit und Loyalität. Sie müssen aber im Gegenzug ihren Angestellten die gebührende Wertschätzung entgegenbringen. Sie dürfen fordern, aber sie müssen auch fördern.

Besonderes Gewicht misst Nydegger dem «Change Management» zu. Entscheidend sei heute in jeder Firma, wie sie mit dem unablässigen Wandel umgeht. Dieses müsse den Kern einer jeden Unternehmenskultur bilden. Er legte den staunenden jungen Berufsleuten dringend die Lektüre des Buches «Leading Change» von John P. Kotter nahe, eines Klassikers der Management-Literatur. Ein dynamisches Unternehmen beteiligt Arbeitnehmer an der Entwicklung und Umsetzung neuer Ideen.

Nydeggers Quintessenz stellt dem Solothurner Lied («S’isch immer so gsy») kein gutes Zeugnis aus: «‹So haben wir es immer gemacht› ist die gefährlichste Strategie.»

Nur ein bisschen wie immer: Auszeichnungen und Preise

Wie alle Jahre vergaben Schule, der Verband deutschschweizerischer Unternehmen der Uhren- und Mikrotechnik VdU, Sponsoren – namentlich die Firma Ed. Lauper in Biel, die dem ZeitZentrum schon lange Jahre die Stange hält –  sowie der Verband der ehemaligen Schülerinnen und Schülern der Uhrmacherschule VESUS Auszeichnungen und Preise für Bestleistungen. Fünf Vollzeitlernende des ZeitZentrums konnten mit einer über die gesamte Lehrzeit ermittelte Gesamtnote von mindestens 5.0 ein Diplom entgegennehmen, als beste Regula Naeff mit 5,65. Sie erzielte mit 5,7 auch die höchste Bewertung im Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis.

Abschliessend verlieh Rektor Daniel Wegmüller seiner gespannten Erwartung Ausdruck, wann und wo und in welcher Funktion er und die Lehrenden am ZeitZentrum den jungen Berufsleuten in Zukunft wieder begegnen werden. «Denn in der Schweizer Uhrenwelt kennt man sich.»

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