Ivo Bracher

Harsche Kritik: Für den Experten sieht Solothurn im Alter alt aus

Für Ivo Bracher müssten die Stadt und die Bürgergemeinde in Sachen Heime über die Bücher.

Der Experte für altersgerechtes Wohnen übt harsche Kritik zur Pflegheim-Situation in Solothurn.

Sie gelten als der Spezialist für altersgerechtes Wohnen; über 1000 Bonacasa-Wohnungen sowie die Begleitung von zehn Heimbauten in 25 Gemeinden sind Ihre Referenz. Doch möchten Sie in Solothurn mit Unterstützungsbedarf alt werden?

Ivo Bracher: Wenn ich keinen Platz im Tertianum oder im Wengistein finden kann oder will, dann im Moment nicht. Wir haben mit dem Magnolienpark, dem Forst und den beiden Heimen der Bürgergemeinde im Thüringenhaus und zu St. Katharinen vier veraltete Pflegheime auf Stadtboden. Sie alle sind baulich nicht mehr auf moderne Kundenbedürfnisse ausgerichtet und wegen der schlechten Baustruktur mit hohen Betriebskosten belastet.

Aber es gibt Bestrebungen, Abhilfe zu schaffen?

Ja, aber der geplante Zusammenschluss des Magnolienparks mit dem Forst soll nun auf Bellacher Boden stattfinden und das Thüringenhaus durch den Ausbau von St. Katharinen ersetzt werden. Und dies wird erst noch ermöglicht mit Geld aus einer stadteigenen Stiftung – rund 1,5 Millionen Franken – und der Abgabe von stadteigenem Land. Beide Planungen führen zu peripheren Standorten, und rund um St. Katharinen fehlen auch Erweiterungsmöglichkeiten beispielsweise für generationentaugliche Wohnungen.

Sie sehen ein Heim nicht als isolierte Institution?

Nein, es gibt gute Beispiele, wie es anders funktionieren kann, und ich habe schon öfters bei solchen Projekten in Biel oder im Gäu mitgewirkt. Ich bin Präsident der Genossenschaft Läbesgarte und Alterssiedlung Biberist. Dort verfügen wir über ein umfassendes Dienstleistungszentrum mit den Bereichen Bonacasa-Wohnen, Pflege, Demenz Spitex-Restaurant/Catering und der Alterssiedlung Egelmoos. Dieser «Nukleus» verschafft uns viele Vorteile …

… die da wären?

Die aufgewendeten Spitex-Stunden sind vor allem wegen der Alterung der Bevölkerung in den letzten zwölf Jahren in Biberist um das Dreifache auf über 30'000 Einheiten gewachsen. Doch dank der Konzentration aller Dienstleistungen ist der Subventionsbetrag der Gemeinde massiv von rund 40 Franken pro Stunde auf noch ungefähr 14 Franken gesunken, und die Gesamtkosten haben sich reduziert.

Denn die Spitex-Kosten zahlt letztendlich die Öffentlichkeit. Im Weiteren erarbeiten wir einen Cashflow, der die Investitionen in den laufenden Gebäudeunterhalt deckt. Das ist bei den genannten veralteten Heimen in Solothurn nicht der Fall. Sie können mit ihrem Ertrag nur gerade die laufenden Betriebskosten bestreiten.

Sie haben Alternativen auch für die Heime auf Stadtboden aufgezeigt?

Wir hatten schon einen Platz für ein Altersheim im Rahmen der «Wasserstadt» geplant, die ja dann abgelehnt worden ist. Schon vor fünf Jahren, bei der Erarbeitung des Räumlichen Leitbilds zur jetzigen Ortsplanungsrevision, habe ich Vorschläge für ein Alters-Dienstleistungszentrum beim Stadtbauamt aktiv eingebracht. Sie wurden aber nicht aufgenommen. Ebenso hat «bonacasa» in Eigeninitiative eine Studie über den Zustand der Heime in Absprache mit dem Bürgergemeindepräsidenten – Kostenpunkt rund 30'000 Franken – verfasst und der Bürgergemeinde Solothurn zukommen lassen. Doch haben wir nie mehr etwas von ihr dazu gehört.

Das klingt nicht gerade nach einer Problem-Wahrnehmung.

Nein. Aber das Problem ist das Silo-Denken der Verantwortlichen. Die Leitung des Sozialamtes denkt nur in ihrem Silo, die fürs Bauen ebenso wie jene für die Finanzen.

Die Wasserstadt ist keine Option mehr. Wo sehen Sie dann auf Stadtboden mögliche Standorte für einen «Nukleus» wie in Biberist?

Beim Westbahnhof oder im Weitblick. Wobei ich den Westbahnhof für geeigneter halte, denn im Weitblick rechne ich noch mit sechs bis acht Jahren, ehe dort gebaut wird oder werden kann. Die Stadtbehörden sollten deshalb in Bezug auf einen Standort Westbahnhof nochmals mit den SBB reden. Solothurn sollte proaktiv wie in anderen Städten auch einen zentralen Standort für die Altersversorgung evaluieren. Ein solcher bringt neben den erwähnten Kostensenkungen auch den Anreiz für Investoren, im Umfeld altersgerechte Wohnungen zu bauen. Und ein zentral gelegenes Alterszentrum ist vor allem besser für Bewohner und Personal als eines draussen in der Peripherie.

Was müsste ausserdem getan werden?

Jede neue Wohnung müsste künftig hindernisfrei gebaut werden – das sollte in der Bauordnung stehen.

Ist denn der Bedarf für einen solch massiven Ausbau der Altersinfrastruktur überhaupt vorhanden?

In den nächsten 15 Jahren werden wir eine Verdoppelung der 80-Jährigen haben. Ich frage mich manchmal, wie Stadtpräsident Kurt Fluri und seine Verwaltungsleitenden in Solothurn mit 80 und mehr in Solothurn noch komfortabel und kostengünstig leben wollen!

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Autor

Wolfgang Wagmann

Wolfgang Wagmann

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