Grenchen
«Wir haben das ‹Feldschlösschen› basierend auf Mundpropaganda aufgebaut» – nun ist die Beiz zu

Mehmet und Bayram Yigit haben per Ende 2020 das Restaurant Feldschlösschen geschlossen. Noch läuft die Suche nach einem Nachfolger. Zum Abschied lüftet das Team das Erfolgsgeheimnis der langjährig erfolgreichen Quartierbeiz.

Daniela Deck
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Suchen einen Nachfolger für das geschlossene Restaurant Feldschlösschen: Bayram (links) und Mehmet Yigit.

Suchen einen Nachfolger für das geschlossene Restaurant Feldschlösschen: Bayram (links) und Mehmet Yigit.

Hanspeter Bärtschi

Nach fast 20 Jahren als Gastgeber haben Mehmet und Bayram Yigit das Restaurant Feldschlösschen zum Jahresende geschlossen. Gesundheitliche Probleme und der Mangel an Personal zu ihrer Entlastung haben die Brüder bewogen, das Licht der grossen Quartierbeiz im Norden der Stadt zu löschen. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blicken sie zurück – und hoffen immer noch auf einen Nachfolger.

«Noch ist für mich der Abschied nicht ganz real. Vom Gefühl her sind wir als Familie noch immer hier im Betrieb», sagt Bayram Yigit eine Woche nach der Schliessung. Bis zum Schluss per Take-away hätten die Stammgäste dem «Feldschlösschen» die Treue gehalten. «Wir hatten im Restaurant eine grossartige Zeit. Dafür können wir den Leuten gar nicht genug danken.» Das sagen die beiden Inhaber immer wieder.

Start mit Durcharbeiten ohne Ruhetag

Sie sitzen am runden Stammtisch in der Ecke der geräumigen und jetzt ungeheizten Gaststube und erinnern sich an den Start im Jahr 2001. Der war hart. Der Kauf des seit Jahren leerstehenden Betriebs samt Bar und Kegelbahn aus einer Konkursmasse war ein Risiko. Doch Bayram und Mehmet Yigit, so unterschiedlich sie sind, haben etwas gemeinsam: Sie glauben an die Zukunft. Auch heute, da es gilt in der schwierigen gesellschaftlichen Lage in Grenchen beruflich neu Fuss zu fassen.

In den ersten Jahren verzichteten Yigits bewusst auf einen wöchentlichen Ruhetag. Die Beiz war jeden Tag von 9 Uhr bis gegen Mitternacht offen. Organisatorisch gab es noch eine Besonderheit: Bayram, der Koch gelernt hatte, betreute die Gäste. Mehmet, der Autodidakt, leitete die Küche. Mehrere Jahre Erfahrung im Gastgewerbe hätten sie mitgebracht, aus dem Aargau, wo die siebenköpfige Familie in Brugg lebte und wo die Eltern noch immer daheim sind. Doch ein eigenes Restaurant, das war Neuland für die zwei Brüder. Dass sie sich dazu einen Betrieb mit einer Kapazität von 200 Gästen aussuchten, überrascht da umso mehr.

In der grossen Küche konnte vieles nach dem Stillstand wieder in Gebrauch genommen werden. Sie gestalteten den Innenraum neu, richteten die Kinderecke ein und bauten später den Wintergarten an der Südfassade an. Die Bar im Untergeschoss machte sich einen eigenen Namen als Treffpunkt. Durch die Veränderungen in der Gesellschaft – Rauchverbot und soziale Trendwenden – wurde die Bar schon vor drei Jahren geschlossen.

Quartierbewohner und Vereine umworben

Zögerlich kamen die ersten Neugierigen – und sie kamen wieder und brachten Familie und Freunde mit. «Wir haben das ‹Feldschlösschen› basierend auf Mundpropaganda aufgebaut», sagt Mehmet Yigit. «Das ging nicht schnell, aber wir wollten es einfach schaffen.» Aufgrund jahrelanger Vereinserfahrung seit der Jugend im Fussballklub hatte sein jüngerer Bruder gleich zu Beginn die Idee, die Grenchner Vereine zu umwerben. Bayram Yigit erinnert sich: «Wir haben Matchbälle gesponsert, in den Vereinsorganen inseriert.»

Die Vereine kamen. Von den Witijättern bis zu den Organisatoren des Autoslaloms, auch Fussball- und Turnvereine. Parallel dazu bildeten die Quartierbewohner feste Gewohnheiten aus. Sie kamen zum Jassen, auf ein Glas Wein oder für einen Schwatz zwischen den Gängen beim Abendessen. Schliesslich war der freundschaftliche Kontakt so etabliert, dass Nachbarn abends gelegentlich hereinkamen, um Zucker oder Eier zu borgen. Bayram Yigit selbst hatte keine Zeit mehr für eigene Vereinsaktivitäten. Ohne Zimmerstunde arbeitete er in den Anfangsjahren oft 14 Stunden am Tag. Jetzt möchte er mehr Zeit mit der Familie verbringen.

Türkische Wochen waren weitherum beliebt

Seine Gewohnheit die Leute mit Handschlag zu begrüssen und Anteil an ihrem Leben zu nehmen, brachte dann und wann den Küchenchef ins Schwitzen. Daran erinnern sich die Brüder lachend. Bayram Yigit: «Mehmet hatte den Ehrgeiz, das Essen in bestem Zustand vom Herd sofort auf den Tisch zu bringen. Für mich stand die Beziehungspflege im Vordergrund. Da konnte es vorkommen, dass das Essen ein paar Minuten in der Küche warten musste.»

Die türkischen Wochen, bei der die Mutter aus dem Aargau anreiste und zwischen Lahmacun und Baklava das Zepter führte, hätten sogar Gäste von auswärts angelockt. Auch die Kombination von Kegeln und Essen sprach sich herum, für Familien-, Vereins- und Firmenfeste. «Ich habe mich mit allen Generationen gut verstanden», sagt Bayram Yigit. Wurde der Ansturm allzu gross, kamen den Brüdern oft die Ehefrauen und eine Schwester zu Hilfe. Mehmet zog allgemein die Tätigkeit in der Küche vor, weshalb er bei den Gästen weniger bekannt war als Bayram.

Kräfte künftig besser einteilen

Als sich der Erfolg abzeichnete, gönnte sich das Familienunternehmen den Montag als Ruhetag und im Sommer dreiwöchige Betriebsferien. Ansonsten habe es kaum einen Tag gegeben, bei dem nicht mindestens einer der Brüder zum Rechten schaute. Im August letztes Jahr kam schliesslich der Dienstag als zweiter Ruhetag dazu.

Doch da war es für die Kräfte der Inhaber schon fast zu spät. Besonders Mehmet Yigit muss sich dringend erholen. «Wir haben seit drei Jahren überlegt, wie es im ‹Feldschlösschen› weitergehen kann», sagt er. «Wäre es nicht so schwierig, in der Gastronomie verlässliches und beständiges Personal zu finden, hätten wir den Betrieb mit einem Geschäftsführer beibehalten.» Dann, nach einigem Überlegen: «Vielleicht hätten wir uns früher nicht so verausgaben sollen.» Nun hofft die Familie Yigit einen Mieter für das «Feldschlösschen» zu finden und dieses später verkaufen zu können. Nach einer Auszeit können die Brüder sich vorstellen, im kleinen Rahmen einen Catering-Betrieb aufzubauen.