Grenchen

Wie Reto Kämpfer die Doppel-Leitung unter einen Hut bringt

Reto Kämpfer in seinem Büro bei den Sozialen Diensten Oberer Leberberg (SDOL).

Reto Kämpfer in seinem Büro bei den Sozialen Diensten Oberer Leberberg (SDOL).

Reto Kämpfer, der neue Leiter der Sozialen Dienste und des Netzwerks Grenchen, stellt sich vor.

Anfangs Oktober hat Reto Kämpfer, der bisherige Leiter des «Netzwerk Grenchen» auch die Leitung der Sozialen Dienste Oberer Leberberg (SDOL) übernommen. Er führt die von einem Vorgänger Kurt Boner eingeleitete Entwicklung der Integration der Dienstleistungen rund um Arbeitslosigkeit, Stellensuche, Weiterqualifizierung, Sozialversicherungen etc. weiterzuführen.

Ein Job, der Kämpfer zurzeit noch zwei Arbeitsplätze in zwei verschiedenen Büros beschert. Zum einen weiterhin im Ebosa-Areal an der Kapellstrasse, wo das Netzwerk Grenchen seine Basis hat. Es ist das Kompetenzzentrum für Massnahmen der Qualifizierung auf dem Arbeitsmarkt und für Beschäftigungsprogramme, die wiederum in Zusammenarbeit mit der überregionalen Organisation Pro Work in Solothurn angeboten werden.

Zwei Chefposten in Personalunion

Seit Oktober ist Kämpfer aber in Personalunion auch SDOL-Chef, d. h. Leiter des Regionalen Sozialamtes, das im Postgebäude untergebracht ist. Insgesamt ist Kämpfer damit Chef von rund 100 Personen, welche in diesen beiden Bereichen arbeiten, viele davon in Teilzeitpensen. «Es bedeutet für mich zurzeit, dass ich regelmässig – manchmal mehrmals  täglich – zwischen den beiden Büros hin- und herwechsle, was bei der Gehdistanz aber kein grosses Problem ist», erläutert der neue SDOL-Chef.

«Da ist es noch fast schwieriger, die beiden Outlook-Kalender zu fusionieren», fügt er schmunzelnd hinzu. Entsprechend der Grösse der Abteilungen verteilt sich die Grösse der Arbeitsbelastung zu 60 Prozent auf SDOL und zu 40 Prozent aufs Netzwerk. Dies sei unter anderem möglich, durch das etablierte Leitungsteam im Netzwerk, welches ihm erlaube, Verantwortung zu delegieren.

Prozesse beim SDOL neu aufgegleist

Kämpfer, der seit 2013 das Netzwerk leitet und zuvor stellvertretender Leiter des Arbeitsamtes Biel war, erklärt, wie er in die neue Aufgabe sozusagen hineingewachsen ist. Und zwar durch die rund vierjährige Projektphase der Betriebsanalyse und des Leitbildprozesses beim SDOL, das unter anderem das nähere Zusammenrücken mit dem Netzwerk vorschlug und die Umsetzung eines Testbetriebs unter dem Namen «Info & Intake», der eine Beschleunigung der Abklärung der konkreten Bedürfnisse von Personen beinhaltet, die sich auf dem Sozialamt melden.

Der Testbetrieb verlief erfolgreich und wurde inzwischen finalisiert. «Unser Ziel, dass wir 2 bis 3 Wochen nach dem Erstgespräch Massnahmen einleiten können, ist diesem Prozess unter dem Motto ‹Näher zu den Menschen› zu verdanken», erklärt Kämpfer. Ein Motto übrigens, das schon immer seiner Werthaltung und Führungsphilosophie entsprochen habe.

Auch wenn somit keine grosse Änderung in der Führungsphilosophie zu erwarten ist, verweist Kämpfer auf den menschlichen Aspekt: «Es gilt, bei den beiden Institutionen sozusagen eine kulturelle Fusion vorzunehmen.» Um die angedachten Synergien auch erzielen zu können, müssen alle an einem Strick ziehen. Erst recht, wenn im Frühjahr 2021 der Umzug der SDOL ins Ebosa-Areal ansteht. Dann werden Netzwerk und SDOL auch örtlich unter einem Dach arbeiten können. Ob auch die beiden heute strukturell unabhängigen Institutionen einmal fusionieren können, ist zurzeit noch unklar.

Dies hängt mit der Organisation zusammen. Beide Organisationen sind von den Gemeinden Grenchen, Bettlach, Selzach und Lommiswil getragen, Grenchen stellt allerdings als Leitgemeinde der Sozialregion die ganze Infrastruktur und auch das Personal des Sozialamtes. Das Netzwerk Grenchen ist ein Verein und arbeitet im Rahmen von mehreren Leistungsverträgen für das Amt für Wirtschaft und Arbeit, das Amt für soziale Sicherheit, die Invalidenversicherung, für die Stadt Biel und das Seeland in der beruflichen Integration. Es arbeitet seinerseits mit Pro Work zusammen, wo es um Beschäftigung und Tagesstrukturen geht.

Im Sinne der Betroffenen und der Steuerzahler

So oder so hofft Reto Kämpfer, dass das Grenchner Modell auch in den anderen Sozialregionen Schule macht. Das Ziel, Sozialhilfedossiers nur dort zu eröffnen, wo es keine anderen Möglichkeiten gibt, helfe sowohl dem Steuerzahler als auch den Betroffenen: indem ihnen rasch Wege aufgezeigt werden, wie sie mit eigenem Engagement und Hilfestellung der Behörde ihre Situation verbessern können. Die Behörden
ihrerseits müssten sich davon verabschieden, mit der Eröffnung von Dossiers ihre Auslastung zu sichern. «Das ist ein klarer Fehlanreiz.»

Kämpfer ist sich allerdings im Klaren: Dass es heute wenig Arbeitslosigkeit gibt, hängt auch mit der anhaltend guten Konjunktur zusammen. Das kann sich auch rasch wieder ändern. Auch grössere Umwälzungen künden sich an. «Insbesondere die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf Produktionsarbeitsplätze erfordert unsere Aufmerksamkeit», meint der neue SDOL-Chef. Vielleicht werde sich die Politik, schneller als ihr lieb ist, doch noch mit dem bedingungslosen Grundeinkommen befassen müssen.

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