Grenchen

Staader Landwirte produzieren Wein am Aareufer statt an traditionellen Hanganlagen

Isabell und Andreas Marti in ihrem Rebberg im Riedli.

Isabell und Andreas Marti in ihrem Rebberg im Riedli.

Andreas Marti hat sich von der Motorsäge verabschiedet und kultiviert jetzt Reben. Die Rebstöcke des Staader Landwirts wachsen am Aareufer.

Andreas Marti verleiht dem Rebbau in Grenchen neue Impulse. Statt auf die traditionellen Hanglagen am Berg setzt er auf die Nähe zur Aare. Die Lehre seines Sohnes hat ihn auf die Idee gebracht. Dabei hielt der Staader Landwirt eigentlich nur Ausschau nach einem neuen Betätigungsfeld, damit der Sohn nach der Betriebsübergabe der Mammutholzerei freie Hand hat.

Vor zwei Jahren hat Andreas Marti die Motorsäge gegen das Winzermesser eingetauscht. Jetzt bewirtschaftet er mit seiner Frau Isabell im Riedli zusätzlich zum Ackerbaubetrieb zwei Parzellen mit Rebstöcken: 800 mit roten Trauben der jungen Schweizer Sorte Garanoir, gezüchtet aus einer Kreuzung von Reichensteiner und Gamay, und 700 der weissen Sorte Cabernet Blanc. Nächstes Jahr sollen noch 350 Rebstöcke Sauvignac (weiss) dazukommen. Der Traum: Staader Wein produzieren und ab Hof vermarkten.

Das Besondere an Martis Rebberg: Er ist fast flach. Aus Gründen des Wasserschutzes dürfen an der Uferböschung keine Rebstöcke stehen, sondern erst 15 Meter vom Fluss entfernt. «Noch vor 25 Jahren wäre es ein hoffnungsloses Unternehmen gewesen, am Aareufer in Staad Wein zu machen. Jetzt ist das dank der Klimaerwärmung und der Zunahme der Sonnenstunden möglich», sagt er.

Nebel zwang die Rebstöcke an den Berg

Wegen der vielen Nebeltage im Herbst lagen die Rebberge früher am Steilhang des Grenchenbergs. Davon zeugen die Flur- und Strassennamen im Stadtplan Feller von 1866 bis ’70: Höhreben, Weinberg, Rebgasse und ähnliche. Der Plan hängt gerahmt in der Küche der Familie Marti und erinnert an die Zeit, als der Weinbau hier eine bedeutende, wenn auch heute etwa belächelte, Rolle spielte. Marti weist darauf hin, dass Wein angesichts von Verschmutzung in der Wasserversorgung früher als verlässlicher und hygienischer Durstlöscher gekeltert wurde und nicht als Genussmittel. «Säure war da wünschenswert. Abgesehen davon hat der Weinbau in den letzten Jahrzehnten natürlich grosse technische Fortschritte gemacht.»

Marti erklärt, dass die Familie seit 2002 einige Rebstöcke zum Hausgebrauch im Garten hatte. Das stehe in der Schweiz jedem zu. Reglementiert ist hingegen der kommerzielle Weinbau, besonders, wenn man sein Erzeugnis mit dem Gütesiegel AOC (Appellation d’origine contrôlée) versehen will. Die richtige Zahl Oechslegrade in der Ernte (Zuckergehalt im Traubenmost) ist dabei nur die halbe Miete. Auch für das Anbaugelände gibt es Regeln (siehe Box unten). Deshalb produzieren Martis teilweise AOC- und teilweise Landwein.

Junge Generation muss sich entfalten können

«So richtig den Ärmel reingenommen hat mir der Rebbau, als mein Sohn das Landwirtschaftslehrjahr auf einem Weinbaubetrieb in Erlach verbrachte», erzählt Marti. So begann er vor fünf Jahren zusätzlich zu den vier bestehenden Aren weitere Rebstöcke zu pflanzen. Inzwischen verkauft er roten Staader Wein. Wenn das Wetter mitspielt – 2019 hat ein später Frost zwei Drittel der Ernte vernichtet – dann wird es in drei Jahren erstmals Weisswein aus Staad geben. Weiss, wie rot, setzt Marti auf einen eher trockenen Wein. «Abgesehen von meinem Interesse standen wir vor der Frage, was ich nach der Betriebsübergabe der Mammutholzerei anfangen sollte», berichtet Marti weiter. Denn für ihn war klar: «Ein junger Mensch kann sich nur entfalten, wenn ihm die Eltern im Geschäft nicht dreinreden. Unterstützung geben, wenn diese gewünscht wird, aber die Jungen machen lassen», fasst er die Maxime zusammen. Das habe er von seinem Vater gelernt, als er erst 23-jährig dessen Hof übernommen habe. «Mein Vater hat mir zugestanden, aus eigenen Erfolgen und Fehlern zu lernen.»

Ein Traubenlese-Chat für Interessierte

Am Rebbau fasziniert Marti, dass «kein Tag wie der andere ist. Im Weinberg gibt es immer etwas Neues, die Arbeit wird nie langweilig.» Via «Traubenlese-Chat» hält er Freunde und Verwandte auf dem Laufenden darüber, was im Winzerjahr am Aareufer passiert.

Alles andere als langweilig war anfänglich auch Martis Beziehung zum Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung im Kanton Basel-Landschaft. Dieses beaufsichtigt im Kanton Solothurn den Rebbau. Aufgrund der geringen Bedeutung des Wirtschaftszweigs im Kanton hat Solothurn die Aufgabe ausgelagert. «Der erste Kontakt war wegen der damals ungewohnt geringen Hangneigung an der Aare ein bisschen stürmisch. Aber dann haben wir und der Ebenrain uns gefunden», erinnert er sich und lacht.

Er freut sich, dass seine Rebstöcke zur Modernisierung der Pflanzenschutzverordnung beigetragen haben. All das schürt Hoffnung für den bedrohten Weinberg im Bachtelen. Auf die Frage nach seinem Interesse an der alt gedienten Institution sagt Marti: «Ich unterstütze die Bachteler gern. Darüber ist der Vorstand informiert. Die Entscheidung über die Zukunft des Rebbergs liegt aber allein beim Verein.»

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