Eigentlich sollte man nur über das reden, was man kennt. Bei ihm seien dies gut trinkbare Rotweine unter drei Jahren, lässt Martin Zingsheim zu Beginn das Publikum wissen. Das wäre aber auch gar schade gewesen. Denn der erst dreissig Jahre alte Kölner Musikkabarettist hat einiges zu sagen. Unprätentiös und in sich ruhend steht er da auf der Bühne und philosophiert munter drauflos. Gerade weil dem Künstler die Hektik der Mainstream-Comedy so ganz und gar abgeht, ist der Zuschauende besonders gefordert. Sprachlich virtuos und innovativ setzt er nämlich immer wieder Spitzen und Pointen, die es nicht zu verpassen gilt. Was einem wilden Gedankenstrom zu entspringen scheint, ist durchaus durchdacht und hintergründig. Dabei agiert der studierte Philosoph und Musikwissenschafter aber nicht in unnahbaren, sich selbstgenügenden Sphären, sondern er bedient sich oft genug im alltäglichen Wahnsinn. Seine geschärfte Beobachtungsgabe ist ihm dabei ein willkommener Helfer.

Dazu auch noch musikalisch

Dazu ist Martin Zingsheim ausgesprochen musikalisch. Er begleitet sich selbst am Klavier und weiss in Martin Weber einen kongenialen Geiger an seiner Seite. So singt und redet er gute zwei Stunden über alle Mögliche und wirkt trotzdem nie beliebig. Er ringt virtuos mit den Grossen der Kulturgeschichte von van Gogh zu den antiken Philosophen, definiert den deutschen Expressionismus neu, erklärt die Koalitionsverhandlungen keck zu Sedierungsgesprächen, mokiert sich über Merkels Wendehals-Mentalität oder über Seehofers neurologische Eigentümlichkeiten und bezeichnet das Gymnasium schon mal als «Bootcamp der Leistungsgesellschaft».

Beeindruckend auch, wenn er Hermann van Veen und Klaus Kinski im Duett aufleben lässt, gegen die «Thesen am Tresen» anspielt, eine tanzende Revolution propagiert, Homophobie nicht nur in der Kirche anprangert oder Museumsbesucher in eine Herde Hooligans verwandelt.

Ein besonderes Müsterchen an Sprachakrobatik legt er zudem vor, wenn er mit Vorsatz grandios am Versuch scheitert, fleischlos zu talken.

Nichts und niemand scheint vor seinen ausgeklügelten verbalen Attacken sicher zu sein. Und doch: Dieser Martin Zingsheim mag die Leute. Besonders eindrücklich zeigt sich das in seiner wunderbar empathisch-poetischen Hymne an Menschen, denen das Erinnerungsvermögen verloren geht.

Der Kölner ist angereist mit diversen Preisen im Gepäck. Der Deutsche Kleinkunstpreis wurde ihm dieses Jahr verliehen. Den Salzburger Stier wird er 2016 in Empfang nehmen können. Die Besucher im Kleintheater Grenchen wissen spätestens nach der Aufführung von Samstagabend, weshalb er zu diesen Ehren gekommen ist.