Grenchen

Junge Ärzte wollen heute lieber angestellt als selbstständig sein

Sind auf Kurs: das Praxisteam mit (v.r.) den Ärzten Marcel Tièche, Astrid Pawlisz, Nicole Hübner sowie Nina Däppen (Teamleiterin MPA), Corinne Gerber (MPA), Vedrana Petrovic (Lehrtochter) und Denise Kuhn (MPA). Es fehlen Franz Kieliger, Rebecca Balsiger, Karin Eyer, Natascha Hofer, Melanie Galli, Deborah Bewsher.fup

Sind auf Kurs: das Praxisteam mit (v.r.) den Ärzten Marcel Tièche, Astrid Pawlisz, Nicole Hübner sowie Nina Däppen (Teamleiterin MPA), Corinne Gerber (MPA), Vedrana Petrovic (Lehrtochter) und Denise Kuhn (MPA). Es fehlen Franz Kieliger, Rebecca Balsiger, Karin Eyer, Natascha Hofer, Melanie Galli, Deborah Bewsher.fup

Die Hausarztmedizin krankt an staatlichen Sparbemühungen ebenso wie am Wandel des eigenen Berufsbildes. Mit Gründung einer AG wehrt sich die Gruppenpraxis Grenchen gegen allgemeine Nachwuchsprobleme.

Bis 2016 werden gemäss dem Berufsverband der Schweizer Hausärzte rund 50 Prozent der Hausärzte in Pension gehen. Rund 3200 neue «Doktoren» braucht das Land, um den Status quo zu erhalten.

Zwar zeigt die FMH-Statistik für das Jahr 2010 eine Zunahme an Ärzten, doch das täuscht. Nur die Anzahl weiblicher Ärzte steigt, damit aber auch die Anzahl Teilzeitstellen (Ärztinnen arbeiten rund einen Tag weniger pro Woche als ihre Kollegen), was den Trend hin zu Gruppenpraxen und weg von Einzelpraxen beschleunigt. Ausserdem nimmt die Zahl an Spezialisten zwar zu, nur jeder zehnte Mediziner will aber Hausarzt werden.

Das Zitat eines Allgemeinmediziners aus Solothurn zeigt es: «Ich weiss, dass wir aussterben. Mein Trost ist, dass ich wenigstens weiss, warum.» Ein Fatalismus, dem sich Marcel Tièche von der Gruppenpraxis Grenchen nicht ergeben will. Eine Wunderheilung ist nicht absehbar – in diesem schwierigen Umfeld müssen Hausärzte neue Überlebensstrategien entwickeln. Eine spezielle hat jetzt die Gruppenpraxis Grenchen angepackt: Diese wird neu als Aktiengesellschaft geführt.

Es sei der Start einer «sehr interessanten Phase», sagt Hausarzt und neu Verwaltungsratspräsident Tièche. Die grösste Gruppenpraxis der Stadt, welche dieses Jahr ihr 30-Jahr-Jubiläum feiert, will so die Stellen der Mitarbeitenden und ihren Anteil an der Grundversorgung in Grenchen sichern. Arzt Franz Kieliger geht dieses Jahr in Pension. In den nächsten fünf Jahren wird Praxisgründer Marcel Tièche ihm nachfolgen.

Junge wollen kein Risiko eingehen

«Wir haben diese AG gegründet, um potenzielle Nachfolger administrativ zu entlasten, damit sie sich finanziell nicht engagieren und belasten müssen», erklärt Marcel Tièche. Das finanzielle Risiko tragen zu Beginn die Aktionäre, auch wenn eine spätere Beteiligung gemäss Tièche erwünscht ist. Junge Ärzte wollen heute lieber angestellt als selbstständig sein; gemäss Statistiken wünschen sich 41 Prozent der Ärzte eine Anstellung statt Verantwortung.

Arztpraxen, die als AG geführt werden, sind in der Schweiz noch sehr selten. Die AG stellt die Infrastruktur zur Verfügung, die Ärzte können dann entscheiden, auf welche Art sie Teil der Gruppe sein wollen, ob als Angestellter oder Selbstständiger. Tièche will in seiner Gruppenpraxis noch mehr bewirken: Er will jungen Medizinern den Hausarztberuf schmackhaft machen, die Zukunft der Praxis sichern und neue Angebote für Teilzeit arbeitende Frauen schaffen. Der allergrösste Teil der Praxismitarbeitenden sind bereits Frauen, sowohl bei den Ärzten wie auch bei den medizinischen Praxisangestellten (MPA).

Ruft man sich die Entwicklung bei den Arbeitspensen und der Geschlechteraufteilung in Erinnerung, ist schnell klar: Marcel Tièche scheint auf dem richtigen Weg zu sein. Bereits jetzt ist eine Nachfolge für Praxisarzt Franz Kieliger gefunden, und Tièche ist zuversichtlich, dass er auch für seine eigene Person jemanden findet.

Unterstützend wirkt das kantonale Praxisassistenzmodell: Kollegin Astrid Pawlisz hat nach ihrem Praxisassistenzjahr ihre selbstständige Praxistätigkeit in Grenchen übernommen; die aktuelle Assistenzärztin Nicole Hübner wird ebenfalls in der Gruppenpraxis bleiben, kann dabei zwischen Anstellung und Selbstständigkeit wählen; Thomas Fluri, der im Herbst anfangen wird, hat 2010 ebenfalls in der Gruppenpraxis Grenchen als Praxisassistent gearbeitet.

Ärztezentrum und Gruppenpraxis

Für Marcel Tièche steht es ausser Frage, dass die Zukunft der Hausarztmedizin in Gruppenpraxen oder Ärztezentren liegt. Davon dürfe man die Augen nicht verschliessen. Noch muss sich zwar zeigen, ob das AG-Modell in der Arztpraxis tatsächlich den Erfolg bringt, den man sich davon verspricht.

Marcel Tièche jedenfalls ist sicher, in seiner Gruppenpraxis ein Erfolgsmodell gewählt zu haben. «Ich versuche alles, damit diese zarte Pflanze guten Boden findet und prächtig gedeiht», sagt er. So viel ist klar: Tièche und seine Berufskollegen könnten sich freuen, wenn gegen die «Seuche» des serbelnden Hausarztberufsstandes endlich ein Kraut gewachsen wäre. Ausserdem: Vielleicht wäre ein ähnliches Modell ja auch im Gesundheitszentrum auf dem Spitalreal denkbar.

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