Grenchen

Integrative Förderung: Schulen fordern Entscheid von Gemeinderat

Blick in ein Grenchner Schulzimmer: Hier möchte auch die Politik mitreden.

Blick in ein Grenchner Schulzimmer: Hier möchte auch die Politik mitreden.

Seit Jahren wird in Grenchen wie auch anderswo über die Vor- und Nachteile von separativer oder integrativer Förderung von Schulkindern diskutiert. Am Dienstag soll nun entschieden werden, wann das Modell der Kleinlassen abgeschafft werden soll.

Sind Einführungs- und Kleinklassen besser oder werden auch schwächere Kinder in den Regelklassen belassen und mit zusätzlichen, auch Heilpädagogischen Lehrkräften gefördert? Rechtlich ist die Ausgangslage klar: Nach geltendem Kantonsratsbeschluss haben die Gemeinden bis 2018 noch die Wahlmöglichkeit, Kinder mit speziellem Förderbedarf in Kleinklassen zu fördern, danach muss das im Kanton fast flächendeckend eingeführte System der integrativen Förderung eingeführt werden. In Grenchen hat sich die Politik bisher erfolgreich gegen die Umstellung gewehrt. Dies auch, weil die Grenzen weitgehend entlang dem herkömmlichen Rechts-Links-Schema verlaufen und die bürgerliche Mehrheit die von den Schulleitungen gewünschte Umstellung bisher erfolgreich abgeblockt hat.

Schulen drängen auf Entscheid

Dies dürfte auch am kommenden Dienstag wieder so ablaufen. Die Geschäftsleitung Schulen Grenchen (GLSG) hat nämlich eine Vorlage ausgearbeitet, in der sie vom Gemeinderat einen Entscheid möchte darüber, ob die bisherigen Einführungs-, Klein- und Sek-K-Klassen bis zum Ende des Schuljahres 2018 beibehalten und die vom Kanton gesetzte Frist voll ausgereizt oder ob ein Jahr früher vom Modell Kleinklassen in die integrative Schulung gewechselt wird. Ein Schritt, der also so oder so ein Jahr später ansteht, den die einstimmige GLSG erklärtermassen lieber früher als später umsetzen möchte.

Sie listet auch eine Reihe von Argumenten auf, angefangen von einem Volksentscheid 2007 bis zu wissenschaftlichen Studien, wonach der Lernzuwachs bei integrativer Schulung grösser sei. Auch werde in der Berufsbildung seit je integrativ geschult. Eine Reintegration von Kleinklässlern in die Normalklasse sei kaum mehr möglich und Kleinklassenschüler hätten weniger Chancen auf eine Berufslehre.

«Umfassend informiert»

Stadtpräsident François Scheidegger rechnet damit, dass der Rat sich dennoch dafür entscheidet, dass die Kleinklassen möglichst lange beibehalten werden, ist sich aber bewusst, dass damit die Diskussion lediglich hinausgeschoben wird. Er hoffe, dass es in der Sitzung nicht zu ideologischen Grabenkämpfen komme. Man habe sich bemüht, über das Thema umfassend zu informieren. So hat eine Diskussion am runden Tisch stattgefunden und ein Schulbesuch in Zuchwil, einer Gemeinde mit ähnlich hohem Ausländeranteil wie Grenchen, welche das integrative Modell eingeführt hat.

Die Angst der bürgerlichen Mehrheit, wonach das integrative Modell zu einer Niveausenkung für alle führt, lässt sich dennoch nicht wegwischen. Die Hoffnung besteht zudem, dass im Kantonsrat weiter Druck aufgebaut werden kann, damit die Umstellung 2018 doch noch nach dem Gusto der Verweigerer abgefedert werden kann. Die Rede ist beispielsweise davon, zumindest die Einführungsklassen beizubehalten.

Kosten praktisch gleich hoch

Vergeblich werde die Diskussion am Dienstag dennoch nicht sein, meint Scheidegger weiter. Die Verwaltung habe nämlich den politischen Auftrag, die Kostenfolgen je nach gewähltem Modell aufzuzeigen. Dies wurde in der Vorlage denn auch gemacht. Fazit: Beide Varianten kosten praktisch gleich viel.
Diskutiert wird übrigens auch noch ein drittes Modell, eine «Grenchner Lösung nach Berner Vorbild», wie es heisst. Bei dieser Mischvariante können Schüler z. B. Turnen, Musik, Werken und Frühfremdsprachen in den Regelklassen besuchen, den Rest in Klassen für besondere Förderung. Der Vorteil dieser Mischform wird als unerheblich für die meisten Schüler taxiert, zudem pendelten diese «zwischen zwei sozialen Realitäten».

Rat geholt wird schliesslich auch noch bei der Fachkommission Schulen. Dieser ist allerdings wenig hilfreich: «Aus rein fachlicher Sicht kann jede Variante gewählt werden, die spezielle Förderung findet statt», heisst es seitens der Fachkommission. Eine frühere Einführung des Kantonsmodells sei nur von Nutzen, «wenn es der Geschäftsleitung Schulen Grenchen gelingt, einen planerischen Nachweis zu liefern, dass die Lehrpersonen bis zu diesem Zeitpunkt auf das neue Modell vorbereitet sind und/oder eine stufenweise Einführung (zuerst Primar- dann Sek-I-Stufe) aus Ressourcengründen gestaffelt eine optimale Umsetzung bringt.»
Ansonsten empfiehlt die Fachkommission, am heutigen Status festzuhalten, die politischen Ergebnisse abzuwarten und dann die Weichen für 2018/19 definitiv zu stellen. Eine Änderung der kantonalen Rahmenbedingungen sei zurzeit nicht absehbar.

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