Kurz vor 18 Uhr: Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner des Alterszentrums Weinberg sitzen beim Abendessen. Hundetrainerin Martina Dietschi wird im Foyer von Sonja Leuenberger, Geschäftsleiterin der Alterszentren Weinberg und Kastels, begrüsst. Noch viel heftiger allerdings von Flynn, dem jungen Golden Retriever der Geschäftsleiterin, der die Trainerin mit freudigem Bellen und Schwanzwedeln empfängt. Martina Dietschi ist Inhaberin der Hundeschule «Flumadog» in Bellach und bildet Hundebesitzer und Hunde aus. Seit April 2014 bildet sie hier im Alterszentrum fünf Hunde zu Therapiehunden aus. Im Juni werden sie ihre Prüfung ablegen und kommen dann an den verschiedensten Orten zum Einsatz wie in Altersheimen, Kindergärten oder Behindertenheimen.

Nach und nach treffen die anderen «Azubis» ein: Der schneeweisse Spitz Eero von Astrid Mehlhase, der kleine Rüde Nikos, ein Mischling, den Besitzerin Stefanie Bertschi in Griechenland von der Strasse gerettet hat, und Martina Dietschi holt noch ihren eigenen Hund Homy, einen fünfjährigen belgischen Schäferhund. Man lässt die Hunde sich draussen vor dem Eingang begrüssen, denn die jungen Rüden können schon ein wenig wild und laut sein.

Cornelia Nyffenegger und ihr Partner sind auch erschienen, denn ihre Hündin Finja wäre normalerweise auch mit von der Partie. Aber da sie momentan läufig ist, würde sie den «Männern nur den Kopf verdrehen» und seriöse Arbeit wäre unmöglich. Also fällt für sie heute der Unterricht aus.

Martina Dietschi schleppt eine ganze Menge Trainingsmaterial ins Foyer des Altersheims. Pylonen, ein Becken voller Bälle, einen Tunnel aus Stoff, Hula-Hop-Reifen und vieles mehr. Ringsherum sind Stühle aufgestellt, schon fast eine Manege.

Die Hundebesitzer legen Decken für die Hunde hin, «Platz», und schon liegen die vier Schüler mehr oder weniger brav auf ihren Plätzen. Als erste Übung werden Goodies, kleine Leckereien, unter den Pylonen versteckt. Die Hunde müssen den richtigen Pylon mit der Schnauze oder Pfote umwerfen, um an ihre Belohnung zu gelangen.

Das Hundetraining ist beliebt

Inzwischen sind die ersten Bewohnerinnen des Alterszentrums eingetroffen und setzen sich auf die Stühle im Kreis. Die Hundebesitzer gehen sogleich mit den Hunden zu ihnen, um sie zu begrüssen. Einige der Bewohner, vor allem Frauen, seien regelmässig am Montag hier anzutreffen, erklärt Sonja Leuenberger. «Das war vor den Festtagen ein Desaster, als wir ihnen sagen mussten, dass wir nun ein paar Wochen Ferien machen.»

Nach und nach strömen immer mehr Bewohner vom Esssaal ins Foyer. So viele, dass es sogar nötig ist, weitere Stühle hinzustellen. «So viele waren noch gar nie da», meint Sonja Leuenberger erstaunt. Die Hundebesitzerinnen machen die Runde und begrüssen zusammen mit ihren Hunden die neuen Besucher. Die Bewohner des Altersheims erhalten Goodies in die Hände, die sie den Hunden vorsichtig geben. Die Hunde bedanken sich mit Pfötchen geben und artig hinhalten, wenn sie ausgiebig gestreichelt, getätschelt und gekrault werden. «Genau das ist eines der wichtigsten Merkmale eines Therapiehundes: Er lässt sich überall, wirklich überall anfassen, streicheln oder knuddeln. Man kann ihn an den Ohren ziehen, am Schwanz ziehen, ihm ins Maul fassen, und er wird bestimmt nicht zubeissen. Das erreicht man zum grossen Teil durch die Ausbildung. Grundvoraussetzung ist aber ein entsprechendes Wesen und ein entsprechender Charakter. Erfüllt ein Hund diese Voraussetzung nicht, nützt alle Ausbildung nichts», erklärt die Hundetrainerin.

Katzen und Hunde …

Die Runde füllt sich immer mehr, 24 Bewohner sind da. Martina Dietschi verteilt die Hula-Hop-Reifen, die Hunde springen einer nach dem anderen durch die Reifen. Am schnellsten absolviert jeweils Eero den Parcours. Kein Wunder, trainiert er doch zusammen mit seiner Besitzerin Agility, wo es genau um solche Übungen und um Geschwindigkeit geht.

Plötzlich geht die Lifttüre auf und heraus schlendert Felix, der etwa 14-jährige, rote Heimkater. Sofort herrscht Hektik bei den Begleitpersonen der Hundebesitzer, denn wenn die Hunde eine Katze sehen, ists aus mit der Konzentration. Felix wird zurück in den Lift dirigiert und fährt zurück in den dritten Stock. Er fahre übrigens immer mit dem Lift – Treppe, das sei unter seiner Würde, heisst es. Die Hunde haben zum Glück nichts bemerkt. Sie sind gerade damit beschäftigt, ihre zusammengerollten Decken wieder aufzurollen, um an die Goodies zu gelangen, die dort versteckt wurden. Auch von den anderen Katzen, die ab und zu aus sicherer Entfernung die Szene beobachten, kriegen sie nichts mit.

Memory-Spiele für Hunde werden eifrig benutzt: Bei den einen gilt es, die richtigen Holzpflöcke aus einem Brett zu ziehen, um an die Leckereien zu kommen, bei anderen muss der Hund vier Fächer auf vier unterschiedliche Arten öffnen: Schieben, heben, klappen und aufziehen. Während Flynn die Aufgabe gezielt und gemächlich löst, kann Eero sich kaum bremsen. Aber allen Hunden gelingen die Übungen – nicht immer auf Anhieb, was zu Gelächter in der Runde führt.

Die Angst verloren

«Ich bin in einem Bauerndorf aufgewachsen und hatte immer Angst vor Hunden», meint eine Bewohnerin. Sie sei sogar einmal von einem dieser Wachhunde in den Arm gebissen worden, als sie mit der Bauerstochter gespielt habe. «Der Hund hat unser Spiel einfach falsch interpretiert und meinte, ich wolle dem Anneli etwas Böses tun.» Aber jetzt habe sie keine Angst mehr, schon gar nicht vor diesen lieben Tieren, meint sie lachend, als ihr Flynn auf den Schoss steigt.

Mittlerweile ist es schon 19.30 Uhr. «Erstaunlich: Normalerweise sind alle Bewohnerinnen und Bewohner um 18.30 auf ihren Zimmern, aber nicht wenn die Hunde da sind. Da bleiben alle länger auf», sagt Sonja Leuenberger schmunzelnd. Immer wieder machen die Hunde die Runde im Kreis der Bewohner, lassen sich streicheln, geben Pfote oder legen ihre Schnauze in den Schoss der Bewohner. «Was die Hunde auch lernen müssen, sind sogenannte stille Kommandos. Denn es kann ja sein, dass jemand Mühe damit hat, sich klar zu artikulieren – behinderte Kinder zum Beispiel, aber auch alte Menschen. Die Kommandos ‹Sitz› und ‹Platz›, sind eventuell zu schwierig auszusprechen und tönen dann anders für den Hund, sind unverständlich. Aber wenn ich hintendran stehe und ein stilles Kommando gebe, macht der Hund Platz und die Person hat ein Erfolgserlebnis.»

Die Hundetrainerin erklärt auch, was die Hunde bis zur Prüfung ausserdem alles beherrschen müssen: Entfernte Kommandos, also «Platz» auf Distanz, ohne Leine im Viereck oder Dreieck neben dem Herrchen oder Frauchen laufen, warten und Futter oder Goodies erst auf Kommando schnappen und vieles mehr. «Nach den zwei Stunden hier im Altersheim sind die Hunde jeweils nudelfertig», so Dietschi. «Eine halbe Stunde Kopfarbeit entspricht etwa zwei Stunden laufen.»