Uhrenindustrie

Die Zeit in Grenchen steht nie still: Reportage aus der Uhrenstadt während der Coronakrise

Jupp Philipp, Geschäftsführer der Fortis in Grenchen

Jupp Philipp, Geschäftsführer der Fortis in Grenchen

Die Wirtschaftskrise hat die Grenchner Uhren verlangsamt. Aber nicht angehalten. Erste Firmen sprechen schon von der Zeit danach, während in den ETA-Manufakturen weiterhin 30 Prozent in Kurzarbeit sind.

Hört man auf Jupp Philipp, dann lässt sich die Uhrenindustrie mit einem Uhrwerk vergleichen. «Es geht immer auf und ab und auf und ab», philosophiert der Inhaber der Fortis. Wie eine mechanische Uhr am Armgelenk, die mangels Bewegung des Armes anhält, aber immer wieder aufgezogen werden kann und danach wieder tickt.

Hinter Philipp, der uns im neu eingerichteten Atelier der Grenchner Traditionsmarke empfängt, prunkt eine Armbanduhr mit der Inschrift Harwood hinter einer Glasscheibe. Es ist die erste automatische Uhr der Welt, die in ebendiesem Atelier 1926 nach der Erfindung von John Harwood erstellt wurde und die Beständigkeit der Grenchner Uhrenindustrie geradezu symbolisiert.

Momentan ist das Uhrwerk stark verlangsamt

Die Grenchner teilen das Schicksal aller Schweizer Uhrenmacher. Von Genf nach Le Locle bis zu den Produktionsstätten der heimischen ETA-Manufakturen weht ein rauer Wind; seit Februar stieg die Zahl der Arbeitslosen in der Uhrenindustrie um über 50 Prozentpunkte, wie die am Mittwoch veröffentlichten Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco aufzeigen.

In den Neuenburger Hochburgen Le Locle und La Chaux-de-Fonds kündigten die zwei Marken Ulysse Nardin und Girard-Perregaux, die der Gruppe Kering gehören, 100 ihrer 390 Arbeitnehmenden. Ein Viertel der Belegschaft.

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Und zahllose Medienberichte fühlen besorgt den Puls der Industrie an jedem symbolträchtigen Standort, vom verwahrlosten Bucherer in Luzern bis hier, der Vorjurastadt, in der mit Uhren und Zahnrädern geschmückte Kreisel an die Allgegenwärtigkeit der Zeitmesser erinnern.

Unbeirrbarer Optimismus von Nick Hayek

Einer dieser Kreisel steht unweit der gewaltigen ETA-Gebäude. Die Manufakturen sind in der Hand der Swatch Group, deren Bieler Chef Nick Hayek letzte Woche noch im SRF-«Eco» vor Optimismus strotzte. Dies, obschon eine Hochrechnung von einem 50-prozentigem Gewinnrückgang in diesem Jahr ausgeht. Gerüchte einer baldigen Entlassungswelle kursieren in Grenchen.

Diese verneint der ­Pressesprecher der Swatch Group, Bastien Buss, jedoch vehement – schliesslich bekräftige Nick Hayek seit Monaten, dass niemand bei der Swatch Group entlassen werde. Allgemein zeigt sich Hayek trotz der seit einigen Jahren sinkenden Umsatzzahlen nie defätistisch und widerspricht jedem, der das Traditionsunternehmen auf dem absteigenden Zweig sieht.

Das markante ETA-Werk 1 mit Firmenhauptsitz an der Schild-Rust-Strasse in Grenchen.

Das markante ETA-Werk 1 mit Firmenhauptsitz an der Schild-Rust-Strasse in Grenchen.

Noch kein business as usual

Dies zeigt ein Spaziergang um die stolzen ETA-Gebäude. Mitarbeitende schlendern zwar nach wie vor den kahlen Wänden entlang oder geniessen eine Pause an der warmen Herbstsonne. Zum Rauchen oder Trinken jedoch ziehen sie die Masken ab, die sie vorschriftsgemäss in den Innenräumen tragen müssen. 30 Prozent von ihnen sind noch in Kurzarbeit; das spürt man auch in der ETA-Kantine, die normalerweise um die Mittagszeit voll ist. Momentan schneidet man sein Schweinesteak mit Plastikbesteck, alleine oder in losen Gruppen im Raum verteilt. «Heute geht es noch. Montags ist es jeweils viel schlimmer», sagt die Angestellte bei der Essensausgabe.

Weitere Zahlen sorgen in Grenchen für marode Stimmung

Bei der hundertjährigen Titoni rechnet CEO Daniel Schluep mit Umsatzeinbussen in zweistelliger Zahl; er musste drei Stellen aufheben. Ähnliches hört man von der Marke Genie Swiss, welche chinesische Investoren vor zwei Jahren wiederbelebten. Diese china- und südostasienorientierten Marken können sich zwar darüber erfreuen, dass Exporte ins chinesische Konsumpowerhouse nun wieder kräftig zunehmen.

Aber im grösseren südostasiatischen Markt hadert es weiterhin, unter anderem wegen der Unruhen in Hongkong – dem traditionell wichtigsten Markt der Schweizer Uhrenindustrie, wie Schluep vergegenwärtigt.

Dazu fehlten in Ländern wie Malaysia, Taiwan und Thailand Touristen, eine wichtige Käufergruppe: «In diesen Ländern ist die Einreise immer noch verboten», sagt Schluep. Touristen blieben auch den wichtigen Uhrenläden in Europa und in der Schweiz fern, und mit den Reiseeinschränkungen sind auch die Duty-free-Märkte weltweit eingebrochen.

In Lengnau, unweit von Grenchen, erlebt auch die Atlantic schwierige Zeiten. Die sich im mittleren Preissegment befindende Uhrenfirma vertreibt die Uhren hauptsächlich in Osteuropa und Asien. Die Umsätze sind bis 30% eingebrochen. Einige Märkte mussten sogar zahlreiche Verkaufspunkte schliessen. Für Geschäftsführer Fredi Bickel ist die Coronakrise ein weiterer Schlag für die Uhrenindustrie, nach der steigenden Konkurrenz durch die Smart­uhren und das Handy.

Zukunftsprognosen erstellen, ist blosses Kaffeesatzlesen; Patrick Saladin von der Genie Swiss geht davon aus, dass seine Marke ein bis drei Jahre brauchen wird, um die Umsätze von 2019 wieder zu erreichen. Daniel Schluep von Titoni sagt lapidar: «Wir sind noch da und machen weiter.»

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Die Krise kann auch eine Gelegenheit sein

Doch es gibt auch jene, die gute Nachrichten verkünden. Einigen Firmen ging es nicht schlecht; deren wirtschaftlichen Bedeutung für die Region lässt sich zwar kaum mit der ETA und deren Tausenden Mitarbeitenden (wie viel genau gibt die Swatch Group nicht bekannt) vergleichen.

Aber dennoch beschäftigen sie zahlreiche Leute und ihre Namen sind weltweit bekannt: Die Breitling etwa, deren Gebäude mit der Spitfire auf der Terrasse kaum zu übersehen ist; ebenso auffallend ist die gute Laune, die in den Antworten der Pressesprecherin Romy Hebden ersichtlich ist: «Das Geschäft in China und Ostasien entwickelt sich sehr positiv, wie auch in vielen europäischen Ländern, den USA oder im Mittleren Osten.» Nach Umsatzeinbussen während dem Lockdown soll der Umsatz von Breitling im Monat August bereits über dem Vorjahr stehen.

Ähnlich optimistisch klingt es bei der Fortis. Inhaber Jupp Philipp sitzt zurückgelehnt im Stuhl und spricht von einer Zeit, die der Firma sehr gutgetan hat. Im Atelier blicken hinter ihm drei Angestellte in Vergrösserungsgläser, konzentriert über Uhrwerke gebeugt. Es herrscht eine sichtlich familiäre Atmosphäre im Unternehmen; kein Defätismus, sondern gute Laune, Witzaustausche mit der Pressesprecherin und dem Marketingchef.

Der deutsche Unternehmer übernahm die Fortis 2018 und ist alleiniger Besitzer sämtlicher Aktien. «Mich interessieren weder Aktienkurse noch Aktionäre.» Nebst den logistischen Umstrukturierungen arbeitete die Firma an drei neuen Uhrkollektionen; eine davon wurde vor drei Wochen präsentiert, eine neue wird am kommenden Sonntag vorgestellt. Eine kreative Zeit, die laut Philipp Früchte trägt: «Wir werden höchstwahrscheinlich mit einem Umsatzplus im Dezember aussteigen.»

Die neue Uhr der Fortis

Die neue Uhr der Fortis

Ein weiteres Zeichen des Optimismus von Fortis-Chef:

Im Mai stellte er drei neue Leute ein. Der Erfolg der Fortis liege auch an der Kundenstruktur, die sich von anderen grossen Uhrenmarken abhebt; die Uhren mit der Krone finden sich nicht bei Bucherer in Luzern, und die Marke pflegt auch keine engen Beziehungen mit «Greater China», dem Eldorado der Schweizer Uhrenindustrie. Fortis ist in Deutschland, der Schweiz und in Österreich verankert. Bei kleinen Juwelieren, mit lokaler Kundschaft. Wobei sich auch bei ihr die Entwicklung in zwei Exportmärkten verlangsamte: Japan und Amerika.

Tradition in Modernität

Tradition in Modernität

Jupp Philipp sieht in den positiven Ergebnissen der Firma seine Betriebsphilosophie bestätigt: familiäres, lokales und langfristiges Denken. Es lohne sich oft, auf eine möglichst grosse Marge zu verzichten und dem Lieferanten etwas entgegenzukommen. «Ist am Schluss der Lieferant pleite, ist ja keinem geholfen.»

Indes treibt die Leidenschaft des deutschen Unternehmers für die Fortis ihn an, die Marke auch langfristig gesund aufzustellen. «Mein Bruder ist Pilot und trägt seit je eine Fortis am Handgelenk.» Wie das Fliegermodell, das Philipp vor zwei Wochen vorstellte, oder jenes, das an seinem Handgelenk bei jeder Bewegung weiter tickt. «Jede Krise ist irgendeinmal vorbei. Bis dann müssen wir aufgestellt sein.»

Präzisionsarbeit im Atelier

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