Grenchen

Die Schulsozialarbeit ist gefragt wie nie

Die Schulsozialarbeit engagiert sich in der Prävention, wie bei dieser Ausstellung für die Schülerinnen und Schüler 2017

Schulsozialarbeit Grenchen

Die Schulsozialarbeit engagiert sich in der Prävention, wie bei dieser Ausstellung für die Schülerinnen und Schüler 2017

Wegen starker Zunahme der Fallzahlen möchten die Schulen die Pensen der Schulsozialarbeit aufstocken.

Die Grenchner Schulsozialarbeit hatte im Schuljahr 2018/2019 alle Hände voll zu tun. Wie dem Reporting der Schulen Grenchen für das vergangene Schuljahr zu entnehmen ist, lassen die Zahlen eine deutliche Zunahme der Fälle erkennen. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Fallzahlen von 231 auf insgesamt 281 an. Darin eingeschlossen sind die Einzelberatungen von Schülerinnen und Schülern, Eltern und Lehrpersonen, Gruppenberatungen sowie Klasseninterventionen und Projekte.
Während die Einzelberatungen von 136 auf 118 zurückgingen, stiegen die Elternberatungen von 29 auf 45 Fälle an, die Gruppenberatungen von Schülerinnen und Schülern von 13 auf 37, was eine Verdreifachung bedeutet. Auch die Klasseninterventionen (inkl. Projekte) stiegen von 36 auf 53.

Fälle mussten zurückgewiesen werden

Fazit der Grenchner Schulen im Bericht: «Das Angebot der Schulsozialarbeit wurde ... aktiv und auslastend genutzt.» Die begrenzten personellen Ressourcen seien «sehr stark ausgelastet» gewesen, heisst es. Es mussten diverse Anfragen aufgeschoben oder zurückgewiesen werden, da Fälle mit einem «höheren Leidensdruck» Priorität hatten.

Weiter habe die Komplexität der Fälle über die letzten Jahre markant zugenommen und auch die Einzelfallberatungen seien deutlich aufwendiger, was in den Fallzahlen nicht abgebildet werde, ergänzt Gesamtschulleiter Hubert Bläsi auf Anfrage. «Es spiegeln sich darin einerseits Mobbingfälle aber auch schwierige familiäre Situationen», erklärt Bläsi.

Es hängt auch von den Personen ab

Aber nicht nur: «Die Zahlen zeigen auch, dass die Betroffnen vermehrt Vertrauen zur Schulsozialarbeit und ihrer Problemlösungskompetenz haben.» So zeige die Erfahrung, dass Personen, welche hohes Vertrauen geniessen, auch vermehrt kontaktiert werden. «Als eine solche Person einmal kündigte, sind danach die Fallzahlen spürbar zurückgegangen.»

Ob die Zunahme der Fallzahlen auch mit dem Grenchen aufgezwungenen Systemwechsel in die «Spezielle Förderung» zu tun haben könnte? Lernschwache Kinder werden neu im Klassenverband unterrichtet, nicht mehr in Kleinklassen. Bläsi glaubt allerdings nicht, dass das der Fall ist, auch wenn leistungsschwache Kinder tatsächlich eher die Tendenz zeigten, auffällig zu werden. Da der Systemwechsel aber erst im August erfolgte, ist es definitiv auch zu früh für Aussagen.

Magnet für problembehaftete Familien?

Die Kritiker der Schulsozialarbeit, darunter die SVP-Fraktion im Gemeinderat, kehrt diese Lesart um: «Gerade weil Grenchen ein solches Angebot hat, wird die Stadt attraktiv gerade für problembeladene Familien», lautete der Befund von Richard Aschberger anlässlich der Behandlung des Berichts in der Dezembersitzung des Gemeinderats. Damit sei die Entwicklung einer laufenden Mehrbeanspruchung der Schulsozialarbeit quasi vorgezeichnet.

Unbestritten ist schliesslich, dass das üppige Billigwohnungs-Angebot Grenchens einen Einfluss auf den Zuzug einkommensschwacher Bevölkerungsschichten hat. Der sinkende Steuerkraft-Index der Stadt zeugt davon.

Hubert Bläsi glaubt nicht, dass mit dem Verzicht auf einen Ausbau der Schulsozialarbeit dieser Entwicklung begegnet werden kann - im Gegenteil. «Wenn man sieht, was eine Fremdplatzierung von Kindern kostet, ist das Geld für die Schulsozialarbeit gut angelegt», meint er. Prävention sei allemal besser als Intervention.

Vorlage für Ausbau in Vorbereitung

Ein weiterer Blick auf die Statistik zeigt, dass die Schulsozialarbeit in 48 Prozent der Fälle das Problem lösen konnte. Bei weiteren 30 Prozent erfolgte eine Weiterleitung an eine andere Fachstelle.
Zurzeit arbeiten drei Personen für die Schulsozialarbeit in Grenchen mit einem Gesamtpensum von 140 Prozent, was im Vergleich mit Städten und Orten ähnlicher Bevölkerungsstruktur ausserordentlich wenig sei. Der Gesamtschulleiter kündete bereits an, dass eine Vorlage zur Aufstockung der Schulsozialarbeit in Vorbereitung ist. Die Ankündigung wurde von den Fraktionen – mit Ausnahme der SVP – wohlwollend aufgenommmen.

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