Grenchen

Der Künstler entwirft und der Handwerker führt aus – so entstehen die Werke von Jean-Claude Boillat

Philip Walker und Jean-Claude Boillat im Showroom bei der Garage Vogelsang an der Bielstrasse.

Der 17-jährige Metallbauer-Lehrling Philip Walker fertigt die Kunstwerke des Grenchner Künstlers Boillat.

In den meisten Fällen stellt ein Künstler seine Werke selber her. Maler malen ihre Bilder, Bildhauer erschaffen Skulpturen aus verschiedenen Materialien, Kunstschmiede arbeiten in der eigenen Werkstatt. Es sei denn, die Kunstwerke sind zu gross, zu komplex, zu kompliziert oder es ist schlicht unmöglich für eine einzelne Person, sie herzustellen.

Der Grenchner Künstler Jean-Claude Boillat hat seit einigen Jahren einen anderen Ansatz gewählt: Er arbeitet mit Handwerkern zusammen, die Fachleute auf ihrem Gebiet und den jeweiligen Materialien sind. So ging er mit einem Entwurf, einer Zeichnung und einer Idee zu einem Holzbauer, der für ihn Statuen aus Holz fertigte.

Diese Figuren wollte Boillat auch aus Metall fertigen (lassen) und suchte zu diesem Zweck die Firma Mecaplex Metall AG auf, Systementwickler von Blech- und Schweisskonstruktionen für die Maschinenindustrie.

Schnell den gemeinsamen Draht gefunden

Geschäftsführer Jarno Steiner und er verstanden sich auf Anhieb, wie beide betonen. Obwohl das Herstellen von Kunstwerken nicht eigentlich den Kernkompetenzen der Firma entspreche, wie Steiner erklärt, sagte er zu. «Wir stellen Bauteile und Gehäuse von Maschinen und Baugruppen her. Aber als Jean-Claude erklärte, was er von uns wollte, dachte ich sofort an unseren Lernenden im 2. Lehrjahr, Philip Walker.»

Philip sei äusserst motiviert, leidenschaftlich und habe wirklich Freude an seinem Beruf und an seinem täglichen Schaffen. Er sei schulisch wie auch praktisch einer der Besten seines Lehrganges und man sei stolz in der Firma, jemanden wie ihn zu haben.

Dem jungen Auszubildenden eine Chance zu geben, mal etwas wirklich Aussergewöhnliches zu machen, das ausserhalb der normalen Aufgaben und Arbeiten lag, das sei eine Challenge gewesen, die er gerne angenommen habe, so Steiner.

«Ich sehe das auch ein wenig als Vater meiner Kinder, wenn ich miterleben muss, wie sie in der Schule quasi zu Robotern geformt werden und wenig Möglichkeit haben, sich zu entfalten, weil das nicht primär den gängigen Vorstellungen in unserer Leistungsgesellschaft entspricht. Aber diese Möglichkeit muss man Kindern und jungen Erwachsenen einfach geben, meiner Meinung nach.»

Angesprochen auf die Kosten, sagt Steiner: «Für uns spielten die Kosten eine untergeordnete – oder besser: keine Rolle. Für uns zählte in erster Linie die Tatsache, dass uns der Künstler die unvergleichliche Möglichkeit bot.»

Dass man sich auf Philip verlassen konnte, dass dies auch ein motivierendes Lehrstück für ihn sein würde, das ihn persönlich weiterbringt, davon war Steiner von Anfang an überzeugt. Und Boillat sagt dazu: «Auszubildenden muss man anspruchsvolle, nicht einfache Arbeit geben, erst dann kommen sie vorwärts.»

Steiner ergänzt: «Für uns war das auch ein Zeichen der Wertschätzung, dass Philip, losgelöst vom täglichen Business, etwas Unvergleichliches und Einmaliges schaffen kann.» Er wolle ihn motivieren, indem er ihm ermögliche, etwas anderes machen zu können, als einfach nur «Zeugs zusammenzuschweissen».

Schon früh für den Beruf Metallbauer entschieden

Für Philip Walker war der Beruf Metallbauer schon früh klar, wie er sagt. Aufgewachsen auf dem elterlichen Bauernhof, verbrachte er schon dort viel Zeit in der Werkstatt. «Es gab immer etwas zu basteln und zusammenzubauen. Daran hatte ich grossen Spass.» Er absolvierte im letzten Schuljahr einige Tage Schnupperlehre bei diversen Betrieben und entschied sich für eine Ausbildung bei der Mecaplex Metall AG.

Für den 17-Jährigen war es etwas Besonderes, für den Künstler Boillat arbeiten zu dürfen. «Ich hatte Mega-Freude an der Arbeit.» Nicht jeder habe die Möglichkeit, etwas völlig anderes zu machen, etwas, das nicht zu den normalen Aufgaben gehöre. «Jean- Claude hat mir auch gesagt, dass ich Fehler machen darf, denn das hier sei lebendige Kunst.»

Gefertigt hat Walker die Kunstwerke aus Chromstahl-Blech. Jede Statue besteht aus fünf Teilen, die mit dem Laser ausgeschnitten, dann rundgebogen und zusammengeschweisst wurden.

Das tönt einfach, aber Steiner betont, dass Philip Walker hier perfekte Arbeit geleistet habe: «Schweissen ist extrem anspruchsvoll. Das Material verzieht sich unter der Hitzeeinwirkung und es braucht enorm gutes Feeling, zu spüren, wie viel gut ist.»

Philip habe Schweissnähte geschaffen, die extrem fein und genau seien, eine hervorragende Arbeit. Nach dem Zusammenschweissen wurden die Teile von Walker geschliffen, und zwar alle in dieselbe Richtung, sodass sie jetzt das Licht wunderbar brechen.

Ausstellung im Showroom des Autoverkäufers

Für Philipp Vogelsang, Inhaber der gleichnamigen Garage an der Bielstrasse, war von Anfang an klar, dass er für die Kunstwerke bei sich im Showroom Platz schafft. «Ich kenne Jean-Claude schon lange und habe auch schon Bilder bei ihm gekauft. Als die Aktion ‹Kunstfenster› im Rahmen der Kulturnacht ins Leben gerufen wurde, war für mich klar, dass ich da mitmache.»

Dass jetzt jemand reinkomme und entweder eine Statue oder eines der Bilder, die Boillat auch ausgestellt hat, kaufen wolle, damit rechne er weniger. «Der Kauf von Kunst ist ja nicht etwas, das man so einfach spontan entscheidet. Genauso wenig, wie die wenigsten spontan ein Auto kaufen. Das will in der Regel gut überlegt sein». Und ausserdem sei auch entscheidend, in welches Umfeld so ein Kunstwerk dann komme, ob es überhaupt in eine Wohnung oder ein Haus passe, ergänzt Jean-Claude Boillat.

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