«Carmen Perrin hatte ich schon lange auf meiner Wunschliste», sagt die Kuratorin des Kunsthauses Grenchen, Claudine Metzger. «Ihre aussergewöhnlichen, autonomen Objekte, ihr ganz eigener Umgang zu Fragen der Skulptur, die mir seit längerem in Galerie-Ausstellungen begegneten, begeistern mich.» Und so konnte Metzger die international bekannte Künstlerin, die auch viele Arbeiten im öffentlichen Raum, in Bahnhöfen, Schulen oder Spitälern im In- und Ausland ausführt, für eine Einzelausstellung nach Grenchen holen. Es ist seit 20 Jahren die erste institutionelle Einzelausstellung von Carmen Perrin in der Deutschschweiz. Vor Jahren war sie im Kunsthaus Aarau zu Gast.

Carmen Perrin (66) lebt und arbeitet in Genf. Mit ihren autonomen Objekten lotet sie den Raum aus, untersucht die Materialien, fordert die physikalischen Gesetze heraus und verbindet das alles mit einer hohen handwerklichen Perfektion. Ihr sind ästhetische Wirkung und überraschende Aussagen wichtig. Sie hinterfragt unsere Wahrnehmung, spielt gerne mit Erwartungen und Gewohnheiten der Betrachter.

Flackernder Text im Dunkeln

Für den Neubau des Kunsthauses Grenchen hat die Künstlerin sich eine Installation von bisher ungewohntem Ausmass ausgedacht. «Les anges dechus» – «Die gefallenen Engel» nennt sie ihre raumgreifende Installation mit 376 brennenden Kerzen, die in schwarzen Gläsern stehen. Über deren Lichtschein ist jeweils ein Buchstabe zu erkennen. So wird ein flackernder Text an die Wand projiziert.

Es ist eine Passage aus dem Roman «Die Nacht des Jägers» von Davis Grubb aus dem Jahr 1953, dem Geburtsjahr der Künstlerin, in französischer Sprache. Die wenigen Sätze beschreiben die verzweifelte Situation zweier Kinder auf der Flucht vor ihrem psychopathischen Stiefvater. Ebenso wie der Text nimmt die Installation das Gefühl einer an sich idyllischen, ruhigen Stimmung auf, in die sich aber eine beängstigende Atmosphäre einschleicht. Als Betrachter fühlt man sich zunächst hilflos und ausgeliefert in dieser dunklen Zone, nur langsam schärft sich der Blick.

Die letzten zehn Jahre

Im Girard-Haus ist dann ein Überblick über das Schaffen der Künstlerin in den vergangenen zehn Jahre zu sehen. Wie ein roter Faden zeigen sich bei den Objekten physikalische Fragestellungen wie Reibung, Druck, Bewegung und Spannung. Wie dünn kann ein Baustein geformt sein, damit er dehnbar wird und sich als Bespannung für einen Regenschirm eignet («le parapluie»)? Wie können Holzstäbe geformt und angeordnet werden, dass sie zu einem textil anmutenden Wandbehang werden («Felix»)? Wie heftig können hölzerne Stühle und ein Tisch durchlöchert werden, damit ihre Standfestigkeit erhalten bleibt, die Möbelstücke aber fast nicht mehr wahrnehmbar sind («Chicas!»)?

Das Hinterfragen der Wahrnehmung, das Verschieben von gewohnten Bildinhalten, das Ausloten und Bespielen von Räumen sind die Hauptanliegen der Künstlerin. Immer wieder findet sie die Objekte ihrer Arbeiten in der eigenen Biografie und eigenen Erlebniswelt. Dahinter Sozialkritik zu sehen, ist nicht das vordergründige Anliegen der Carmen Perrin. Mit ihren beeindruckenden Arbeiten schafft sie es trotzdem, dass wir unsere Wohlfühloasen langfristig hinterfragen.