Colonia Libera

Ausgangssperre wegen Corona-Virus: Die Italiener in Grenchen leiden mit

Salvatore Bandiera, Präsident der Colonia Libera Italiana Grenchen

Salvatore Bandiera, Präsident der Colonia Libera Italiana Grenchen

Der Corona-Verlauf mit Ausgangssperre in ganz Italien macht der italienischstämmigen Bevölkerung in Grenchen Sorgen.

Die einschneidenden Massnahmen der italienischen Behörden gegen das Coronavirus beschäftigt auch die italienische Gemeinschaft in Grenchen. Die überwiegende Mehrzahl der Grenchner Italiener haben ihre Familie in Süditalien: in Sizilien, Kalabrien und Apulien.

So auch Salvatore Bandiera, Präsident der Colonia Libera in Grenchen. «Ich stehe zweimal im Tag in Kontakt mit meiner Mutter und meiner Schwester, die in Sizilien leben», berichtet Bandiera. Für die Bevölkerung in Italien fühle sich das ganze an «wie der dritte Weltkrieg». Die Ausgangssperre habe die Gesellschaft total gelähmt. Der Süden sei diesbezüglich ebenso betroffen, wie Norditalien, obwohl sich die Ansteckungen dort noch in Grenzen hielten.

«Niemand darf ohne Bewilligung aus dem Haus»

«Niemand darf aus dem Haus, es sei denn, er habe eine offizielle Bewilligung.» Diese werde beispielsweise aus gesundheitlichen Gründen erteilt. «Wer ohne Bewilligung erwischt wird, wird gebüsst.» Immerhin dürfe zudem eine Person pro Familie die Einkäufe tätigen.

Es sei sehr unangenehm, hier in der Schweiz zu sitzen und nichts tun zu können, meint Bandiera weiter. «Meine Mutter ist 92 und ich weiss zurzeit nicht, ob ich zu ihr könnte, wenn ihr etwas zustösst.» In Süditalien sei die Zahl der Ansteckungen zum Glück bisher nicht so schlimm, das gebe ihm die Hoffnung, dass dank der strikten Massnahmen die Ausbreitung der Krankheit eingedämmt werden könne. In seinem Umfeld in Süditalien wisse er zurzeit von niemand, der krank sei. Auch habe er aus der Colonia Libera, die sich vornehmlich aus Süditalienern zusammensetzt bisher keine entsprechenden Informationen.

Bei uns in der Schweiz mache er sich sorgen, ob die Behörden die Situation ernst genug nehmen. Wahrscheinlich würden schon bald auch hier drastische Massnahmen nötig, schätzt er.
Bereits habe es Diskussionen gegeben über die Schliessung des Vereinslokals. «Mir selber wäre das am liebsten», meint Bandiera. Man werde auf alle Fälle reagieren, sobald die Behörden entsprechende Auflagen machen.

Eine 40-ährige Italienerin, die lieber anonym bleiben möchte, erzählt von ihren Sorgen: Ein Grossteil ihrer Familie lebt in Apulien, in der Provinzhauptstadt Foggia und in Dörfern in der Nähe.

«Wir müssen uns jetzt alle einschränken»

Bis jetzt gehe es allen gut. «Sie gehen nicht mehr aus dem Haus. So wie alle anderen auch nicht mehr.» Italiener seien von Natur aus etwas ängstlich, daher halte man sich auch strikt an die verordneten Massnahmen.

Zum Glück sei der Süden weniger betroffen. Es gebe aber auch dort Infizierte und Todesfälle. Das Gesundheitssystem sei trotz aller Massnahmen überlastet. Aber zum Glück habe man auch frühzeitig reagiert: «In Foggia wurden Schulen bereits vor Wochen geschlossen und desinfiziert.» Die ortsansässige Bevölkerung – Dreiviertel sind alte Leute – habe sich einfach sehr über die Landsleute geärgert, die von Norditalien her in den Süden zu ihren Familien gefahren seien und das Virus so weiter verschleppt hätten.

Die Sorglosigkeit gibt zu denken

«Daher verstehe ich die Sorglosigkeit nicht, mit der manche Menschen hier in der Schweiz tun, als wenn nichts wäre. Diese Unvernunft kann ich einfach nicht verstehen», sagt die Frau, die hier im Gesundheitswesen tätig ist. Ihrer Meinung nach habe die Schweiz diese Krankheit verschlafen. Als Mutter schulpflichtiger Kinder sei sie sowieso für eine sofortige Schliessung aller Schulen, wie das in manchen Ländern und hier in einzelnen Kantonen beschlossen wurde. «Es käme mir auch nicht in den Sinn, jetzt meine Eltern zu besuchen, die in der Schweiz leben. Wir müssen uns jetzt alle einschränken, sonst haben wir hier sehr bald italienische Verhältnisse.»

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