Die Meldung ging um die Welt: Stefan Flückiger, der Schweizer Botschafter bei der OECD, wurde Anfang Juni in Paris verhaftet. Die Vorwürfe waren happig: Der Diplomat sei betrunken auf einen Polizisten zugerast und habe seinen Dienstwagen erst nach einer Verfolgungsjagd gestoppt – nachdem ihm die Polizei zuvor den Pneu seines Mercedes zerschossen hatte.

Auch Schweizer Medien berichteten gross über den Fall. «Botschafter Blau» nennt ihn seither der «Blick».

Hinweise mehren sich

Nun mehren sich jedoch die Hinweise, dass sich in der fraglichen Nacht vom 2. auf den 3. Juni vieles anders zugetragen haben könnte, als bisher bekannt war. Bis heute hat die französische Justiz kein Strafverfahren gegen Flückiger eröffnet, obwohl die Schweiz dessen diplomatische Immunität eigens aufgehoben hatte.

Das Schweizer Aussendepartement (EDA) bestätigt, «keine Kenntnis» von einem Verfahren zu haben. Nicht einmal polizeiliche Ermittlungen hat es gemäss Informationen der «Schweiz am Sonntag» gegeben, seit Flückiger nach einer Befragung auf der Polizeiwache entlassen wurde.

Für Beobachter des Falls wirft dies Fragen auf zur Rolle der Polizei. Diese hatte Pariser Medien bereits kurz nach dem Vorfall mit Informationen beliefert. Dabei stellte sie offenbar auch falsche Vorwürfe in den Raum.

Flückiger habe kaum getrunken

So verlautete aus Polizeikreisen, es sei protokolliert, dass Flückiger betrunken gewesen sei. Schweizer Quellen widersprechen dieser Darstellung: Flückiger habe, als er am Abend auf einem privaten Anlass weilte, kaum getrunken.

Zweifel bestehen aber auch an der Behauptung, dass sich Flückiger nicht habe ausweisen können, nachdem er von der Polizei gestoppt worden war. Offenbar trug Flückiger durchaus Papiere auf sich. Und obwohl er den Beamten sowohl seine Schweizer Identitätskarte als auch einen Ausweis vorwies, der ihn klar als OECD-Botschafter kennzeichnete, wurde er auf die Polizeiwache mitgenommen.

Vorwerfen lassen muss er sich, dass er zu schnell unterwegs war und den Wagen nicht stoppte, als er in die Polizeikontrolle geriet. Dabei ist es bei solchen Kontrollen offenbar üblich, dass Diplomatenautos nicht angehalten werden, sondern nur abgebremst werden, damit die Polizisten das diplomatische Nummernschild erkennen können.

Hinzu kommt, dass es in Paris schon Ende Mai wiederholt zu ähnlichen Strassensperren gekommen war, weil grosse Demonstrationen für und gegen die Homo-Ehe ganze Stadtteile lahmgelegt hatten.

Die Schüsse auf den Mercedes gab ein Beamter ab, als Flückiger die Kontrolle bereits passiert hatte. Beim Schweizer löste die Schussabgabe auf den Diplomatenwagen Panik aus. Kurz danach habe er sein Auto aber gestoppt, ohne dass es zur kolportierten «Verfolgungsjagd» kam, die ihn sogar auf die Gegenfahrbahn geführt haben soll.

Hat die Polizei also überreagiert? Und wollte sie mit gezielten Indiskretionen von eigenem Fehlverhalten ablenken? Die französischen Behörden geben zum Fall keine Auskunft. Christophe Crépin, Sprecher der Polizeigewerkschaft Unsa, stellt sich vor die Gendarmen. Dass bisher kein Strafverfahren eingeleitet wurde, sei nichts Aussergewöhnliches: «Es sind Sommerferien.»

Vom Stand der polizeilichen Ermittlungen haben auch die Schweizer Behörden keine nähere Kenntnis. Eine interne Untersuchung des EDA, die Flückiger eine «tadellose» Arbeit attestierte, ist deshalb offiziell noch hängig. Flückiger selbst äussert sich auf Anweisung des EDA nicht zum Fall.

Solange die Vorwürfe gegen ihn nicht entkräftet sind, sieht sich Flückiger damit konfrontiert, dass sein Ruf Schaden genommen hat. Das ist bitter für den 58-jährigen Zürcher, der allseits als fleissiger und talentierter Diplomat beschrieben wird – und der bis zum Vorfall als Kandidat für die Nachfolge Michael Ambühls als Staatssekretär für internationale Finanzfragen gegolten hatte. Sollte ein Strafverfahren aber tatsächlich ausbleiben, könnte der Fall auch für die Pariser Polizei zum Problem werden.