Atomausstiegsinitiative
Zu Besuch im kleinen Dorf mit dem grossen Kühlturm

Die Däniker Bürgerinnen und Bürger sind erleichtert. Die Schweizer wollen die Laufzeit der Atomkraftwerke nicht beschränken.

Aline Wüst
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Das AKW Gösgen ist für das Solothurner Dorf Däniken so etwas wie ein Wahrzeichen.

Das AKW Gösgen ist für das Solothurner Dorf Däniken so etwas wie ein Wahrzeichen.

Roland Schmid

In Gummistiefeln steht Andreas Knobel (59) vor seinem Haus in Däniken. Es ist Sonntagnachmittag, 13.34 Uhr und bereits klar: Die Schweizer haben die Atomausstiegsinitiative abgelehnt. Das Atomkraftwerk Gösgen, dessen Kühlturm er durch die Büsche vor seinem Haus sieht, wird 2024 nicht vom Netz genommen. «Ein bisschen Hoffnungen hatte ich schon», sagt Knobel. Klar sei er nun enttäuscht. Als Grüner in Däniken ist er Niederlagen gewohnt.

Er streift die Gummistiefel ab, geht ins Wohnzimmer. Hier sitzt eine alte, blinde Katze neben einem Stückholz-Kachelofen. Eine Kaffeemaschine gibt es nicht in der Küche, die Fenster sind mit Kork isoliert – um Energie zu sparen. Es sei eine vertane Chance, dass die Initiative abgelehnt wurde, sagt der Informatiker und ETH-Dozent. Er rührt Zucker in seinen Schwarztee, sagt: «Nun können wir wieder bloss auf kommende Situationen reagieren, statt den Aussteig zu planen.»

Früher an diesem Nachmittag. René Koch und Roland Marrer stehen vor dem Gemeindehaus in Däniken. Die beiden sind vom Wahlbüro, die Stimmen haben sie fertig ausgezählt. In Däniken ist die Sache klar: 87 Prozent wollen keine Laufzeitbeschränkung.

Die Stimmbeteiligung war mit 55 Prozent so hoch wie selten zuvor. Doch die 2740 Einwohner von Däniken sind nicht repräsentativ: Rund 4,5 Millionen Franken zahlt das Kernkraftwerk jährlich an Steuergeldern. Der Steuerfuss ist mit 77 Prozent rekordtief im Kanton Solothurn.

Die Initiativgegner strahlen

Eben darum sagen die beiden Männer: «Ein bisschen angespannt sind wir schon.» Sie mögen das Atomkraftwerk. Dank dem Kühlturm wüssten sie sogar, wenn sie auf dem Pilatus stehen, stets, wo sie zu Hause sind: Genau da, wo ihre Wolke aus dem Nebelmeer ragt. In diesem Moment kommen die ersten Resultate der Abstimmung – die beiden Männer strahlen.

Strahlen soll bald auch die Weihnachtsbeleuchtung von Esther Jaeggi und Tochter Sarah Fernandez. Gerade befestigen die beiden Frauen die feinen Lämpchen am Zaun vor ihrem Haus. Klar hätten sie gegen die Laufzeitbeschränkung für Atomkraftwerke gestimmt, sagen die beiden. Denn das Atomkraftwerk gehöre eben zu Däniken. Traurig wäre trotzdem niemand, wenn es abgestellt würde, sagt Fernandez. Ihre Mutter erzählt noch, dass die Dampfwolke ihr Wetterprophet sei. Steige sie senkrecht, könne die Wäsche rausgehängt werden.

Auch das Restaurant Rebstock ist weihnachtlich dekoriert. Drinnen sind fast alle Tische besetzt. Ein älteres Ehepaar hat je ein grosses Cordon bleu vor sich auf dem Teller. Hinten in der Küche hört man Wirt Mehmet Sengül hantieren. Sehr gut findet er es, dass die Initiative abgelehnt wurde. «Viele Leute hier im Dorf leben vom Atomkraftwerk.» Das ältere Ehepaar ist fertig mit dem Zmittag. Sie lassen sich den Rest ihrer Cordons bleus einpacken, nehmen ihn mit nach Hause ins Nachbardorf Obergösgen. Die Dampfwolke verdecke ihnen oft die Sonne, sagt die Seniorin. Das bleibe dann wohl auch noch länger so. «Was will man machen?»

Bei der SVP geht das Sünneli bekanntlich immer auf. Und so hatte das trübe Wetter auch gestern keinen Einfluss auf die gute Stimmung von Walter Gurtner (64). Der Däniker Gemeinderat und langjährige SVP-Kantonsrat ist der vielleicht grösste Fan des Kernkraftwerks. Dementsprechend froh ist er, dass die Initiative abgelehnt wurde. «Man weiss nie, wie die Stimmung im Volk wirklich ist.»

Nun steht er da, schaut zum Kühlturm und sagt: «Ich finde ihn schön.» Gurtner preist die Sicherheit des Atomkraftwerks und erwähnt die vielen gut verdienenden Ingenieure, die in der Gegend wohnen. Dann zeigt er wieder aufs Atomkraftwerk: «Schauen Sie doch mal, wie friedlich dieser Anblick ist. Ich weiss nicht, was andere daran bedrohlich finden.» Das Wasser rauscht im Kühlturm. Daneben das eigentliche Kraftwerk mit dem Nasslager, wo die radioaktiven Brennstäbe abkühlen, bevor sie wegtransportiert werden.

Gurtner sagt, dass Däniken ein Schlafdorf sei. Das bisherige Highlight in der Geschichte des Ortes sei doch der Bau dieses Atomkraftwerkes. Und wer hier im Dorf von den tiefen Steuern profitiere und dann doch gegen das Kraftwerk kämpfe, der solle «bissoguet wegziehen».

Zu spät realisiert

Der Grüne Andreas Knobel hat nicht vor, wegzuziehen. Zugezogen ist er zufällig. Vor 16 Jahren kam er mit seiner Frau aus Japan zurück in die Schweiz. Das Haus hat ihm seine Schwester gesucht. Dass hier ein Atomkraftwerk steht, realisierte er zu spät. Wenn etwas passiere, nütze es ihm jedoch auch nichts, wenn er in Olten oder Aarau wohnen würde. Knobel ist sich sicher, dass er erleben wird, wie dieses Atomkraftwerk abgestellt wird. Dann könnte man einen riesigen Blumentopf aus dem Kühlturm machen.

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