Unterengadin
Wo die Krise herrschen soll, gibts neue Zuversicht

Die Belle Époque war ein Rausch, vor allem in den Bergen. Was tut eine Region, wo der Kater länger dauerte? Sie tut, als brumme heute noch der Kopf. Und geniesst, was geblieben ist.

Max Dohner
Merken
Drucken
Teilen
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Eine Reportage vor Ort.
15 Bilder
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.
Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Wegen dem Euro kommen keine Gäste mehr aus dem Ausland und wegen der Beschränkung der Zweitwohnungen wird nicht mehr gebaut.

Die Feriendestination Scuol Tarasp hat zu kämpfen. Eine Reportage vor Ort.

Chris Iseli

Als im Mai 1989 lichterloh das «Waldhaus» brannte, klopfte die Polizei an beim berühmten Dichter. Das «Waldhaus»! Gebaute Neorenaissance, gelebte Belle Époque. Garant für internationalen Glanz in der abgelegenen Gegend – jetzt noch Asche und Rauch. Der Dichter hatte es «Kurhaus» genannt im Roman: «Die Sterne verschwanden, das ganze Kurhaus stand mit einem Mal in Flammen.» Angezündet von Gangstern. Genau so stand es im Manuskript. Sechs Wochen danach brach wirklich Feuer aus. Ebenfalls wegen Brandstiftung. Genau dort, wo der Dichter emsig recherchiert hatte. Die Polizei stellte jedenfalls ein paar Fragen.

Der Roman hiess «Durcheinandertal», der letzte abgeschlossene Roman von Friedrich Dürrenmatt. Der Meister hatte Vulpera oft besucht; im «Waldhaus» machte er Notizen. Nach dem Brand besichtigte er die Brandstätte noch einmal. Und der letzte Direktor des Hotels, Rolf Zollinger, entschuldigte sich.

Die Tatsache aber liess sich nicht ungeschehen machen: Mit dem «Waldhaus» ging im Unterengadin eine Epoche zu Ende. Hundert Jahre europäische Kurgeschichte ersten Rangs. Spötter sagen, der Niedergang sei bereits ein Jahr zuvor besiegelt gewesen. In Form einer TV-Show im Vestibül mit Vico Torriani, Peter Kraus und den Kessler-Zwillingen.

Zur besten Zeit waren andere Namen zugegen: Oppenheims, Rockefeller. Die kränkelnde Maharani Shrimant Akhand Soubhagyavati Sanyogita Bai Sahib Holkar mit Gefolge, das zwölf Zimmer belegte. Die Kur nützte wenig; die junge Fürstin starb im Spital Samedan. 1938 soll Hitler abgestiegen sein, heimlich. 1938 wurde das Haus gerügt; während einer Verdunkelungsübung war es erleuchtet geblieben. Ebenfalls 1938 waren der niederländische Bankier Paul May mit Gattin Rosine Fuld zu Gast; zwei Jahre darauf verübten sie Selbstmord, am Tag der niederländischen Kapitulation.

Das Ende vom «Waldhaus» führte im Unterengadin – wenn nicht zu einem Trauma – so doch zu Phantomschmerz. Bis heute sind die Brandstifter unbekannt, bis heute wird gemunkelt. Als jetzt, im letzten Frühling, der «Robinson Club Schweizerhof» ankündigte, den zweiten ehrwürdigen Kasten in Vulpera zu schliessen, verstärkte der Phantomschmerz «Waldhaus» vermutlich die Resonanz des neuerlichen Schocks.

Inzwischen zeichnet sich ein Weiterbestehen ab, mindestens bis über die Wintersaison. Die örtlichen Bergbahnen, abhängig vom Robinson-Strom, schiessen Mittel ein. Das Konsortium selber scheint das Ganze nochmals zu prüfen. «Ohne Bezug zur Region macht Robinson kalt die Rechnung», klagen Einheimische. Rechnen aber können Einheimische auch. «Fatalisten», sagt ein seit Generationen Ansässiger, «sind wir nicht. Und naiv schon gar nicht.»

Wer die Depression liebt, wer den Blues sucht im Unterengadin, der findet dafür höchstens einen Fleck. Hinter dem drittältesten Freibad der Schweiz in Vulpera. Bei den Holztischen der «Villa Silvana», mit Plastik abgedeckt. Neben groben Bausünden wie die «Chasa Belmunt». Die computerisierte Amy Winehouse dringt aus dem Keller. Gleich darauf die zum Schlager geronnene Arie «La ci darem la mano». Übergewichtige Passanten führen vierbeinige Würste Gassi. In der tollen Lobby des «Schweizerhofs» duzt dich jeder «Robinsönler», vorab Deutsche, offensiv mitmenschlich.

Das gibt dir definitiv den Rest.

Aber eben: Von Pessimismus ist nicht viel zu spüren. Selbst zum Stillstand können Einheimische noch lachen (siehe Porträts ganz rechts). Sie sagen: «Wir sind authentisch.» Ein verwaschenes Modewort allenorts. Doch im Unterengadin kann man erfahren, wie sich das den Tag durch anfühlt. Nur einer relativiert: «Authentizität gibt es am meisten im Calanca-Tal. Und auch am wenigsten Gäste. Der Schweizer Gast will das Beste der Welt, aber mit Preisen wie in Thailand. Seit Jahren hören wir, wie unfreundlich das Personal sei hierzulande. Bei uns arbeiten zahlreiche Österreicherinnen. Was nun? Tauschen die an der Grenze etwa ihren Charakter aus?»

Der hier mit viel Passion spricht (notabene nach einer 160 Kilometer langen Bikertour), ist Kurt Baumgartner. Grösster Hotelier der Region. Mails aus seinem Familienunternehmen zeichnen auch «86 begeisterte Mithelfende». 1999 zugezogen, ist er ortsansässig heute mit vier Kindern. Und schreibt auf seine Weise die grosse Hotelgeschichte weiter (u.a. mit dem Belvédère). Trotzdem sagt er: «Die Region macht nachdenklich.» Fühlt er sich gebremst?

«Baumgartner setzt sich stark ein», anerkennen alle – und fügen leiser an: «Vielleicht wird er zu stark.» Das Unterengadin verlor am wenigsten Logiernächte im Vergleich zu Graubünden. Ein neues Hotel Baumgartners scheiterte indessen wegen zweier Stimmen. Baumgartner erzählt: «Einheimische raten mir, meine Brille im nahen Österreich zu kaufen. Sage ich scherzhaft, ich verkaufe mein Hotel an Russen, wirft man mir Heimatausverkauf vor.» Dann zählt er auf, weswegen die Nachteile von Frankenstärke und Nähe zum Ausland sich langfristig in Vorteile verwandeln können: «Die Zweitwohnungs-Initiative hilft. Der Klimawandel, die Aspekte Sicherheit und Gesundheit. Jene, die eine Landschaft zur Chilbi ausbauten, erhalten bald den Retour-Puck.»

Klingt fast so, wie Einheimische auch reden: Zunächst düster im Moll. Bald zuversichtlich froh. Am Schluss nimmt uns Postauto-Chauffeur Grieder, der nun wirklich jede Ecke kennt, mit in den Golfclub. Da sitzen andere und unterhalten sich im Vallader-Rumantsch. Alles sehr geniesserisch: «Wie Ferien.» Voilà.

Marcus Wetzel, Bauunternehmer Er steht vor der Vergangenheit, der Büvetta des «Scuol Palace», und trauert ihr nicht nach: «Renovieren – darauf liegt jetzt unser Augenmerk. Zum Glück wurde der Bauboom gestoppt. Man kann nicht immer zu viel wollen.» Erstaunliche Worte eines KMU-Unternehmers, vor kurzem für die BDP noch Gemeinderat. Das «Palace» soll wieder auferstehen, als Wohnkomplex. Der Baufachmann ist skeptisch, ob es funktioniert: «Isoliert wird nicht, nur übermalt. Und alles geheizt mit Öl.» Wetzel hat drei Wünsche: Die neue Brücke nach Vulpera soll weniger Lichtsmog entwickeln. Die Abteilung Tourismus, fünfmal mehr dotiert als seine Firma, abspecken. Und das einzigartige Heilwasser endlich stärker propagiert werden.

Marcus Wetzel, Bauunternehmer Er steht vor der Vergangenheit, der Büvetta des «Scuol Palace», und trauert ihr nicht nach: «Renovieren – darauf liegt jetzt unser Augenmerk. Zum Glück wurde der Bauboom gestoppt. Man kann nicht immer zu viel wollen.» Erstaunliche Worte eines KMU-Unternehmers, vor kurzem für die BDP noch Gemeinderat. Das «Palace» soll wieder auferstehen, als Wohnkomplex. Der Baufachmann ist skeptisch, ob es funktioniert: «Isoliert wird nicht, nur übermalt. Und alles geheizt mit Öl.» Wetzel hat drei Wünsche: Die neue Brücke nach Vulpera soll weniger Lichtsmog entwickeln. Die Abteilung Tourismus, fünfmal mehr dotiert als seine Firma, abspecken. Und das einzigartige Heilwasser endlich stärker propagiert werden.

Chris Iseli
Jon Fanzun, Schlossverwalter Da sitzt er im Haflinger, vor dem steilen Schlosshügel in Tarasp, an dessen Fuss er das erste Haus bewohnt: Jon Fanzun, neben Schlossverwalter auch Inhaber eines Sportgeschäfts. Dieses Jahr, sagt Fanzun, kämen noch weniger Besucher als letztes Jahr. Damals waren es 15 000. Spärlich für ein derart spektakulär thronendes, fast tausendjähriges, gut erhaltenes Schloss.«Sie sehen oben, warum wir keine Besucher erlauben können ohne Führung.» Es ist eng, viele Dinge sind sehr kostbar, das Personal wäre zu kostspielig, eine Cafeteria gibt es auch nicht. So stehen viele am Hügel an, lesen die Führungszeiten und machen kehrt. Unser Führer fliegt mit dem Flyervelo hoch, ein Jus-Student aus Bern.

Jon Fanzun, Schlossverwalter Da sitzt er im Haflinger, vor dem steilen Schlosshügel in Tarasp, an dessen Fuss er das erste Haus bewohnt: Jon Fanzun, neben Schlossverwalter auch Inhaber eines Sportgeschäfts. Dieses Jahr, sagt Fanzun, kämen noch weniger Besucher als letztes Jahr. Damals waren es 15 000. Spärlich für ein derart spektakulär thronendes, fast tausendjähriges, gut erhaltenes Schloss.«Sie sehen oben, warum wir keine Besucher erlauben können ohne Führung.» Es ist eng, viele Dinge sind sehr kostbar, das Personal wäre zu kostspielig, eine Cafeteria gibt es auch nicht. So stehen viele am Hügel an, lesen die Führungszeiten und machen kehrt. Unser Führer fliegt mit dem Flyervelo hoch, ein Jus-Student aus Bern.

Chris Iseli
Gino Clavuot, Engadin-Rapper Zu Beginn seines Videos «Nomol so chli» schmeisst er eine Schnapsflasche in den Bergsee. Ganz rotziger Rapper. Danach aber ist das Lied voller Nostalgie. Gino Clavuot wurde in Scuol geboren und wuchs hier auf. Selbstredend spricht er Vallader. Das Fernsehen verstieg sich mal, unter anderem mit seinem Beispiel, zur These, dass Jugendliche die alten Sprachen schützen.«Der Rebell», sagt Gino, «ist eher allgemeingültig als regionalspezifisch.» Zum Tal hat er offenbar nur gute Bezüge. Wie andere Junge auch, ist er abgewandert nach Zürich, wurde nach dem Gymnasium erst Koch, dann Volkswirtschafter. Sein Grossvater war Matrose, seine Grossmutter Brasilianerin. Passt natürlich zum Rap – und zur Schweiz.

Gino Clavuot, Engadin-Rapper Zu Beginn seines Videos «Nomol so chli» schmeisst er eine Schnapsflasche in den Bergsee. Ganz rotziger Rapper. Danach aber ist das Lied voller Nostalgie. Gino Clavuot wurde in Scuol geboren und wuchs hier auf. Selbstredend spricht er Vallader. Das Fernsehen verstieg sich mal, unter anderem mit seinem Beispiel, zur These, dass Jugendliche die alten Sprachen schützen.«Der Rebell», sagt Gino, «ist eher allgemeingültig als regionalspezifisch.» Zum Tal hat er offenbar nur gute Bezüge. Wie andere Junge auch, ist er abgewandert nach Zürich, wurde nach dem Gymnasium erst Koch, dann Volkswirtschafter. Sein Grossvater war Matrose, seine Grossmutter Brasilianerin. Passt natürlich zum Rap – und zur Schweiz.

Chris Iseli
Rolf und Silvia Grieder, Kosmetikerin und Bus-Chauffeur In der Garage steht auch noch ein Ferrari. Postauto-Fahrer Rolf Grieder lacht: «Das notieren Sie nur fürs Geschwätz.» Nein, wir wurden vorher schon von Einheimischen darauf aufmerksam gemacht. Silvia Grieder, die ehemalige Bernerin, führt im Dorf ein Kosmetikgeschäft.Die beiden erzählen lieber Geschichten aus der Gegend, als Allgemeinplätze abzusondern. «Es stagniert zur Zeit ein bisschen», sagt Rolf Grieder bloss. Auf dem Tisch steht eine Karaffe mit Mineral aus hiesigen Quellen. Nach einem Schlaganfall entfaltete es auch bei ihm seine gute Wirkung. (mad.)

Rolf und Silvia Grieder, Kosmetikerin und Bus-Chauffeur In der Garage steht auch noch ein Ferrari. Postauto-Fahrer Rolf Grieder lacht: «Das notieren Sie nur fürs Geschwätz.» Nein, wir wurden vorher schon von Einheimischen darauf aufmerksam gemacht. Silvia Grieder, die ehemalige Bernerin, führt im Dorf ein Kosmetikgeschäft.Die beiden erzählen lieber Geschichten aus der Gegend, als Allgemeinplätze abzusondern. «Es stagniert zur Zeit ein bisschen», sagt Rolf Grieder bloss. Auf dem Tisch steht eine Karaffe mit Mineral aus hiesigen Quellen. Nach einem Schlaganfall entfaltete es auch bei ihm seine gute Wirkung. (mad.)

Chris Iseli