Morgennebel zieht Schleppen über den Platz, als ein paar Gestalten die Hecktüre ihrer SUVs öffnen und längliches Gepäck herausheben. Etwas, das aussieht wie Instrumentenkoffer in Gangster-Filmen. Der eine oder andere schultert auch unverhüllt den «Föhn» oder die «Kanone».

Einem Touristen, unwissend, weshalb sich hier Hunderte von Bewaffneten versammeln, würde angst und bang; so sah «pure Swiss Folklore» doch gar nicht aus im Ausflugs-Prospekt … Ist aber genau das. «Kein Sport», sagen die Männer, «Rütlischiessen – das ist Tradition.»

Heuer aber bei bald verschärftem Waffenrecht wegen der EU. Da pilgern sie doch alle hin, the last Men standing sozusagen (es hat freilich mittlerweile auch Frauen drunter): ins Lebendréduit gegen Brüssels Bürokratie. Sammelt einer womöglich Unterschriften fürs Referendum gegen das Waffenrecht? Obschon es Auflage der Gemeinnützigen Gesellschaft ist (Trägerschaft des Rütli), dass auf dieser Wiese keine Politik betrieben wird.

Wiese für Wuteidgenossen?

Wir meldeten uns jedenfalls an. Und nahmen Platz im «Weissen Rössli» von Brunnen. Da begrüsste die Waldstätte-Sektion Schwyz die Gäste. Der Zufall setzte uns neben einen Veteranen der Berner Sektion: «Heuer bin ich das vierzigste Mal dabei», sagte er. Wir machten uns auf alles gefasst. Stimmte schon beim Erstbesten die Gleichung «Rütlischütze = Wuteidgenoss»? Wir tunkten das Gipfeli in den Kafi und fragten: «Ist für Sie heute die EU nur noch 300 Meter weit weg? Wie die Zielscheibe?»

«Falsch», sagte der Veteran, «es sind 260 Meter» – und grinste. Dann streckte er die Hand aus: «Guete Morge, i bi dr Ueli. Erstens: Hier duzen wir uns – Schützenkameraden. Zweitens steht man am Rütli nicht zum Schiessen, man kniet. Drittens ist die EU hier nicht das Problem  …» Sondern? «Der Bleifang.» Wie in Morgarten; man ballere gegen Fels. Später aber korrigiert der Chef der auf dem Platz zuständigen Sektion Uri, Adrian Zurfluh: «Kein Problem. Wir haben vom Amt für Umweltschutz die Erlaubnis. Wir dürfen schiessen.»

«Das ist nicht das Problem», sagt während einer Feuerpause ein weiterer Veteran. Er klopft sich an die Brust: «Ich kann nicht mehr mittun, ich trage einen Herzschrittmacher.» Ökologie ist kein Problem, die Politik auch nicht – «Es sind wenige Polizisten hier, aber die passen auf.» Also was ist das Problem?

«Der Wind», sagt der Veteran und mustert kritisch die Schweizer Fahne an der Schiffsstation: «Siehst du, flattert nach rechts – heisst: Bise. Angesagt aber war Föhn. Das Gewehr darauf einzustellen, ist eine Kunst. Wir schiessen den Hang rauf. Auf 254 bis 263 Meter Distanz, je nachdem, wo dein Platz ist. Zunächst drei Schuss in einer Minute, dann zweimal sechs in zwei Minuten. Kein Probeschuss. Da wird beim Karabiner auch die Zeit zum Problem. Und das Zählen der getätigten Schüsse. Bei dem Geknatter und dem Echo wirst du konfus.»

Weiss der Veteran, weshalb die Berner Sektion als einzige ein Zelt aufschlagen darf? Die anderen hat der Rütli-Wirt aufgebaut. Oder die Armee. Der Veteran schüttelt den Kopf. Selbst der Urner Sektionspräsident weiss es nicht: «Das verliert sich in den Nebeln der Geschichte.» Zurfluh empfiehlt aber unbedingt einen Besuch: «Muss man gesehen haben.»

Wo sind die Referendums-Listen?

Das Zelt sieht aus wie das eines Söldnerführers während der Berner Kriege. Drin erzählt der Chef Witze von der Sorte Busschauffeur auf Kafifahrt, dem para-militärischen Ambiente politisch unangepasst angepasst. Alle lachen dieses schollernde Kameradenlachen, das meist erstirbt, wenn der Kamerad den Rücken dreht. Es ist ein Signal der Zugehörigkeit, kein Signal für Humor.

Dann aber hören wir jemanden immer weiter lachen, unverwüstlich; das konnte nur Toni Brunner sein, der SVP-Nationalrat. Leichter Weissweindunst umhüllt sein Vergnügen. Jetzt ein Schützenkamerad wie wir (wie Regierungsräte, Polizei-Kommandanten, hohe Tiere vom Militär, denen wir nur betreten «Hoi» sagen konnten, als ehemaliger Pinggel-Füsilier). Einem Kamerad darf man auch einen Spalt breit die Jacke öffnen: «Jetzt zeig schon, Toni: Wo hast du die Referendums-Listen versteckt?» – «Längst unterschrieben», jubelt Brunner, «im Haus der Freiheit. Und ich kann sagen: Da unterschreibt jeder.»

«Ist das Rütlischiessen nicht doch politisch? Die Linken hatten uns doch gelehrt, alles sei ‹irgendwie politisch›». – «Natürlich ist es das», antwortet Toni, «aber ab wann ist etwas politisch? Vor 156 Jahren, als dieser Anlass ins Leben gerufen worden war, fand das niemand politisch. Heute ist das anders. Hier manifestiert sich die Substanz der Eidgenossenschaft; da drückt sich die Wehrbereitschaft aus über alle Leute, die hier sind.»

Am See schnarcht ein erschöpfter Schütze auf der Bank; die Schuhe hat er ordentlich unter die Bank gestellt. «Früher wurde mehr gesoffen», sagt ein Kamerad an unserer Seite, «aber das ist nicht das Problem …» Sondern? «Früher dauerte es manchmal zwanzig Jahre, bis eine Schützensektion wieder eingeladen wurde; so riesig war das Interesse. Heute sieht man nach zwei Jahren manchmal die gleiche Sektion wieder teilnehmen.» Solange sich die Reihen jedes Mal wieder schliessen, ist das doch kein Problem? «Geschossen wird nur mit Armeewaffen: Karabiner, Stgw 57, Stgw 90 … darin haben die Leute – kniend – immer weniger Übung. Das ist das Problem.»