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«Wir sehen gewisse Dinge anders»: Jetzt reagiert das RTS auf den SRF-Kommentatoren-Knatsch

Stefan Hofmänner, Kommentator beim SRF, muss mit Experte Marc Berthod (rechts) derzeit wegen der Pandemie die Skirennen von Zürich aus analysieren. Beim RTS werden die Auslandeinsätze der Westschweizer Journalisten hingegen lockerer beurteilt.

Stefan Hofmänner, Kommentator beim SRF, muss mit Experte Marc Berthod (rechts) derzeit wegen der Pandemie die Skirennen von Zürich aus analysieren. Beim RTS werden die Auslandeinsätze der Westschweizer Journalisten hingegen lockerer beurteilt.

SRF-Journalisten wundern sich, dass ihre Westschweizer Kollegen im Gegensatz zu ihnen ins Ausland reisen dürfen, um Velorennen und Fussballmatches zu kommentieren. Nun rechtfertigt sich der RTS-Sportchef – mit Röstigraben-Argumenten.

Das passt nicht allen: So mancher SRF-Sportjournalist im Leutschenbach wundert sich zurzeit über die Handhabung der Corona-Regeln. Denn während ihre RTS-Kollegen aus der Romandie nach wie vor an ausländische Sportanlässe reisen, die vom BAG als Risikogebiet eingestuft wurden, müssen die SRF-Leute zu Hause bleiben. So sagte SRF-Skikommentator Stefan Hofmänner kürzlich im «Blick»: «Weil uns unsere Chefs mit allen Mitteln vor diesem Virus schützen wollen, werden wir im Gegensatz zu unseren Kollegen aus der West- und Südschweiz bis mindestens Ende Jahr die Rennen vom Studio in Zürich aus kommentieren.»

CH Media weiss: Hofmänner ist nicht der einzige SRF-Journalist, der sich über die uneinheitliche Corona-Handhabung bei der SRG wundert. Das Mutterhaus sieht sich für die Debatte allerdings nicht zuständig: «Die Regelung für die Auslandeinsätze der Kommentatoren liegen in der publizistischen Verantwortung der einzelnen Unternehmenseinheiten. Diese entscheiden autonom.»

«Wir dürfen nicht aufhören, Journalismus zu machen»

RTS-Sportchef Massimo Lorenzi nimmt hingegen Stellung – und verteidigt die Auslandeinsätze seiner Equipe. «Wir dürfen nicht aufhören, Journalismus zu machen.» Er habe zwei seiner Leute an die Tour de France geschickt, weil diese für die Welschen nun mal von grosser Bedeutung sei. «Grösser als für die Deutschschweizer. Da wollten wir vor Ort sein, die Tour de France ist für uns mehr als nur Sport.» Dass sich dabei seine Leute auch in französischen Risikogebieten aufhielten, nahm Lorenzi bewusst in Kauf. «Es geht immer um die Abwägung der publizistischen Relevanz und des Gesundheitsrisikos.»

Ansonsten sei er bei vom BAG als «rot» eingestuften Gebieten hingegen vorsichtig. «Insofern war die Tour de France eine Ausnahme, denn generell schicken wir keine Journalisten in Risikozonen.» Es würden keine RTS-Journalisten nach Belgien reisen für das Freundschaftsspiel der Fussball-Nationalmannschaft und auch nicht nach Rumänien für die Partie Young Boys gegen Cluj. «Aber in München, beim Champions-League-Spiel Bayern gegen Atletico werden wir im Stadion sein, denn München ist keine rote Zone.»

Personalengpass wegen Quarantäneregel

Ursprünglich wollte Lorenzi auch einen Kommentator nach Sölden an den Auftakt des Ski-Weltcups schicken. «Das war dann aber kurzfristig nicht möglich, da wir einen Personalengpass hatten.» Die Quarantäneregeln machten sich beim RTS bemerkbar. Ob er Kommentatoren an Skirennen in Frankreich, Italien und Österreich entsenden wird, wisse er noch nicht. «Wir werden die Situation vorsichtig analysieren und dann entscheiden.»

Lorenzi sagt, er verstehe, dass die SRF-Kollegen im Leutschenbach enttäuscht über den Entscheid ihres Arbeitgebers seien. «Aber ich will nicht für mich beanspruchen, den einzig richtigen Entscheid getroffen zu haben.» Er sei sich auch nicht sicher, ob er heute nochmals gleich entscheiden würde bezüglich der Vor-Ort-Berichterstattung während der Tour de France. Denn die Corona-Situation habe sich inzwischen deutlich verschlechtert.

«Wir leben schon länger mit dem Virus als die Deutschschweizer»

Der RTS-Kadermann sieht allerdings auch kulturelle Unterschiede bei der Abwägung des Risikos. «In der Romandie leben wir schon länger mit dem Virus als die Deutschschweizer» ennet der Sanne, vermutet Lorenzi, sei die Verunsicherung möglicherweise grösser. «Wir sehen gewisse Dinge nun mal anders, was aber nicht heisst, dass wir Recht haben.»

SRF-Ski-Kommentator Stefan Hofmänner hofft derweil, dass auch die SRF-Journalisten ihren Job vor Ort ausüben können. Denn die Zuschauer würden «frische Informationen aus erster Hand» erwarten, sagt er im «Blick». An diese komme er nicht heran, wenn er in Zürich nur die Social-Media-Kanäle der Athleten beanspruche. Für eine richtig gute Sendung müsste ich direkt vor Ort mit den Leuten reden.»

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