Affäre Maudet

Wie sich der Genfer Fast-Bundesrat Pierre Maudet gegen die Publikation eines Interviews wehrt

Pierre Maudet am diesjährigen WEF in Davos. Seine öffentlichen Auftritte sind allerdings seltener geworden – auch weil er nicht mehr so häufig eingeladen wird.

Pierre Maudet am diesjährigen WEF in Davos. Seine öffentlichen Auftritte sind allerdings seltener geworden – auch weil er nicht mehr so häufig eingeladen wird.

Auch eineinhalb Jahre nach Bekanntwerden der Affäre um Pierre Maudet, ist der Genfer Magistrat noch im Amt und kämpft mit allen Mitteln um seine politische Zukunft. Dazu gehört auch, ein ihm unliebsames Interview zu verhindern, das CH Media mit ihm geführt hat. Das ist die Geschichte.

Die Genfer spötteln selber darüber. Die so genannten Genfereien, die ewigen Skandale und laut ausgetragenen Streitereien über Wichtiges und weniger Wichtiges. Der Begriff hat etwas Negatives. Nicht so für Pierre Maudet. Vor einem Jahr schrieb der Genfer Magistrat in seiner letzten «Blick»-Kolumne über die Genferei: «Es ist ein Weg, um sich irgendwie Gehör zu verschaffen im Rest der Schweiz.» Und: «Die Genferei steht auch für das Ankämpfen gegen Widerstände von allen Seiten.»

Maudet hat sich als Meister der Genferei erwiesen. Man könnte auch von «Maudetrei» sprechen. Während man in der Deutschschweiz ungläubig den Kopf darüber schüttelt, dass der 41-Jährige noch immer als Staatsrat amtet, erachtet Maudet seinen Verbleib in der Exekutive als Selbstverständlichkeit, auch wenn ihm seine Regierungskollegen die wichtigsten Aufgaben weggenommen haben. Denn gegen Maudet läuft wegen seine Reise nach Abu Dhabi ein Strafverfahren wegen Verdachts auf Vorteilsannahme (siehe Box unten).

CH Media fragt deshalb den umstrittensten Politiker der Westschweiz vergangenen Herbst, ob er in einem Interview über seine Situation und seine Politik sprechen würde. Maudet sagt zu, zieht aber einen Termin nach den Eidgenössischen Wahlen vor, Mitte Dezember. Man könne das Interview auf Deutsch führen, sofern er die wichtigsten Fragen im Vorfeld zur Vorbereitung erhalte. Dies, obwohl er während seiner Bundesratskandidatur 2017 und auch danach Interviews auf Deutsch gab. CH Media willigt ein und schickt Maudet eine ausführliche Themenliste.

Aufstieg und Fall: Maudets turbulente Karriere

Charmant, gut gelaunt und angriffslustig

Der Magistrat empfängt die beiden schreibenden Journalisten – die Politikchefin und den Romandie-Korrespondenten – in seinem grosszügigen Büro in der Genfer Altstadt, an einem Mittwoch. Er ist gut vorbereitet, hat sich Antworten notiert.

Charmant offeriert Maudet eine «Marmite», eine Genfer Schokoladenspezialität. Er wirkt gut gelaunt und gibt sich angriffslustig wie man ihn von seiner Bundesratskandidatur in Erinnerung hat. Kein Wunder, war er der Liebling der Medien. Er teilt gegen den Bundesrat aus, der noch immer aus grauen Mäusen bestehe, gegen die verpolitisierte Genfer Justiz, die noch immer kein Urteil in seinem Fall gefällt habe, und gegen seinen FDP-Kollegen Christian Lüscher, der ihn nach den Wahlen für das schlechte Abschneiden der Partei verantwortlich machte und seinen Rücktritt forderte. Er betont, nicht die Medien sollen über ihn richten und dass es keine perfekten Politiker gebe. Er spricht von «Verrat» und «Messer in meinem Rücken». Die Affäre sei aufgebauscht und eine Folge seiner Reform der Genfer Polizei. Auch zum Gerücht, dass er plane, von der FDP auszutreten und eine eigene Partei zu gründen, nimmt er Stellung.

Gegen Schluss kontrolliert Maudet seine Notizen, schaut, ob die Journalisten alles gefragt haben, was sie ihm angekündigt hatten. Dann kehrt Maudet die Interview-Konstellation um und will von der Politikchefin wissen, wie er auf sie wirke im Vergleich zum letzten Interview im Rahmen seiner Bundesratskandidatur. Die ehrliche Antwort, es wirke, als habe er sich überhaupt nicht verändert, kein Schuldbewusstsein an den Tage lege und so agiere, als wenn nichts gewesen wäre, scheint ihn nicht sonderlich zu stören. Er geniesst den Schlagabtausch mit verschmitztem Lächeln. Er betont, dass er sich unschuldig fühle und angesichts all seiner politischen Erfolge nicht bloss für seine Abu-Dhabi-Reise in Erinnerung bleiben wolle.

Die Verhaftung seines Verbündeten

Er verabschiedet sich höflich und man verbleibt, dass man ihm den Interviewtext so rasch wie möglich schicken werde – so wie es im Journalismus Usus ist. Der Interviewte hat das Recht auf das Gegenlesen des Textes hat. Dort kann er Änderungen anbringen im Sinne der Präzisierung oder Fehlervermeidung. Der Kern der Aussagen darf nicht geändert werden. So weit, so normal.

Doch nun beginnt die «Maudetrei». Zwei Tage nach dem Interviewtermin, an einem Freitag, wird bekannt, dass Maudets politischer Verbündeter, FDP-Mitglied Simon Brandt, von der Polizei verhaftet wurde. Die Frage steht im Raum, ob Brandt Maudet vertrauliche Informationen weitergab. Am selben Tag erhält Maudet den Interviewtext zum Gegenlesen und er verspricht, bis am Montagmorgen seine Korrekturen zu schicken.

Doch soweit kommt es nicht. Erst am Montagnachmittag meldet sich Maudet per Mail: Er habe zwei Stunden für den Text aufgebracht und müsse enorm viele Korrekturen anbringen aufgrund der Übersetzung aus dem Deutschen ins Französische. Es gäbe einige Fehler. Zudem sehe er sich überhaupt nicht korrekt dargestellt im Text. Und sowieso: Wegen der Aktualität (er meint die Verhaftung Simon Brandts) müsse er sich für den Rest des Wochenendes diesem Thema widmen. Er sei untröstlich, aber «Genf ist definitiv speziell».

Der Bitte um einen Telefonanruf, um die konkreten Änderungswünsche zu besprechen, kommt er nicht nach. Es folgen Weihnachtsferien und man verbleibt, Anfang Januar den Kontakt wieder aufzunehmen. Drei Wochen Funkstille auf beiden Seiten.

«Ich bin in Interlaken an einem Seminar...»

Start ins neue Jahr: «Bonjour Monsieur Maudet.» Die Journalisten bitten den Politiker per Mail, konkrete Korrekturen im Text anzubringen und diese zu retournieren, um eine Diskussionsgrundlage zu haben. Antwort Maudet, zwei Tage später: «Ich bin in Interlaken an einem Seminar mit den Staatsräten bis Freitag und werde deshalb Mühe haben, die nötige Zeit dafür aufzubringen.»

Er schlägt vor, dass man sich in der Woche darauf zu einem Mittagessen trifft, um das Interview zu besprechen. Schliesslich müsse man auch über die Affäre Simon Brandt diskutieren, die dazwischen gekommen sei. Erneut willigen die Journalisten ein, mit der wiederholten Bitte, er solle noch in der laufenden Woche eine korrigierte Version des Textes schicken. Auch dazu kommt es nicht. Maudet schreibt gegen Ende Woche, um 04.33 Uhr, er werde über das Wochenende versuchen an einer neuen Version zu arbeiten.

Es folgt der Schlichtungslunch. Mittlerweile ist es Mitte Januar. Ein italienisches Restaurant in der Genfer Altstadt, Maudet wartet im oberen Stock an einen Tisch in der Ecke. Vor ihm liegt ein Mäppchen mit dem Interviewtext. Kleine Notizen sind ersichtlich, nicht viel mehr. Maudet spricht viel, wie immer charmant. So, als wenn nichts gewesen wäre.

Erst auf Nachfrage nimmt er zum Interview, das ihm doch so überhaupt nicht passt, Stellung. Allerdings nicht zu konkreten Textpassagen. Stattdessen sagt er, dass sich seine politische Situation verändert habe mit der Verhaftung von Brandt, und auch im Staatsrat sei einiges in Gange. Kurz: Das Timing passt ihm nicht. Er schlägt vor, das Interview irgendwann zu wiederholen, er garantiere bis dahin Exklusivität. Er werde also keine anderen Interviews bis dann führen.

Die Journalisten gehen den Deal nicht ein und verlangen die versprochenen Korrekturen. Maudet erhält eine neue Deadline: Freitag, 17. Januar. Maudet akzeptiert. In der Zwischenzeit ist es erneut zu einer Wende in seiner Affäre gekommen. Wie der Sender «RTS» berichtet, hat Maudet im Herbst 2019 gegenüber der Staatsanwaltschaft angeblich gesagt, dass der ehemalige Staatsratspräsident François Longchamp ebenfalls Geld von der Firma Manotel für seine Wahlkampagne erhalten habe – so wie es Maudet selber vorgeworfen wird.

Es ist Freitag, 23:57 Uhr, 3 Minuten vor Ablauf der Deadline, als Maudets E-Mail eintrifft. Und voilà: Er schickt eine neue Version des Interviews. Doch die Word-Datei ist voller Änderungen: Etwa einen Drittel des Textes hat Maudet gestrichen, gut die Hälfte der verbliebenen Antworten auf Französisch neu formuliert. Beim gelöschten Teil handelt es sich um den letzten Teil des Gesprächs, als Maudet um eine Evaluierung seiner Selbst bat.

Maudet schreibt, er sei der Ansicht gewesen, dass diese Aussagen off-the-record, also nicht zum Zitieren, gewesen seien. Dabei weiss jeder Politiker und Journalist mit etwas Erfahrung, dass nur off-the-record ist, was als solches auch deklariert wird. Maudet unterliess dies, die Aufnahme des Gesprächs lief stets weiter. Dafür hat Maudet in seiner Version noch eine Spitze gegen die FDP Schweiz eingebaut: Diese habe seinen Rücktritt nur aus Imagegründen gefordert und sich nicht im Kern mit der Affäre befasst, da damit Fragen der Wahlkampffinanzierung einhergehen, wo mehr Transparenz nötig ist. Ein pfiffiger Vorwurf, um die Journalisten hoffentlich ruhig zu stellen.

Die «Maudetrei» erreicht ihre Spitze

Den Journalisten ist klar: Maudet spielt ein Spiel. Doch angesichts der bereits investierten Zeit, spielen sie das Spiel weiter. Einen letzten Versuch, um das Interview doch noch ins Ziel zu bringen, wollen sie wagen. Sie übersetzen Maudets Antworten auf Deutsch, redigieren sie leicht und fügen Kernaussagen aus dem letzten Drittel ein, das Maudet komplett strich. Sie glauben, eine Lösung gefunden zu haben, mit der beide Parteien leben können.

Am Freitag, 24. Januar, erhält Maudet die finale Version. Sollte er noch Detailkorrekturen haben, solle er diese bis am Montag schicken, so dass das Interview endlich publiziert werden könne. Doch auch dazu kommt es nicht. Die «Maudetrei» erreicht ihre Spitze: «Ich danke ihnen, ganz ehrlich, für Ihre Bemühungen», schreibt der Magistrat. «Aber…». Auch dieser Text weiche von seiner Version massiv ab, enthalte neue Elemente, er erkenne sich darin nicht, und er könne das Interview auf keinen Fall freigeben. Stattdessen schlägt er vor, dass man einen neuen Termin für eine Wiederholung des Interviews vereinbare. Schon wieder.

Das war’s. Die Journalisten geben Maudet bekannt, dass das Interview nicht erscheinen werde und sie stattdessen einen Artikel darüber schreiben. Dabei legen sie nochmals dar, wie Maudet die Situation aus Ihrer Sicht eskalieren liess. Doch auch diese Darstellung, so schreibt der Staatsrat, sei falsch - ohne zu sagen, was genau.

Einen neuen Interviewtermin wird es nicht geben. Obwohl der Genfer bestimmt auch da wieder charmant und angriffslustig auftreten würde. So, als wenn nichts gewesen wäre.

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