Bürgerammann
«Wer dort Ruhe sucht, bekommt sie jetzt»

Auf Ende Oktober geht Solothurns Bürgerammann Christoph Oetterli in Pension. Er hat das Schiff Bürgergemeinde durch oft unruhige Gewässer gesteuert. Und legt nun bei weiterhin rauer See das Steuer in die Hände von Sergio Wyniger.

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Christoph Oetterli

Christoph Oetterli

Solothurner Zeitung

Wolfgang Wagmann

Ende Oktober hört der letzte Bürgerammann von Solothurn nach fast 19 Jahren im Amt auf. Dann gibt es «nur noch» einen Bürgergemeindepräsidenten. Wie ist die Gefühlslage?

Christoph Oetterli: Das ist noch schwierig auszudrücken. Es gibt ein lachendes und ein weinendes Auge. Einerseits freue ich mich sehr, mehr Zeit für verschiedene Sachen zu haben. Andererseits habe ich mein Amt sehr geliebt und meine Arbeit gerne gemacht. Es wird schon ein bisschen schwer werden, Ende Oktober aufzuhören. Zumal sich die Arbeit im Moment noch auf meinem Pult stapelt.

Wo lagen die grössten Probleme der Bürgergemeinde damals beim Amtsantritt?

Oetterli: Die Sozialhilfekosten, die 1991 noch die Bürgergemeinde zu tragen hatte, waren ein grosses Problem für uns. Auch deshalb lag das erste Budget, das ich zu vertreten hatte, bei einer Million Franken Defizit. Auch der Umbau des Thüringenhauses war ein «wüster Brocken». Bei meiner Amtsübernahme war das Ganze bereits im Bau und ein zweiter Architekt engagiert. Bis zuletzt mussten wir den Kredit zweimal nachbessern. Das dritte grosse Thema war der Buchhof - allein in meinem ersten Amtsjahr 1991 musste ich vier Bürgerversammlungen, davon zwei ausserordentliche, einberufen.

Den Verkauf des Buchhofs haben Sie sehr bedauert. Tut das heute noch weh?

Oetterli: Damals schlugen zwei Herzen in meiner Brust: Das eine gehörte dem Bauern, das andere dem Bürgerammann. Immerhin ging es um einen der schönsten Bauernhöfe im Mittelland, mit seinen 44 Hektaren mitten in einer Waldlichtung und dem Hof mit dem angebauten Schlössli. Aber die auch ins Auge gefasste Umnutzung als Golfplatz hätte ich noch mehr als den Verkauf bedauert. Dieser war für alle die beste Lösung, sowohl für den Käufer, der den Hof noch heute bewirtschaftet, wie auch für die Bürgergemeinde. Vorher warf der Buchhof jährlich einen Pachtzins von 36 000 Franken ab; mit der aus dem Verkaufserlös realisierten Überbauung «Schafweidli» erzielen wir jedes Jahr Mietzinse von 200 000 Franken.

Jahrzehntelang hat der Weissenstein Christoph Oetterli auf Trab gehalten. Im wahrsten Sinn des Wortes war das bei der Wasserversorgung der Fall.

Oetterli: Das geht wahrscheinlich noch ein bisschen so weiter. Im Moment gibt es noch niemanden, der diese Aufgabe übernimmt. Fast jeden Samstag habe ich die Quellfassung der Pumpstation Nesselboden kontrolliert, und zweimal im Jahr die entsprechenden Wasserproben fürs Labor des kantonalen Lebensmittelinspektorats geliefert. In der Steuerungsanlage auf dem Weissenstein werden die Kontrollstreifen abgelesen, um allfällige Wasserverluste festzustellen, und auch im Reservoir Röti muss ich gelegentlich nach dem Rechten sehen. Zu den Leitungen und Instrumenten aus dem Jahr 1936 gilt es Sorge zu tragen, aber inzwischen haben wir auch vieles erneuert - zuletzt noch die Türe am Reservoir Röti.

Die Reben und der Bürgerwein haben den Bürgerammann stets speziell fasziniert. Sicher gehört beides zu den schönsten Erinnerungen?

Oetterli: Die Reben haben mich von Anfang an fasziniert. Schön sind aber nicht nur die Rebberge und der Wein, sondern auch, dass wir mit Le Landeron wieder eine enge Freundschaft aufbauen konnten. Was viel zur Wiederbelebung der Städtepartnerschaft von Le Landeron mit Solothurn beigetragen hat.

Sie waren in den Reben ja stets selber aktiv ...

Oetterli: Zuerst half ich beim Leset, und mit der Zeit wurde ich zum Aussenorganisator der ganzen Traubenernte.

Und wie wird der 09er-Jahrgang des Bürgerweins?

Oetterli: Unser Önologe Christoph Kaser, der seit 25 Jahren in der Schweiz Weine macht, sagt, er habe noch nie so gutes Traubengut im Fass gehabt.

Mitte der Neunzigerjahre wurde die Finanzlage sehr kritisch, es wurde sogar die Einführung einer Bürgersteuer diskutiert. Könnte es wieder einmal so weit kommen?

Oetterli: Es gab damals tatsächlich einen solchen Antrag des Bürgerrats. Ich war aber immer gegen eine Bürgersteuer und bin es noch heute. Wenn die Bürgergemeinde nur noch über eine Bürgersteuer erhalten werden kann, muss man sie aufgeben. Wir sind ein KMU, und eine Firma lässt sich auch nicht weiterführen, indem man ständig neues Geld in sie pumpt. Ob die Situation wieder eintritt? Nur wenn alles ins Negative dreht, dann kann es schon wieder so weit kommen. Aber dafür gibts aktuell keine Anzeichen.

Auch die sinkenden Holzpreise belasteten vor allem nach dem Orkan Lothar 1999 die Forstrechnung sehr. Wie sehen jetzt die Perspektiven für die Bürgergemeinde als grössten Waldbesitzer des Kantons aus?

Oetterli: Wir hatten Ende 1999 sehr wenig Schäden, nur 1 Prozent der Waldfläche war betroffen. Die Preise fielen zwar zusammen, aber wir mussten kein Holz schlagen. Inzwischen haben die Preise wieder angezogen, und die Forstrechnung ist in den letzten zwei, drei Jahren gut ausgefallen. Doch stehen die Zeichen wieder schlechter: Kogler hat seine Grosssägerei aufgegeben, das Zellulose-Holz von Borregaard fällt weg, und ob Schilliger sein Holzverarbeitungszentrum angesichts der Wirtschaftslage baut, ist unsicher. Trotzdem sind die Aussichten für uns als grösster Waldbesitzer nicht so schlecht, auch dank der grossen Reservate im Bürgerwald, für die wir vom Kanton eine Abgeltung erhalten.

Nicht mehr beeinflussen kann Christoph Oetterli auch das weitere Schicksal der beiden Altersheime der Bürgergemeinde im Thüringenhaus und St. Katharinen. Wie ungewiss ist dieses?

Oetterli: Auch bisher konnte ich ihr Schicksal nicht beeinflussen - das tat einzig und allein der Kanton. Er macht die Vorschriften über die Zimmergrösse, welches Personal anzustellen ist, und auf der Einnahmenseite sagt er, wie hoch die Taxen sein dürfen. Wenn wir einen Überschuss erzielen, müssen wir die Taxen senken, ein Defizit dagegen selbst tragen. Noch sind Schulden auf den Heimen zu tilgen, doch dafür dürfen die Taxen nicht herangezogen werden. Eine Schliessung der Heime ist aber derzeit kein Thema. Wir haben laufend investiert und die Betriebsbewilligung wieder erhalten.

Ohnmächtig steht die Bürgergemeinde als Hauptbetroffene den Ereignissen auf dem Weissenstein gegenüber. Dort zeichnet sich wohl ein Trauerspiel der grösseren Dimension ab?

Oetterli: Die Frage kann ich nur mit Ja beantworten ... (zögert lange). Für die Pächter der Berghöfe und des Kurhauses ist es wichtig, dass es eine Bahn gibt. Wenn diese nicht mehr läuft, ist in den Verträgen eine Pachtzinsreduktion vorgesehen. Wie viel, das ist allerdings nicht festgehalten. Darüber muss nun verhandelt werden. Wenn wir wüssten, dass die Bahn gebaut wird, sähe alles wieder positiver aus ...

Und wenn nicht?

Oetterli: Dann gibt es eine längere Ebbe. Meine persönliche Meinung ist: Die Leute von «Pro Sesseli» sind die Totengräber des Bergs. Ohnehin hat mir der Weissenstein in den letzten 20 Jahren stets am meisten Sorgen bereitet. Und was ich auch nicht verstehe: Auf den Balmberg darf man jederzeit mit dem Auto fahren, es gibt Parkplätze, Skilifte, den Seilpark - kurz, dort oben darf man alles machen, auf dem Weissenstein dagegen nichts. Doch wer dort oben Ruhe sucht, der bekommt sie jetzt!

Da muss es doch einen wie Christoph Oetterli bis in die Zehennägel jucken, mit Rat und Tat seinem Nachfolger beizustehen?

Oetterli: Mir hat der vorherige Bürgerammann nie dreingeredet, also mache ich das auch nicht. Ich verstehe mich gut mit meinem Nachfolger Sergio Wyniger und habe all die Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet. Wenn er mich braucht, helfe ich gerne. Ansonsten halte ich mich vornehm zurück.

Zur Person

Christoph Oetterli, 66, ist verheiratet, Vater von zwei Söhnen und zwei Töchtern. Der gelernte Landwirt und Agro-Ingenieur arbeitete zunächst 20 Jahre lang in der Agro Service Zuchwil, ehe er 1988 zur National Versicherung wechselte. Nach seiner Wahl zum Bürgerammann 1990 im 70-Prozent-Pensum war er noch zu 30 Prozent für die Versicherungsgesellschaft tätig. Politisch engagierte sich Christoph Oetterli für die CVP als Gemeinde- und Kantonsrat. Seine Hobbys sind das Singen, das Boot- und das Busfahren. (ww)

Das letzte «Bürgerblettli» ist geschrieben; Endlos-Ferien beginnen. Wie und wo werden Sie noch anzutreffen sein?

Oetterli: Ich möchte noch gerne mit meiner Frau die Kanäle in Frankreich per Hausboot entdecken. Aber «Endlos-Ferien» werde ich nicht haben. Im Haus gibt es noch viel zu tun, Carfahren möchte ich auch noch - zuletzt war ich gerade vier Tage in der Toscana unterwegs. Töfffahren ist ebenfalls ein Thema, und meinen alten Fiat 650 möchte ich «zwäg mache». Ich bin kein Beizengänger, aber in Le Landeron werde ich ab und zu anzutreffen sein. Und ganz zuletzt: Es würde mich sehr freuen, wenn es der Bürgergemeinde weiterhin gut geht.

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