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Welche Ursachen der Horror-Crash von Siders haben könnte

Bei den Untersuchungen um die Unfallursache des belgischen Busses stehen drei mögliche Ursachen im Mittelpunkt. Sicher ist, dass die Erwachsenen keine Chance hatten.

Daniel Fuchs
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Es ist der Anfang vom Ende. Die Uhrzeit zeigt wenige Minuten vor 21.15: Auch der letzte der drei Chauffeure, welche die belgischen Busse fahren, meistert den Autobahnauffahrt in Siders problemlos. Die 46 Kinder, ihre vier Begleiter und die beiden Fahrer wähnen sich in Sicherheit. Müde aber zufrieden nach den vergnüglichen Tagen im Skilager vertrauen sie dem Gefährt, das sie nach Hause, zu ihren Eltern und Geschwistern bringen soll.

Busreisen mit dem auf Skiferien spezialisierten Reiseunternehmen «Top Tours» geniessen in Belgien einen exzellenten Ruf. Der Bus ist modern ausgestattet und punkto Sicherheit auf dem neusten Stand. Das gibt der belgische Staatssekretär für Verkehr, Melchior Wathelet, tags darauf gegenüber der belgischen Nachrichtenagentur (BELGA) zu Protokoll.

Die Busse verfügen sogar über Sicherheitsgurte. Waren die Kinder auch angegurtet? Später - am Mittwochabend zur Pressekonferenz - wird der untersuchende Oberstaatsanwalt des Kantons Wallis Olivier Elsig diese bejahen, aber gleichzeitig betonen, dass die Wucht des Aufpralls enorm gewesen sei. Dabei spiele es wohl gar nicht so eine grosse Rolle, ob man angegurtet ist oder nicht. Im Klartext: Auch jene Kinder hatten keine Chancen, die nicht angegurtet waren.

Die Erwachsenen hatten keine Chance

So sicher der Chauffeur die Kinder über die lange Strecke aus dem Val d'Anniviers bis zum Talausgang fährt, so sicher passiert er die Haarnadelkurven zum Schluss, den Kreisel im Talboden und die Autobahneinfahrt. Kurz darauf geschieht das unfassbare: Gegen 21.15 Uhr touchiert der Reisebus die Bordsteine im Tunnel auf der Autobahn A9. Dann kracht er mit voller Wucht in die Wand einer Notfall-Nische.
Die Rückfahrt hatte kaum begonnen, von nun an sollte es bequem und über Nacht und über zahlreiche Autobahnkilometer nach Belgien gehen. Für 22 der 46 Kinder und alle 6 Erwachsenen, wovon zwei Fahrer waren, endete nicht nur die Fahrt im Tunnel von Siders abrupt. Sie verloren ihr Leben.

Bei Angehörigen, Freunden, Rettungskräften, der Bevölkerung und bei Politikern wie auch Untersuchungsbehörden sitzt der Schock nun tief.

So bei Olivier Elsig, dem Walliser Oberstaatsanwalt. Man sieht es ihm an, als er zur Pressekonferenz am späten Mittwochabend auf der Tribüne der Aula des Sittener Gymnasiums «Des Creusets» sitzt. Der Medienwirbel ist zu gross, als dass die Walliser Kantonspolizei in ihrem Quartier über den Unfall hätte berichten können.

Was war das Problem?

Bei Elsig laufen die Fäden in der Ermittlung um die Unfallursache zusammen. Doch was ist geschehen? Elsig weiss es noch nicht. Doch zwei mögliche Ursachen kann er - wenn auch mit der Vorsicht, die Behördenmitglieder bei ihren Äusserungen immer walten lassen - ausschliessen: «Die Strasse war trocken und der Bus a priori nicht zu schnell unterwegs.»

Könnte es sein, dass der Chauffeur übermüdet war? Dazu mag Elsig nicht gross eingehen. Doch äusserte sich auch dazu bereits Melchior Wathelet: Die Busfahrer seien am Vortag im Val d'Anniviers eingetroffen. Es scheine, dass sie den Dienstag vor Ort verbracht hätten und somit «die Vorschriften über die Ruhe- und Fahrzeit eingehalten» hätten, liess der belgische Staatssekretär für Verkehr via BELGA ausrichten. Da sich der Unfall kurze Zeit nach der Abfahrt und auf gerader Strasse ereignet habe, scheine es kaum möglich, dass der Busfahrer müde gewesen oder eingeschlafen sei.

Der Walliser Oberstaatsanwalt Elsig macht klar, welche Spuren die Untersuchungsbehörden verfolgen. Drei Fragen gelte es nun mit entsprechenden Untersuchungen zu beantworten:

• Hat der Unfall eine technische Ursache? Spezialisten untersuchen das Fahrzeug nach Schäden und Mängel.

• Liegt ein medizinisches Problem vor? Rechtsmediziner untersuchen den Leichnam des Chauffeurs in einer Autopsie.

• Verursachte menschliches Versagen den Unfall? Denkbar wäre etwa, dass ein Fahrfehler den Bus die Randsteine touchieren liess worauf der Fahrer überreagiert hat.