Ärztemangel

Warum der Ärzteverband gegen Initiative für mehr Medizinstudenten ist

Ärztemangel: Der Ärzteverband ist gegen eine Initiative, die Studienplätze für Medizinstudenten ausbauen will. (Symbolbild)

Ärztemangel: Der Ärzteverband ist gegen eine Initiative, die Studienplätze für Medizinstudenten ausbauen will. (Symbolbild)

Die Schweiz soll mehr Ärzte ausbilden. Doch Unis investieren lieber in Forschung und der Ärzteverband lehnt eine Initiative ab, die Studienplätze für Medizinstudenten ausbauen will. Was läuft hier schief? Verbandspräsident Jürg Schlup erklärt.

Herr Schlup, der Ärzteverband FMH fordert in einem Positionspapier, dass mehr Ärzte ausgebildet werden sollen. Gleichzeitig unterstützen Sie eine parlamentarische Initiative nicht, die für die Zukunft den Bedarf an Ärzten sichern und deren Ausbildung finanzieren will. Das ist doch ein Widerspruch?

Jürg Schlup: Wir kämpfen seit 13 Jahren dafür, dass mehr Ärzte ausgebildet werden. Seit 2002 wiederholen wir unsere Forderungen. Doch wir finden kaum Gehör! Heute hat jeder dritte berufstätige Arzt ein ausländisches Diplom, weil der Bedarf mit in der Schweiz diplomierten Ärzten nicht gedeckt werden kann. Die Medizin-Fakultäten haben seit 2008 die Studienplätze um 45 Prozent erhöht, das reicht noch nicht. Wenn Sie nun sagen, wir setzen uns nicht für die Ausbildung von Medizinstudenten ein, dann verkennen Sie unsere Arbeit der letzten 13 Jahre. 

Ihr Engagement soll nicht in Abrede gestellt werden. Es ist auf den ersten Blick bloss nicht nachvollziehbar, wieso sie eine Initiative nicht unterstützen, die Studienplätze in der Humanmedizin ausbauen will.

Die Initiative verfolgt ein ausgezeichnetes Ziel, das sich mit unserem Anliegen deckt. Doch die Initiative von Margrit Kessler ist der falsche Weg, um das Ziel zu erreichen.

Sie argumentieren, dass die Initiative ins Gärtchen der Universitäten und Kantone eingreife und dass diese sich dagegen wehren würden. Gegner finden Sie bei jedem Geschäft. Steht das Ziel, mehr Ärzte auszubilden, nicht über solchen Befindlichkeiten?

Das ist nicht der Grund, wieso wir gegen die Initiative sind. Sie ist gut gemeint, aber sie geht zu lange. Das ist das Problem.

Was heisst «zu lange»?

Margrit Kessler will eine Verfassungsänderung, darüber muss zunächst das Volk abstimmen. Danach muss das Parlament ein Gesetz ausarbeiten. Wir sehen bei anderen Projekten, wie lange das geht. Bis tatsächlich wegen dieser Verfassungsänderung zusätzliche Ärzte ausgebildet werden können, dauert
es 15 Jahre. Und bis diese dann eigenverantwortlich arbeiten können, vergehen nochmals 12 Jahre. Wir brauchen einen schnelleren Weg. Deshalb versuchen wir über eine Intervention beim Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) mehr Geld zu erhalten für eine zweckgebundene Finanzierung zusätzlicher Medizinstudienplätze.

Eine Initiative dient auch dem Zweck, eine politische Forderung warm zu halten. Sie hätten damit den Druck auf den Bundesrat und Parlament hochhalten können.

Mit einer Verfassungsänderung, wie sie Margrit Kessler vorsieht, klappt das nicht. Das haben wir bei der Mutterschaftsversicherung gesehen (1945–
2005), wir sehen das bei der Komplementärmedizin (ab 2009). Nur weil etwas in der Verfassung steht, fühlt sich der Gesetzgeber noch lange nicht unter Druck.

2013 haben die medizinischen Fakultäten rund 1,4 Milliarden Franken für die Ausbildung von Medizinstudenten und die Forschung erhalten. Geht da nicht etwas schief, dass mit diesem Haufen Geld nicht mehr Studenten ausgebildet werden können?

Ich kenne den Bericht nicht. Aber dieser Betrag erstaunt mich. Es wäre wichtig zu wissen, für welche Zwecke das Geld verwendet wird.

Meistgesehen

Artboard 1