Coronakrise

Vier Faktoren, die Hoffnung auf eine Lockerung des Lockdowns geben

Was in den asiatischen Ländern bereits zum Stadtbild gehört, könnte bald auch hierzulande eingeführt werden: Das Tragen von Masken.

Was in den asiatischen Ländern bereits zum Stadtbild gehört, könnte bald auch hierzulande eingeführt werden: Das Tragen von Masken.

Die Schweiz befindet sich seit gut zwei Wochen im Notstand-Modus. Und die Bevölkerung fragt sich: Wird der Lockdown nach dem 19. April verlängert? Vier Faktoren, die eine Lockerung der Einschränkungen begünstigen könnten.

Wann findet die Schweiz in der Coronakrise den Weg zurück in die Normalität? Werden die strikten Massnahmen am 19. April gelockert oder verlängert? Über diese Fragen mag sich derzeit manch eine den Kopf zerbrechen. Eine genaue Prognose zu machen, wann der Bundesrat die Massnahmen lockern wird, gleicht dem Blick in die Glaskugel.

Ob Restaurants, Geschäfte und Bars Ende April wieder öffnen können, hängt primär von den Corona-Fallzahlen der kommenden drei Wochen ab. Bleibt die Kurve stabil oder flacht sie sogar ab, wäre eine Lockerung des Lockdowns denkbar. Ob es tatsächlich dazu kommt und damit nicht eine zweite Infektionswelle ausgelöst wird, ist vor allem von den folgenden vier Faktoren abhängig:

1. Schutzmasken für alle

Was in den asiatischen Ländern bereits zum Stadtbild gehört, könnte bald auch hierzulande eingeführt werden: Das Tragen von Masken. Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz verkündete vergangenes Wochenende eine landesweite Maskenpflicht beim Einkaufen. Wer keine Maske trägt, wird nicht in den Laden gelassen. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen Atemschutzmasken im gesamten öffentlichen Raum obligatorisch werden.

Auch in der Schweiz werden Stimmen laut, die eine landesweite Maskenpflicht fordern. «Wenn es genug Masken hätte, würde es Sinn machen, eine vorübergehende Maskenpflicht etwa für das Einkaufen oder den ÖV einzuführen», sagt Grünen-Nationalrat Bastien Girod gegenüber 20 Minuten.

Girod spricht damit das eigentliche Problem an: Noch gibt es in der Schweiz nicht genügend Masken, um die ganze Bevölkerung damit abzudecken. Die Menge an Schutzmaterialien sind weiterhin beschränkt und sollten primär dem Gesundheitspersonal zur Verfügung stehen. Darauf pocht auch Daniel Koch, Abteilungsleiter übertragbare Krankheiten vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Eine Maske nützt nur, wenn jemand krank ist», heisst es stets aus Bern.

Hätte die Schweiz genügend Masken, würde eine Tragepflicht womöglich helfen, die Verbreitung des Virus weiter einzudämmen. Gegenüber CH Media nannte der Lausanner Epidemologe Marcel Salathé vor allem zwei Vorteile: «Masken bremsen die Übertragung von Tröpfcheninfektionen wie das Coronavirus ab. Und sie verhindern, dass man sich direkt ins Gesicht fasst.» Für ihn haben die Masken deshalb einen doppelten Nutzen: «Gesunde können sich selbst schützen – und Infizierte die Gesunden.»

2. «Test-Isolate-Quarantine»

© Nicole Nars-Zimmer

Aktuell hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) die Corona-Testkapazitäten auf 7000 Tests pro Tag hochgeschraubt. Sollen die Lockdown-Massnahmen gelockert werden, reiche dies aber nicht aus, sagt der Lausanner Epidemiologe Marcel Salathé weiter.

Gemeinsam mit anderen Wissenschaftern schlägt Salathé vor, dass die Schweiz die Methode «Test-Isolate-Quarantine» anwenden soll. «Bei dieser Methode müssen zuerst einmal deutlich mehr Personen auf das Virus getestet werden», erklärt der Epidemiologe von der ETH Lausanne am Dienstag in der «NZZ». Jeder, der auch nur leichte Symptome habe, müsse einen Test machen können, bevor er wieder arbeiten gehe.

«Erkrankte schnell zu isolieren, reicht aber nicht. Denn ein Betroffener ist ja bereits ansteckend, bevor er erste Symptome spürt.» Darum sei es wichtig, sämtliche Personen zu finden, mit denen ein Patient Kontakt hatte. Die Kontaktpersonen sollten sich auch so schnell wie möglich in Quarantäne begeben können. «Man muss sich das so vorstellen: Als Covid-19-Patient ist man ein Funke, der leicht zu einem Waldbrand führen kann. Darum darf kein einziger Fall vernachlässigt werden», betont Salathé.

Die Methode «Test-Isolate-Quarantine» funktioniere aus wissenschaftlicher Sicht allerdings nur dann, wenn es nur wenige neue Fälle pro Tag gibt. Sobald die Zahl zu hoch sei, werde es schwierig, das exponentielle Wachstum zu bremsen.

3. Das Zauberwort «Contact-Tracing»

Wie aber findet man Personen, die mit einer möglichen Corona-Patientin zu engen Kontakt hatten? Helfen könnte dabei das sogenannte «Contact-Tracing» bzw. die zeitversetzte Rückverfolgung der Begegnungen von Handynutzenden. Mit automatisiertem Contact-Tracing könnten Personen aufgespürt werden, die in relativ engem körperlichen Kontakt mit einer infizierten Person standen – mit ihr im selben Abteil Zug fuhren, beispielsweise.

Eine praktikable Lösung wäre eine App, die sich die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung auf ihr Handy runterladen würde. Die Firma Ubique, unter anderem federführend bei der Entwicklung der SBB-App, präsentierte am Dienstag genau eine solche App. «NextStep» soll mittels Bluetooth Begegnungen mit anderen Nutzern erkennen. «Eine Begegnung wird durch die App registriert, wenn zwei Nutzer der App für eine bestimmte Zeit zusammenstehen», beschreibt Ubique den Mechanismus.

Weist nun eine Person Corona-typische Symptome auf, kann sie dies in der App melden. Alle App-Nutzer, die mit der erkrankten Person Kontakt hatten, werden dann darüber informiert. Das Ganze läuft anonymisiert ab: Niemand kann sehen, von wem die Meldung stammt.

Damit dieser Mechanismus aber wirklich funktioniert, müsste eine Mehrheit der Schweizer Bevölkerung die Contact-Tracing-App auf dem Handy installieren. Und dazu bräuchte es eine offizielle Empfehlung des Bundes. Doch das Bundesamt für Gesundheit (BAG) hält sich diesbezüglich bedeckt. Bislang sind lediglich Auswertungen von Handy-Standortdaten durch die Swisscom bekannt, mit denen der Bund überprüfen will, ob sich die Bevölkerung an das Versammlungsverbot hält.

4. Die Sache mit der Disziplin

© Keystone

Neben Testvolumen, Schutzmasken und digitalen Tracing-Systemen braucht es auch die Bevölkerung – und deren Disziplin. Auch wenn die Massnahmen gelockert werden, Restaurants und Geschäfte wieder geöffnet würden, müsste sich die Bevölkerung weiterhin an Hygiene- und Social-Distancing-Regeln halten.

Auch Gesundheitsminister Alain Berset appelliert immer wieder an die Eigenverantwortung der Bevölkerung. Besonders das verlängerte Osterwochenende könnte die Disziplin der Menschen zum Straucheln bringen. Während einer Pressekonferenz bat Berset inständig an Ostern nicht ins Tessin zu fahren. «Dieses Jahr muss der Osterstau ausfallen», so Berset.

Wie lange die Menschen tatsächlich diszipliniert bleiben, haben vier italienische Ökonomen versucht herauszufinden. In einer Studie, veröffentlicht in den «Working Papers del National Bureau of Economic Research», stiessen sie vor allem auf einen entscheidenen Faktor: Die eigene Erwartung.

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