Online-Wahlkampf
Überschätzt: Social Media bringt Politiker nicht ins Bundeshaus

Seit den letzten nationalen Wahlen 2011 ist die Präsenz der Schweizer Parteien in den sozialen Meiden enorm gestiegen. Monatelang buhlten Politiker auf Facebook und Twitter um Follower und Likes. Gebracht hat es wenig, das zeigen die Wahlergebnisse.

Bastian Heiniger
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Social Media wird im Wahlkampf überschätzt - ins Bundeshaus bringt es die Politiker nicht.jpg

Social Media wird im Wahlkampf überschätzt - ins Bundeshaus bringt es die Politiker nicht.jpg

Keystone

Nie tummelten sich so viele Politiker auf Facebook und Twitter wie dieses Jahr. Nie buhlten Parteien derart um Likes und Follower. Mit trügerischem Erfolg: Vor vier Jahren hatte die SP über 4400 Likes auf Facebook. Nun sind es bereits über 10000. Und auf Twitter schnellte die Follower-Zahl von 1600 hoch auf 21000. Die anderen Parteien verzeichnen einen ähnlichen Anstieg. Nur: Was hat es gebracht?

Umgemünzt in politische Währung, sprich Stimmen, nicht viel. Im Vergleich zu 2011 ist die Wahlbeteiligung sogar leicht gesunken. Die SVP schaffte zwar, was den meisten Schweizer Musikern verwehrt bleibt: ein Youtube-Hit mit bald einer Million Klicks. Eine Ausnahme. Betrachtet man nämlich die Liste der Abgewählten, sind einige fleissige Nutzer von Social Media darunter.

Beispiel Aline Trede: Auf Twitter folgen der Berner Grünen über 4700 Personen.

Zum Vergleich: Der NZZ-Chefredaktor hat 1800 Follower. Vor den Wahlen sonderte sie täglich mehrere Tweets ab und dokumentierte ihren Wahlkampf mit Selfies: Aline Trede lächelnd auf Stimmenfang in Thun, lächelnd auf Stimmenfang in Burgdorf, lächelnd an Podien.

Dasselbe auf Facebook. Abgewählt wurde sie dennoch.

Beispiel Christoph Mörgeli. Der Zürcher SVP-Mann hat auf Twitter fast 11 000 Follower. Täglich setzte er teils pointierte, teils scharfe, teils übers Ziel hinausgeschossene Meldungen ab. Er fand damit grosse Beachtung, twitterte sich quasi in den sozialmedialen Olymp. Und stürzte umso tiefer. Seit seiner Abwahl schweigt sein Account.

Katzenvideos sind beliebter

Andere Abgewählte, etwa Yvonne Gilli (Grüne/SG), Roland Fischer (GLP/LU) oder Anne Mahrer (Grüne/GE), fanden zwar weniger Beachtung, waren indes nicht minder aktiv. Ohne Erfolg. Hingegen wurden einige Social-Media-Abstinenzler wiedergewählt: etwa Alexander Tschäppät (SP/BE), Kurt Fluri (FDP/SO), Hans Grunder (BDP/BE) oder Karin Keller-Sutter (FDP/SG). Vor den Wahlen sagte sie: «Mir fehlt die Zeit, um die Netzwerke zu bewirtschaften.» Sie käme gut ohne aus.

Ulrike Klinger vom Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich sagt: «In der Schweiz sind die sozialen Medien noch weit davon entfernt, Wahlen zu entscheiden. Sie helfen vor allem, die eigene In-Group zu mobilisieren.» Anders gesagt: Politiker erreichen mit Twitter und Co. vorwiegend Sympathisanten. Aber kaum neue Wähler.

«Die Bevölkerung lässt sich hier nicht so stark über soziale Medien einspannen wie etwa in den USA», sagt Klinger. Auf sozialen Netzen würden sich nicht unbedingt inhaltliche, sondern lustige Posts am besten verbreiten. «Viele Leute wollen auf Facebook nicht wie Spassbremsen wirken.» Das erkläre den Erfolg von Katzenvideos – oder jenen des SVP-Songs.

Es gibt aber noch andere Gründe, weshalb Social Media nicht sonderlich hilft bei Wahlen: Erstens können Politiker nicht aktiv Follower und Likes dazugewinnen. Zweitens hilft es wenig, wenn jemand landesweit Tausende Follower hat, aber kaum welche im eigenen Kanton. Drittens verabschiedete sich besonders eine Zielgruppe in andere Netzwerke: die Digital Natives. Laut der Mediennutzungsstudie «MUI 2015» ist für die Jungen Whatsapp die wichtigste Plattform. Und dort gibt es weder Likes noch Follower.

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