Arbeitsmarkt
Treibt die Rentenreform die Angestellten in die Frühpension?

Die Renten sind unter Druck. Mit der anstehenden Altersreform 2020 wird der Umwandlungssatz auch im obligatorischen Bereich sinken. Jetzt rechnen viele über 60-Jährige: Lohnt es sich, früher aufzuhören?

Peter Brühwiler
Drucken
Teilen
Viele ältere Arbeitnehmer denken darüber nach, ob es sich auszahlt, sich bereits frühzeitig pensionieren zu lassen.

Viele ältere Arbeitnehmer denken darüber nach, ob es sich auszahlt, sich bereits frühzeitig pensionieren zu lassen.

Shutterstock

Die Alterung der Gesellschaft lässt eigentlich nur einen Schluss zu: Entweder arbeiten wir künftig länger. Oder die Sätze, mit denen Pensionskassenguthaben in eine monatliche Rente umgerechnet werden, müssen runter. Die Reform der Altersvorsorge, die im September an die Urne kommt, setzt an beiden Hebeln an. Das Frauenrentenalter steigt auf 65 Jahre, während der Umwandlungssatz von 6,8 auf 6 Prozent gesenkt wird. Also noch schnell raus aus der Arbeitswelt, bevor der tiefere Satz Tatsache ist?

Für den Zürcher Finanzmarkt-Professor Martin Janssen ist klar: «Es wird wegen der Altersreform 2020 einen Frühpensionierungs-Effekt geben.» Janssen, Chef der Ecofin-Gruppe, die in der Vorsorge tätig ist, wirft der Politik «schweres Versagen» vor: «20 Jahre lang hat Bundesbern das Problem auf die lange Bank geschoben. Statt die AHV und die berufliche Vorsorge schrittweise der steigenden Lebenserwartung und der Zinssituation anzupassen, bringt man nun mit grosser Verspätung eine Reform, die auf einen Schlag zu Veränderungen führt.»

Die Folge: «Jeder ältere Arbeitnehmer macht für sich die Rechnung: Ist es nicht besser, wenn ich mich schon vorher pensionieren lasse?» Das sei «absolut verständliches, normales wirtschaftliches Verhalten». Denn wer zum Schluss komme, dass er besser fahre, wenn er schon vor 65 gehe, sei ja «blöd, wenn er weiterarbeitet». Dabei müsse gar nicht sein, dass diese Arbeitskräfte dann effektiv in den Ruhestand gehen. Denn oft, weiss Janssen, lassen sie sich bei einem anderen Unternehmen wieder Teilzeit anstellen – oder sie machen sich selbstständig.

«Bundesbern hat das Problem 20 Jahre lang auf die lange Bank geschoben.» Martin Janssen, Finanzmarkt-Professor

«Bundesbern hat das Problem 20 Jahre lang auf die lange Bank geschoben.» Martin Janssen, Finanzmarkt-Professor

Auch Martin Kaiser vom Arbeitgeberverband macht eine Verunsicherung in der Bevölkerung aus. Das Problem sei, «dass die Reform zu kompliziert ist und sie deshalb niemand versteht», findet er. Es sei deshalb gut möglich, dass Leute eine Frühpensionierung in Erwägung zögen, die von der Reform gar nicht betroffen seien.

Nicht für alle muss dies schlecht sein: Wegen der mutmasslichen Zunahme von Frühpensionierungen macht sich Janssen wenig Sorgen um die Chancen älterer Arbeitnehmer. «Es wird ein Loch auf dem Arbeitsmarkt entstehen», analysiert er. Und diejenigen, die effektiv arbeiten wollen, werden gute Job-Aussichten haben. Bereits jetzt würden Daten des Bundesamts für Statistik zeigen, dass die Arbeitspartizipation der über 55-Jährigen am Steigen ist.

Doch eben: Nicht immer beim angestammten Arbeitgeber, wo sie versichert sind.
Zwischen 2005 und 2015 ist die Erwerbstätigenquote der über 55-jährigen tatsächlich von 62 auf 73 Prozent angestiegen. Ein Grund dafür ist laut dem Staatssekretariat für Wirtschaft, dass der Spielraum zur Finanzierung von Frühpensionierungen in der zweiten Säule in den letzten Jahre enger geworden ist.

Denise Chervet, Geschäftsführerin des Schweizerischen Bankpersonalverbands, bestätigt diesen Befund: «Bei Restrukturierungsmassnahmen von Banken stellen wir fest, dass es schwieriger geworden ist, grosszügige Programme für Frühpensionierungen zu verhandeln.»

Senkung schon vollzogen

Und aus einem weiteren Grund ist in der Finanzbranche keine Welle von freiwilligen Frühpensionierungen zu erwarten: «Die beiden Grossbanken Credit Suisse und UBS sowie viele Kantonalbanken haben den Umwandlungssatz ihrer Pensionskassen bereits gesenkt», so Chervet. «Davor beantragten viele Mitarbeiter eine Frühpensionierung.» Alleine stehen die Banken mit diesem Vorgehen nicht da. Laut dem Arbeitnehmerverbund PK-Netz sind die Umwandlungssätze in den letzten fünf Jahren bei vielen Pensionskassen zwischen 10 und 25 Prozent gesunken, auf teilweise unter fünf Prozent.

Möglich ist die Senkung des Umwandlungssatzes unter die gesetzlichen 6,8 Prozent, weil dieser nur für das BVG-Obligatorium gilt. 85 Prozent der Arbeitnehmenden sind jedoch in sogenannten umhüllenden Pensionskassen versichert, die dank höherer Beiträge die minimalen gesetzlichen Leistungen auch mit einem tieferen Umwandlungssatz einhalten können.

Direkt betroffen von der Senkung des Umwandlungssatzes in der anstehenden Reform sind also nur die restlichen 15 Prozent der Arbeitnehmenden. Und von diesen wiederum, so Kaiser vom Arbeitgeberverband, auch nur die unter 45-jährigen. Den Älteren werde durch Zuschüsse aus dem BVG-Sicherheitsfonds eine stabile Rente garantiert. Einen Grund, wegen der Reform früher in Rente zu gehen, habe also eigentlich niemand.

Indirekt kann sich die Senkung des BVG-Umwandlungssatzes aber durchaus auch auf die überobligatorisch Versicherten auswirken. Denn die Reform vergrössert den Spielraum der Pensionskassen für weitere Senkungen. Ist also schon bald mit der nächsten Welle zu rechnen? Ausschliessen könne er weitere Anpassungen nicht, so Kaiser. «Aber es liegt in der Verantwortung der Kassen, nur das zwingend Notwendige zu machen.»

Aktuelle Nachrichten