Spitäler

Spitäler: Wer das Arbeitsgesetz einhält, ist im Nachteil

Nicht über 50 Stunden: Assistenzärztinnen und -ärzte sollen ihre Überstunden aufschreiben.

Nicht über 50 Stunden: Assistenzärztinnen und -ärzte sollen ihre Überstunden aufschreiben.

Eigentlich dürfen Assistenzärzte pro Woche nur 50 Stunden arbeiten. In der Praxis leisten sie aber Überstunden. Zum Ärger der Spitäler, die das Arbeitsgesetz einhalten.

Karen Schärer

Seit fünf Jahren unterstehen alle Assistenzärzte dem Arbeitsgesetz: Für sie gilt eine maximale Wochenarbeitszeit von 50 Stunden. Während früher weit höhere Pensen ohne finanziellen Ausgleich zu leisten waren, können Assistenzärzte gemäss Gesetz die Überzeit nun kompensieren, oder sie wird finanziell entschädigt.

Die Einführung des Arbeitsgesetzes bedeutete für die Spitäler einen grossen finanziellen Aufwand: «An vielen Orten hat das Arbeitsgesetz zu massiven Mehrkosten geführt, denn man musste mehr Personal einstellen», sagt Bernhard Wegmüller, Direktor des Spitalverbands H+.

Wettbewerbsnachteil für korrekt handelnde Spitäler

Das wird nun zum Nachteil: Mit der auf 2012 geplanten Einführung der Fallpauschalen werden die Spitäler bezüglich ihrer Kostenstrukturen nun miteinander vergleichbar. Um im Wettbewerb bestehen zu können, müssen sie ihre Kosten möglichst tief halten.

Ulrich Buettner, Chefarzt Neurologie am Kantonsspital Aarau (KSA) schildert, weshalb es für ein Spital gar nicht so attraktiv ist, das Arbeitsgesetz einzuhalten: In einem Spital, das keine Rücksicht auf das Arbeitsgesetz nimmt, wird durch nicht bezahlte oder nicht gewährte Überzeit Geld gespart. «Hierdurch wird der Behandlungspfad billiger als in einem Spital, in dem das Gesetz und der Gesamtarbeitsvertrag beachtet werden», sagt Buettner. Daraus ergebe sich für das korrekt handelnde Spital ein Wettbewerbsnachteil.

Am Kantonsspital Aarau betrage die zusätzliche Abwesenheit ärztlicher Mitarbeiter seit der Einführung des Arbeitsgesetzes vier bis acht Wochen im Jahr. Wegmüller vom Spitalverband H+ bestätigt: «Wenn sich gewisse Spitäler nicht an das Gesetz halten, kann das für die anderen einen Nachteil bedeuten.» Mit Verweis auf die angespannte Personalsituation ruft Wegmüller aber in Erinnerung: «Attraktive - das heisst gesetzeskonforme - Arbeitsbedingungen sind ein Vorteil.»

Schikanen von Vorgesetzten

«Mit zunehmendem Druck durch die neue Spitalfinanzierung werden die schlechten Bedingungen zementiert», sagt Rosmarie Glauser, politische Sekretärin des Verbands Schweizerischer Assistenz- und Oberärzte (VSAO). Auf die Arbeitszeiten der Assistenzärzte angesprochen, sagt sie: «Es ist zum Teil immer noch furchtbar.» Zwar seien die Personalreglemente und die Gesamtarbeitsverträge im Wesentlichen angepasst. Doch die 50-Stunden-Woche mit bezahlter oder kompensierbarer Überzeit bleibt mancherorts ein Wunschtraum der Assistenzärzte.

Glauser berichtet, dass diese in gewissen Spitälern dazu angehalten werden, Überstunden nicht aufzuschreiben. Zwar sei das selten eine explizite Aufforderung, sondern eher ein impliziter Druck: Dazu zählen unangenehme Reaktionen des Vorgesetzten, der die Überzeit visieren sollte, Vorhaltungen und Schikanen. An der Tagesordnung sei auch, dass Assistenzärzte zwölf Tage am Stück arbeiten oder dass die Ruhetage nicht eingehalten werden, sagt Glauser.

Kritik am Unispital Zürich

Betroffene Assistenzärzte wollen sich nicht öffentlich exponieren und Glauser will nicht mit dem Finger auf einzelne Spitäler zeigen. Auch Wegmüller vom Spitalverband kann keine fehlbaren Kliniken nennen.

Anders Buettner vom KSA: Nach Spitälern gefragt, die es mit dem Arbeitsgesetz nicht so genau nehmen, verweist er auf das Unispital Zürich. Seiner Kenntnis nach werden dort keine regulären Überzeitkompensationen gewährt.

Gegen diesen Vorwurf wehrt sich Franco Rogantini, Kommunikationsbeauftragter des Universitätsspitals Zürich: «Das Arbeitsgesetz wird am Universitätsspital Zürich generell eingehalten.» Ziel und Vorgabe jeder Klinik sei es, keine Überstunden zu machen. Es gebe aber Bereiche, in welchen das Patientenaufkommen nicht planbar ist, etwa im Notfalldienst oder dort, wo die administrativen Arbeiten tagfertig zum Abschluss gebracht werden müssen, was zur Folge hat, dass die Ärzte nach Ende ihrer Arbeitszeit nicht einfach davonrennen können. «Selbstverständlich haben die Mitarbeitenden das Recht, die Überzeit zu kompensieren», sagt Rogantini.

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