Coronavirus

Spezieller Schulbeginn: Wo Schüler Masken brauchen – und warum sich der Schulleiterverband vor dem Herbst fürchtet

Ist der Abstand gross genug? Eine Lehrerin misst ein Schulzimmer aus.

Ist der Abstand gross genug? Eine Lehrerin misst ein Schulzimmer aus.

Nächste oder übernächste Woche geht die Schule in den meisten Kantonen wieder los. Es ist ein Start unter speziellen Umständen. Schulleiter- und Lehrerverbände befürchten, im Herbst könnten viele Lehrer kurzfristig ausfallen, weil sie wegen Husten oder anderen Coronasymptomen zuhause bleiben müssen.

Freude und Neugier mischen sich mit Nervosität. Neue Gspänli, neue Lehrerinnen und Lehrer, ein neues Schulhaus. In einem Dutzend Kantone beginnt am Montag der Unterricht, Klassenzimmer und Pausenplätze füllen sich wieder mit Leben. Tausende Kinder gehen erstmals in die Schule, Tausende Jugendliche erstmals in die Oberstufe, ans Gymnasium, in die Berufsschule. Der erste Schultag, wir kennen es alle, ist speziell. Und dieses Jahr ist alles noch spezieller.

60 Masken und Desinfektionsmittel – liebevoll «Desifläschli» genannt – erhalten die Schüler im Berner Kirchenfeld-Gymnasium, dazu Anweisungen: Hände bitte häufig waschen, in Korridoren nur auf der rechten Seite gehen. Es ist ein Beispiel von vielen, wie die Pandemie den Schulstart prägt. Landauf, landab stellt sich die Frage: Wie können Schülerinnen und Schüler trotz Coronavirus möglichst normal unterrichtet werden? Und ganz konkret: Dürfen die Eltern der Erstklässler am ersten Tag in die Schule kommen? Müssen ältere Schüler nebst Büchern und Stiften Masken in den Schulsack packen?

Besonders viele Fragen stellen sich derzeit für die Sekundarstufe II, also etwa für Gymnasien und Berufsschulen. Anders als die Volksschule hatten sie vor den Sommerferien vielerorts noch auf Fern- oder Halklassenunterricht gesetzt. Nun kehren auch sie zum normalen Unterricht zurück. Und während Kinder das Virus kaum verbreiten, ist das bei jungen Erwachsenen anders. Für sie gilt auch in der Schule: 1,5 Meter Abstand halten. Über den Sommer wurde daher überflüssiges Mobiliar weggeräumt, Pulte wurden umgestellt. Zu reden gab und gibt aber vor allem eine Massnahme: die Maskenpflicht.

© CH Media
In manchen Kantonen müssen Gymnasiasten Maske tragen, so wie hier an einer Schule in Deutschland.

In manchen Kantonen müssen Gymnasiasten Maske tragen, so wie hier an einer Schule in Deutschland.

In mehreren Kantonen müssen Berufs- und Mittelschüler eine Maske tragen, wenn sie den Abstand von 1,5 Metern nicht einhalten können. Das gilt in der gesamten Westschweiz, wie die zuständige interkantonale Konferenz gestern mitteilte. In der Deutschschweiz sind die Regeln verschieden.

Im Aargau gilt Maskenpflicht, wenn im Schulzimmer weniger als 2,25 Quadratmeter pro Person zur Verfügung stehen. Basel-Stadt sieht nur punktuell eine Pflicht vor, etwa bei Laborunterricht. In Schwyz muss auf dem Schulareal Maske getragen werden, nicht aber im Klassenzimmer. Luzern plant gemäss früheren Angaben eine umfassende Maskenpflicht, genau informiert wird kommende Woche. Andere Kantone verzichten ganz auf eine Pflicht.

Lehrerverband kritisiert kantonalen Flickenteppich

Die Unterschiede stossen auf Kritik. Der Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer (LCH) und der Verband Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz (VSLCH) hätten sich eine einheitlichere Lösung gewünscht. LCH-Zentralsekretärin Franziska Peterhans sagt: «Es wäre hilfreich, wenn sich die Kantone zumindest regional absprechen würden. Das wäre einfacher und besser nachvollziehbar.» Entschieden Nachbarkantone mit ähnlicher Ausgangslage unterschiedlich, könne das zu Verunsicherung führen.

Unterstützung für eine Maskenpflicht kommt aus der Wissenschaft. Der Basler Epidemiologe Marcel Tanner, Mitglied der bundesrätlichen Covid-19-Taskforce, hält diese an nachobligatorischen Schulen für sinnvoll, «insbesondere, wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann». Dass je nach Kanton unterschiedliche Schutzkonzepte gelten, sei richtig: «Die Massnahmen müssen zugeschneidert sein auf die jeweilige Situation, auf die epidemiologische Lage im Kanton oder der Region, aber auch auf die Infrastruktur der Schule.»

Aufatmen können Schüler bis zur neunten Klasse: Für sie sind Masken kein Thema. «Eine Maskenpflicht an der obligatorischen Schule ist sicher nicht sinnvoll», sagt Thomas Minder, Präsident des Schulleiterverbands. Mit der Maske verstehe man sich beim Reden nicht so gut, zudem sei für jüngere Schulkinder die Mimik sehr wichtig.

Thomas Minder (hier im Kindergarten) ist Schulleiter in Eschlikon.

Thomas Minder (hier im Kindergarten) ist Schulleiter in Eschlikon.

Mit einiger Besorgnis schaut Minder auf den Herbst. «Meine grosse Befürchtung ist, dass wir im Herbst Unmengen an Lehrpersonen haben, die ausfallen, weil sie einen Husten haben und deshalb gemäss den Vorgaben des Bundes zu Hause bleiben müssen», sagt er. Und:

Auch Franziska Peterhans vom Lehrerverband geht davon aus, dass dies zu Problemen führen dürfte. Sie betont, es sei wichtig, sich an die Vorgaben des Bundes zu halten. «Klar ist aber auch: Es stehen nicht beliebig viele Personen bereit, um einzuspringen. Das wird eine Belastung sein.» Vieles dürfte auch davon abhängen, wie sich die Pandemie entwickelt – die Unsicherheit, sie ist gross.

Damit es im Trubel der Schule nicht vergessen geht: Ein Plakat im Sekundarschulhaus im thurgauischen Müllheim erinnert ans Händewaschen.

Damit es im Trubel der Schule nicht vergessen geht: Ein Plakat im Sekundarschulhaus im thurgauischen Müllheim erinnert ans Händewaschen.

Hoffen auf schönes Wetter

Zunächst einmal geht es aber darum, den Schulstart zu meistern. Peterhans hofft auf gutes Wetter. Denn manche Schulen planen, die Eltern der Erstklässler wegen Corona statt im Gebäude im Freien zu empfangen. Der diesjährige Schulstart ist auch für die Lehrpersonen speziell. «Bei vielen ist die Unsicherheit gross wegen der Abstands- und Hygieneregeln», sagt Peterhans. Gerade bei kleineren Kindern sei es schwierig, den Abstand zur Lehrperson einzuhalten. Und bei älteren Schülern fürchteten sich manche Lehrpersonen wegen zu enger räumlicher Verhältnisse vor Ansteckungen.

Nun gelte es, die Routinen wieder einzutrainieren: Regelmässig Hände waschen, Distanz halten, sagt Minder. «Und wir müssen uns für den Fall vorbereiten, dass es einen regionalen Lockdown gibt oder eine Schule geschlossen wird. Es gibt jetzt keine Ausrede mehr, dafür nicht vorbereitet zu sein.»

Autor

Maja Briner

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