Coronavirus

Sollen Geimpfte mehr Freiheiten geniessen? Ruth Humbel lanciert eine brisante Diskussion

Mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dank Impfung? Die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel kann sich das vorstellen.

Mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben dank Impfung? Die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel kann sich das vorstellen.

Ein wirksamer Impfstoff liegt in Griffweite. Damit rückt die Frage nach einem Immunitätsausweis auf die politische Agenda. Eine CVP-Nationalrätin prescht vor – in einer aktuellen Umfrage stösst das Instrument auf Zustimmung.

Fussballspiele mit vollen Stadien, Reisen ohne Quarantäne, Disco- und Restaurantbesuche ohne Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken: Die positiven Nachrichten von der Impfforschung nähren die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr zum mehr Normalität. Und sie verleihen einer schon länger schwelenden Debatte neuen Auftrieb: Sollen Personen, die aufgrund einer Infektion Antikörper haben oder sich gegen Covid-19 impfen lassen, von gewissen Erleichterungen profitieren, wenn feststeht, dass sie für eine gewisse Zeit immun sind? Braucht es einen Immunitätsausweis, eine Art Coronapass?

Die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel kann sich das vorstellen, wie sie in der Sendung «Sonntalk» von TeleZüri sagte. Wenn feststehe, dass eine Impfung auch Ansteckungen verhindere, könnte man ihrer Ansicht nach zum Beispiel bei Grossanlässen wie Fussballspielen nur Personen Eintritt gewähren, die immun gegen das Coronavirus sind. Gleiche Regeln schlägt die Präsidentin der nationalrätlichen Gesundheitskommission (SGK) auch für das Reisen oder den Zugang zu Clubs vor. «Wer geimpft ist, hätte mehr Freiheiten», sagt Humbel. Sie überlegt sich, ihre Ideen in der SGK zu thematisieren oder einen Vorstoss einzureichen.

Kommt es zu absichtlichen Ansteckungen?

Die Einführung eines Coronapasses wirft eine Reihe von kontroversen Fragestellungen auf. Wie stellt man sicher, dass ein solches Zertifikat nicht Nichtimmune vor Diskriminierung schützt und dem Gemeinwohl dient? Trotz solcher Bedenken stösst ein Immunitätsausweis beim Volk auf Zustimmung. Dies zeigt eine Studie, die vor wenigen Tagen in der Zeitschrift «Swiss Medical Weekly» erschienen ist. Das Universitätsspital Genf befragte dafür gut 1400 Personen im Kanton Genf. Rund zwei Drittel gaben an, ein Immunitätsausweis sollte der Bevölkerung angeboten werden, falls die Immunität sichergestellt sei. Nützlich finden die Genfer einen solchen Ausweis vor allem für Flugreisen und Grenzübertritte, aber auch für die Teilnahme an Grossveranstaltungen. 49 Prozent plädierten sogar dafür, Immunitätsausweise für obligatorisch zu erklären. Zwei Drittel wittern aber auch eine Diskriminierungsgefahr. Und fast ein Drittel befürchtet, dass ein Coronapass die Menschen animieren könnte, sich absichtlich mit dem Virus anzustecken und somit eine Freikarte zur vollen Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erlangen.

Professor Idris Guessous ist Chefarzt der Poliklinik am Universitätsspital Genf. Der Mitautor der Studie gibt keine Empfehlung für oder gegen einen Corona-Immunitätsausweis ab.

Die ethischen Einwände, die potenzielle Ungleichbehandlung von Immunen und Nichtimmungen, beschäftigen auch Guessous. Für ihn ist klar: Wird ein Immunitätsausweis eingeführt, braucht es flankierende Massnahmen, damit er auch für Menschen ohne Antikörper akzeptabel ist, damit er der ganzen Gesellschaft einen Nutzen bringt.

Guessous denkt zwar nicht, dass Immunitätsausweise a priori für den Besuch von Sportanlässen wie Fussballspielen eingesetzt werden sollten. Er kann sich aber vorstellen, dass bei einem solchen Szenario nichtimmune Personen dank der Bereitstellung kostenloser Schutzmasken oder Coronatests sicher einem Fussballspiel beiwohnen könnten.

Taskforce warnt vor Diskriminierung

Ein Ziel des Immunitätsausweises lautet, eine erneute weitgehende Stilllegung des öffentlichen Lebens zu vermeiden. «Lockdowns verstärken die sozialen Ungleichheiten», sagt Nehme Mayssam, Mitautorin der Studie. Diesem Aspekt müsse man bei der Debatte Rechnung tragen.

Das Bundesamt für Gesundheit gibt sich zurückhaltend. «Bevor nicht klar ist, welche Qualität und Wirksamkeit die zugelassenen Covid-19-Impfstoffe haben werden, ist es zu früh, um über die Ausgestaltung von Immunitätsausweisen zu diskutieren», sagt Sprecherin Katrin Holenstein. Bei diesem Thema auf die Bremse tritt auch die Covid-19-Taskforce des Bundes. «Es ist für uns aber zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht, aus wissenschaftlicher Sicht dazu Stellung zu nehmen», lässt sie via Medienstelle ausrichten. In einem am 22. April publizierten Papier hegen die wissenschaftlichen Berater des Bundes allerdings grosse Skepsis gegenüber Immunitätsausweisen. Sie sehen darin eine Bestrafung für jene, die sich dank Schutzmassnahmen nicht mit dem Coronavirus angesteckt haben.

Die Taskforce verweist sogar auf dunkle Zeiten der Vergangenheit. So hätten in Italien zur Zeit des Faschismus Gesundheitspässe dazu gedient, im Rahmen einer Antimalariakampagne Fremdarbeiter zu überwachen. Die Taskforce warnt vor Diskriminierungen von Nichtimmunen, auch in der Arbeitswelt. Ein Immunitätsausweis sei nur dann zu rechtfertigen, wenn gleichzeitig direkte und indirekte Diskriminierung verhindert werde. Auf diesen Aspekt weist auch Christoph Rehmann-Sutter hin: «Wenn es gerecht sein soll, dass eine Gruppe, hier die Immunen, gewisse Vorteile oder Privilegien haben, so müssen alle, also auch die Benachteiligten, einen Vorteil daraus ziehen», sagte der Professor für Theorie und Ethik der Biowissenschaften an der Universität zu Lübeck in einem Interview mit unserer Zeitung.

Ruth Humbel erkennt bei einem Immunitätspass kein Diskriminierungspotenzial, sofern für alle Impfwilligen genügend Impfstoff zur Verfügung stehe: «Wer sich schützt, schützt auch andere und zeigt sich damit solidarisch. Dafür sollen diese Personen auch einen Vorteil bekommen.»

Im Einsatz für die russische Eishockeyliga

In Deutschland wälzte Gesundheitsminister Jens Spahn schon im Frühling Pläne für einen Coronapass, schaltete aber nach heftiger Kritik den Deutschen Ethikrat ein. Dieser lehnte die Einführung im September ab, weil noch zu viele Fragen über den Immunschutz ungeklärt seien. Die Hälfte der Ratsmitglieder taxiert einen Immunitätsausweis allerdings unter gewissen Bedingungen für sinnvoll – damit etwa immune Lehrer oder Pfleger bei steigenden Infektionszahlen weiterarbeiten können.

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn.

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn.

Eine datenschutzkonforme Technik zur Dokumentation der eigenen Immunität steht schon bereit. Mehrere Schweizer Unternehmen, zum Beispiel Sicpa mit Sitz in Lausanne, bieten QR-Codes mit sicherer Blockchain-Technologie an, die man auf dem Mobiltelefon oder gedruckt auf Papier vorweisen könnte. «Unsere Lösung ist zuverlässig und wird es den Menschen erlauben, wieder zu reisen, ihre Verwandten zu besuchen, zu arbeiten», sagt Philippe Gillet, wissenschaftlicher Leiter bei Sicpa und Professor an der ETH Lausanne.

Die Sicpa-Technologie steht schon im Corona-Einsatz, unter anderem in der höchsten russischen Eishockeyliga oder für die Abwicklung von Flugreisen zwischen Russland und Asien. Personen, die durch einen negativen Test nachweisen können, dass sie aktuell nicht das Coronavirus in sich tragen, dürfen dem Puck hinterherjagen – oder unbesorgt ins Flugzeug einsteigen.

Autor

Kari Kälin

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