Serie (1/3)

Seit dem ersten Tag arbeitete er im AKW Mühleberg – am Freitag geht es vom Netz

Teil 1: Die Geschichte des AKW Mühleberg

Serie zur Abschaltung des AKW Mühleberg, Teil I: Ehemalige Mitarbeiter erinnern sich an die Anfänge, Gegner sprechen über ihre Beweggründe und aktuelle Mitarbeiter teilen ihre Sicht der Dinge.

Am Freitag stellt erstmals in der Schweiz ein Atomkraftwerk seinen Betrieb ein. Das AKW Mühleberg im Westen von Bern wird nach 47 Betriebsjahren vom Netz genommen. Tele Bärn arbeitet die Geschichte des Kernkraftwerks in einer dreiteiligen Serie auf.

Der Bau des Atomkraftwerks unterhalb des Wohlensees begann im Jahr 1967. Der kommerzielle Betrieb wurde am 6. November 1972 aufgenommen. Damals galt Atomkraft landläufig als saubere Energie.

«Es war eine Aufbruchstimmung, die Kernenergie war Neuland», erinnert sich Guido Flury im ersten Teil der Tele-Bärn-Serie an die Anfänge der AKW-Geschichte im Kanton Bern. Flury arbeitete seit dem ersten Tag für das AKW Mühleberg, 37 Jahre lang. Heute ist er pensioniert.

Flurys Arbeitsplatz war der Kommandoraum, quasi das Hirn des Kraftwerks. Er hatte dort auch ein Bett, um im Ernstfall eingreifen zu können. «Ich bin zum Teil aufgewacht, weil ich die Turbinen plötzlich nicht mehr gehört habe», schildert er. Denn nicht ein Geräusch, sondern das Ausbleiben des gewohnten Grundtons sei alarmierend gewesen. Eine richtige Störung habe es zum Glück nie gegeben.

Gefahren und Gegner

Zu einem gefährlichen Zwischenfall kam es allerdings 1971. Kurz nachdem das AKW an Netz ging, kam es zu einem Grossbrand im Maschinenraum. Das AKW steht ein Jahr lang still, die Betreiberin BKW rüstete darauf in Sachen Brandschutzmassnahmen nach. 

In dieser Zeit verschafften sich auch die Atomgegner mehr und mehr Gehör – mit Demonstrationen, Mahnwachen und dem «Atomkraft? Nein danke»-Button. Doch erst nach zwei verheerenden Reaktorunfällen – 1986 in Tschernobyl, 2011 in Fukushima – setzte sich der Gedanke einer Energiewende politisch durch.

Nach Tschernobyl passierte auch bei AKW-Mitarbeiter Jürg Joss ein Umdenken. Er begann, die Sicherheitsberichte zu lesen und darüber zu schreiben. Und wird zu einer treibenden Kraft in der Bewegung der AKW-Gegner. 

Nachrüstung zu teuer

Nach Fukushima ordnete die Atomaufsicht Ensi an, dass die Schweizer Kernkraftwerke bei der Sicherheit nachbessern müssen. So hätte die BKW etwa bis 2017 die Zuganker ersetzen sollen, welche den Kernmantel stabilisieren. Dieser weist seit längerem Risse auf. Auch verlangte das Ensi eine zweite, von der Aare unabhängige Kühlung.

2013 zog die BKW die Konsequenzen und kündigte an, den Betrieb im Jahr 2019 einzustellen. Das Management kam zum Schluss, dass sich die geforderten Nachrüstungen nicht lohnen würden. Für einen Weiterbetrieb hätte die BKW schätzungsweise zehnmal so viel investieren müssen wie für eine Bewilligung bis 2019.

Seit November nimmt die Leistung ab

Abschaltung und Rückbau sind für die BKW Energie AG als Betreiberin eine gewaltige Herausforderung. Seit Jahren wird geplant, der genaue Abschalttermin ist schon 2016 festgelegt worden.

Im August 2018 wurde der Kern letztmals mit neuem Brennstoff beladen. Seit Anfang November 2019 nimmt die Leistung langsam ab, weil der Brennstoff bald aufgebraucht ist.

Punkt 12.30 Uhr

Am Morgen des 20. Dezember wird die Leistung nach und nach reduziert, indem Steuerstäbe zwischen den Brennstoff gefahren werden. Punkt 12.30 Uhr ist es dann soweit: Zwei Mitarbeiter im Kontrollraum werden zwei Knöpfe drücken, um das AKW für immer abzuschalten. BKW-CEO Suzanne Thoma erklärt, wie die Abschaltung und der Rückbau vor sich gehen:

«Wir werden zwei Knöpfe drücken»: BKW-CEO Suzanne Thoma erklärt, wie die Abschaltung des AKW Mühleberg funktioniert

Danach wird der Druck im Reaktor abgebaut. Innerhalb von sieben Stunden fällt die Reaktor-Wassertemperatur von 280 auf unter 100 Grad Celsius. Bis am 22. Dezember soll das Herunterfahren abgeschlossen sein.

Kosten sparen mit raschem Rückbau

Unmittelbar nach den Feiertagen, am 6. Januar 2020, beginnen die Rückbauarbeiten. Sie schliessen also fast nahtlos an die Abschaltung an. Denn was die Kosten mancherorts im Ausland in die Höhe trieb, war die zeitliche Lücke zwischen Abschaltung und Beginn des Rückbaus. (SDA/smo)

Sehen Sie die Serie «AKW ade» vom 17. bis 19.12, jeweils um 18.15 Uhr auf Tele Bärn oder Tele M1.

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