Die direkte Demokratie ist eine schöne Sache. Man darf über alles und jedes abstimmen, sofern die nötigen 100'000 Unterschriften für eine Volksinitiative zusammen kommen. Eine besonders ausgefallene Vorlage kommt am 25. November zur Abstimmung: Die Hornkuh-Initiative. Sie will Bauern mit Subventionen belohnen, wenn sie Kühe (und Ziegen!) mit Hörnern halten.

Armin Capaul, ein Bergbauer aus dem Südjura, hat es tatsächlich geschafft, zu diesem Thema eine Volksinitiative zu stemmen. Grosse Wellen hat das Anliegen aber nicht geworfen. Das zeigte sich auch bei der Abstimmungs-«Arena» am Freitag. An der Diskussion nahmen überwiegend No-Names teil. In der 25-jährigen Geschichte der Sendung dürfte es dies kaum je gegeben haben.

Der abtretende Landwirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann immerhin engagiert sich für das Nein. In seiner letzten «Arena» konfrontierte ihn Moderator Mario Grossniklaus gleich zu Beginn mit touristischen Werbebildern von gehörnten Kühen – obwohl nur noch zehn Prozent der Kühe in der Schweiz Hörner haben. Und er zeigte ein ziemlich gruseliges Video, das zeigte, wie einem Kalb die Hornanlage ausgebrannt wird.

«Das lässt mich nicht kalt», sagte Schneider-Ammann und verwies auf seine Herkunft als Sohn eines Tierarztes. Die Technologie aber sei in den letzten Jahren aber nicht schlechter geworden. Ohnehin müsse der Bund das Tierwohl als Ganzes im Auge behalten, und das sei ohne Hörner besser gewährleistet. Die Tierpsychologin Tamara Fretz verwies hingegen auf die Selektion: «In der Natur haben Kühe mit Horn überlebt und über Kühe ohne Horn dominiert.»

Als Armin Capaul über verstümmelte Kühe klagte, packte Schneider-Ammann ihn bei den Hörnern: «Von Verstümmelung kann keine Rede sein!» Damit war die Richtung vorgegeben. Der Bundesrat gab sich angriffig, während der Initiant lange irritierend blass blieb. Mit seinem wilden Bart, der Wollkappe und dem vorsintflutlichen Wollpulli sah Capaul wie eine Klischeefigur seines Berufsstands aus. Wer davon einen kernigen Auftritt erhofft hatte, wurde jedoch enttäuscht.

In die Bresche mussten seine Mitstreiter springen, etwa die Bündner SP-Nationalrätin Silva Semadeni: «Kühe ohne Hörner sind verstümmelt!», konterte sie und stimmte ein Loblied auf die Eringer Kühe im Wallis an. Ansonsten verlief die Diskussion zäh und zahm. Man debattierte ausufernd über Hörner als Kommunikationsmittel oder die mit ihnen verbundene Unfallgefahr.

Ein engagiertes Votum für die Hörner hielt Martin Ott, Schulleiter für biodynamische Landwirtschaft und Autor des Buches «Kühe verstehen». Kühe sähen relativ schlecht, und alle sähen ziemlich gleich aus, erklärte er. Zur Unterscheidung blieben nur der der Kopf und die Hörner in ihren unterschiedlichen Formen und Farben, sagte Ott und demonstrierte dies gleich selbst.

Sein Gegenspieler am Expertentisch, der Bündner Tierarzt Urs Iselin, betonte hingegen die Gefahren: «Ich kenne vier Leute. Drei von ihnen haben heute ein Glasauge, beim vierten wurde das Auge knapp gerettet. Alles wegen den Hörnern.» Es war der Auftakt zu einer ausufernden Unfalldebatte, zum Unwillen von Bundesrat Schneider-Ammann, der lieber über das eigentliche Thema der Initiative gesprochen hätte: Das Geld.

Mario Grossniklaus illustrierte die Unfallgefahr mit einer Kuh, der durch ein Horn ein Loch in die Bauchdecke gestossen worden war. Nun kamen auch die beiden Bäuerinnen in der Runde zu Wort. Befürworterin Regula Imperatori verwies darauf, dass sie Kühe mit und ohne Hörner im Stall habe. Letztere seien nicht aggressiver. Christine Bühler, Präsidentin des Bäuerinnen- und Landfrauenverbands und Initiativgegnerin, meinte hingegen, enthornte Kühe seien «viel ruhiger».

Lebendiger wurde es erst, als Armin Capaul in den Prüfstand gerufen wurde. Warum wolle er das Enthornen nicht verbieten, fragte ihn Grossniklaus. «Man hätte mit den Stall angezündet», erwiderte der Bergbauer. Tatsächlich hätte er mit dieser Forderung die Bauern auf die Barrikaden getrieben. Zusätzliche Subventionen hingegen haben die Schweizer Landwirte noch nie abgelehnt.

Nach einem weiteren Nebengeplänkel über die Frage, ob diese Forderung in die Verfassung gehört, kam die «Arena» nach mehr als einer Stunde endlich zur Kernfrage: Woher kommt das Geld für die Kuh- und Ziegenhörner? Der Bauernverband verlangt eine Aufstockung der ohnehin üppigen Landwirtschaftsausgaben, nicht unbedingt zur Freude des Bundesrats.

Armin Capaul verwies auf die teils sehr hohen Direktzahlungen. Er legte nun endlich seine Zurückhaltung ab und lieferte sich ein Wortgefecht mit dem Bündner BDP-Nationalrat Duri Campell, der Johann Schneider-Ammann am Pult der Initiativgegner sekundierte. Nun hätte sich nach knapp 70 ziemlich mühsamen Minuten endlich eine lebhafte Diskussion entwickeln können.

Da war die Sendung aber schon zu Ende. Und so bleibt nur der Befund: Glücklich ein Land, das über solche «Probleme» abstimmen kann.