Zehn Tage nach dem tödlichen Unfall eines Kundenbegleiters am Bahnhof Baden führten die Verantwortlichen der SBB am Mittwoch mehrere Dutzend Journalistinnen und Journalisten durch die Werkstätte Zürich Herdern. Das Ziel lautete, besorgte Bahnpassagiere und Mitarbeiter zu beruhigen; das gelang angesichts der Faktenlage jedoch nur bedingt.

SBB-Techniker haben seit dem Unfall 364 Türen des Einheitswagens (EW) IV überprüft. Mit dem Ergebnis, dass bei fünf Türen der Einklemmschutz nicht funktioniert, wie er sollte. Eine defekte Türe war auch die Ursache für den Unfall in Baden, bei dem ein Kundenbegleiter in der Türe eines EW IV eingeklemmt und mitgeschleift wurde. Die Techniker haben bei den Kontrollen zudem einen bisher unbekannten Mangel beim Einklemmschutz festgestellt, der nun weiter untersucht werden soll.

Im Gespräch mit CH Media betonte Elmar Käser, Leiter Technik Fahrzeuge, es sei nicht aussergewöhnlich, dass bei ein bis zwei Prozent der Türen der Einklemmschutz nicht korrekt funktioniere. Die Defekte wären laut Käser auch bei den regulär stattfindenden Kontrollen entdeckt worden. Eine klare Entwarnung klingt anders.

Abfahrtsbefehl in Zukunft erst im Zug?

Als weitere «Sofortmassnahme» strichen die Bundesbahnen die Überprüfung des Abfertigungsprozesses an den Bahnhöfen hervor. Die Thematik sei auch mit den Sozialpartnern diskutiert worden. O-Ton aus dem Communiqué: «Der Abfertigungsprozess ist für Mitarbeitende und Reisende sicher.»

Die Gewerkschaften, die sich ebenfalls am Mittwoch mit SBB-Verantwortlichen trafen, widersprechen dieser Darstellung. «Wir haben an der Sitzung eine Anpassung der Abfertigungsprozesse gefordert», sagt Manuel Avallone, Vize-Präsident der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV. Demnach sollen die Kundenbegleiter den Lokführern die Abfahrtserlaubnis künftig erst erteilen, wenn sie sich selber im Zug befinden. Erst dann sollen alle Türen geschlossen werden; heute befinden sich die Zugbegleiter beim Erteilen des Abfahrtsbefehls noch auf dem Perron. Gewerkschafter Avallone sagt, die SBB hätten versprochen, die Forderung zu prüfen. «Wir nehmen zur Kenntnis, dass man keine sofortigen Prozessänderungen durchführen kann. Aber an unserer Sitzung mit den SBB von kommender Woche wird dies wieder ein Thema sein», sagt Avallone.

Von der Forderung, alle Einheitswagen IV von der Schiene zu nehmen, nehmen die Gewerkschaften wieder Abstand. Eine Ausserbetriebnahme hätte laut dem SEV-Vize zur Folge, dass gewisse Regionen von den SBB nicht mehr bedient werden könnten. Die Bahnverantwortlichen hätten dafür versichert, die Sicherheitskontrollen des EW IV bis Ende nächster Woche abzuschliessen.

86 SBB-Passagiere eingeklemmt

Was am Mittwoch ebenfalls klar wurde: Der tragische Unfall vom 4. August stellt keinen Einzelfall dar. Seit 2014 wurden rund 86 Passagiere von Türen eingeklemmt. «Zwei Personen wurden dabei schwer verletzt», sagte Patrick Hadorn, Leiter Sicherheit & Qualität SBB, gegenüber dem Online-Portal «watson».

Die Zahl der eingeklemmten SBB-Mitarbeiter seit dem Jahr 2016 beträgt mindestens zehn; darunter befand sich ein halbes Dutzend Zugbegleiter.«Sie erlitten leichte bis mittelschwere Verletzungen», so Hadorn. Die Dunkelziffer dürfte allerdings höher liegen: Laut den SBB berichteten nach dem tödlichen Unglück in Baden mehrere Mitarbeitende von ähnlichen Vorfällen.

Die Bundesbahnen legen Wert auf die Feststellung, dass sie über einen klar definierten Meldeprozess verfügen. Mitarbeitende könnten auch Beinaheunfälle und gefährliche Situationen melden. Wenn nötig auch vertraulich.