Rücktritt
Die Perfektionistin, die aneckt: Regula Rytz zieht sich aus der Politik zurück

Die erfolgreichste grüne Politikerin der Schweiz tritt kürzer. Nach fast 30 Jahren zieht sich die Berner Nationalrätin Regula Rytz überraschend aus der Politik zurück. Sie möchte nochmals etwas Neues anpacken, auch dort wird es um Politik gehen.

Reto Wattenhofer
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Nun geht alles schnell: Bereits nach der Sondersession im Mai tritt Rytz aus dem Nationalrat zurück. Es wird bestimmt auch dann Blumen geben.

Nun geht alles schnell: Bereits nach der Sondersession im Mai tritt Rytz aus dem Nationalrat zurück. Es wird bestimmt auch dann Blumen geben.

Keystone

«Ich bin nun seit 30 Jahren rund um die Uhr in Parlamenten oder in einer Stadtregierung engagiert. Ich könnte noch lange mit Leidenschaft weitermachen», begründet sie in der «Sonntags-Zeitung» ihren Rücktritt. «Der Wunsch war aber grösser, mit 60 Jahren noch mal etwas Neues anzufangen.» Bereits im Mai nach der Sondersession wird Rytz aus dem Nationalrat zurücktreten. Ihre Nachfolgerin wird die Berner Grossrätin Natalie Imboden.

Während andere in diesem Alter bereits auf den Ruhestand schielen, stürzt sich Rytz in eine neue Herausforderung. Im Juni wird sie sich als Präsidentin der Entwicklungsorganisation Helvetas zur Wahl stellen – und daneben selbstständig machen.

Dieser Schritt ist folgerichtig: Damit fokussiert sich Rytz weiter auf eines ihrer Steckenpferde. Die Klimakrise werde den Planeten «dramatisch verändern», und die Ärmsten dieser Welt würden am stärksten betroffen sein, betonte Rytz in der «Sonntags-Zeitung». Den ökologischen Lebensstil lebt sie dabei vor. In Bern ist sie fast immer mit dem Fahrrad unterwegs, in ihrem Leben ist sie nur ein paar Mal geflogen und sie ernährt sich vegetarisch.

Regula Rytz.
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Regula Rytz erklärt am die Strategie der Grünen vor der Bundesratswahl vom 11.Dezember 2019.
Regula Rytz steht bereit: Jetzt entscheidet die Fraktion, ob sie Bundesratskandidatin wird.
Hier gibt Regula Rytz bekannt, dass sie für den Bundesrat kandidiert.
Grünen-Präsidentin Regula Rytz.
20. Oktober 2019: Die Grünen legen in einem nie erwarteten Ausmass zu und Präsidentin Regula Rytz jubelt.
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Grünen-Präsidentin Regula Rytz hatte am Wahltag alle paar Minuten Grund zur Freude. Aus allen Kantonen trafen Erfolgsmeldungen ein.
Regula Rytz ist Präsidentin der Grünen und das Gesicht des Wahlerfolgs. Beim Wähleranteil schloss die Partei zu den grossen auf. Im Ständerat legte sie zu.
Die Grüne Regula Rytz: Von vielen unterschätzt?
Die Berner Nationalrätin Regula Rytz war erst Co-Präsidentin der Grünen.

Regula Rytz.

Keystone

Klimawahl unter ihrer Ägide

Rytz ist Mitte der Neunzigerjahre in die Politik eingestiegen. Zuerst war sie elf Jahre Berner Grossrätin, danach amtete sie acht Jahre als Baudirektorin der Stadt Bern. 2011 zog die ausgebildete Lehrerin in den Nationalrat ein und wurde kurze Zeit später Parteipräsidentin, am Anfang im Co-Präsidium. Rytz gilt als blitzgescheit, eine Perfektionistin.

Kaum jemand hat die Politik der Grünen in den letzten Jahren so stark geprägt wie Rytz. Sie führte die Partei zum historischen Wahlerfolg 2019, der als Klimawahl in die Geschichtsbücher einging. Im Nationalrat gewannen die Grünen 17 Sitze hinzu. Es ist der grösste Sitzgewinn, den eine Partei seit Einführung der Proporzwahl 1919 erzielt hat.

Fast-Bundesrätin

Auch für Rytz selber lief es eigentlich meistens gut. Politisch hat sie eigentlich alles erreicht. Der vermutlich grösste Rückschlag in ihrer glanzvollen Politkarriere war die gescheiterte Bundesratskandidatur. Nach dem Wahlerfolg der Grünen erhob die Partei im Dezember 2019 Anspruch auf einen Bundesratssitz der FDP. Es blieb beim Achtungserfolg. Rytz machte 82 Stimmen.

Der Angriff scheiterte auch am taktischen Unvermögen der Partei. Die Grünliberalen hatten Unterstützung signalisiert. Einzige Bedingung: Eine moderate Kandidatur. Das war auch ein Fingerzeig an Rytz, die am linken Rand politisiert. Denn trotz ihres besonnenen Auftretens eckt die Bernerin an. Ihre Tätigkeit als Parteipräsidentin dürfte in den letzten Jahren auch nicht dazu beigetragen haben, dass sie im Bundeshaus als Brückenbauerin wahrgenommen wird.

Ihr angekündigter Rücktritt löste in den sozialen Medien ein grosses Echo aus. Viele politische Weggefährten bedauerten den Schritt und zollten Rytz Tribut für die letzten Jahre.

So dankte ihr Nachfolger, Parteipräsident Balthasar Glättli, Rytz auf Twitter für das «unermüdliche Engagement» und dass die Partei über «ein Jahrzehnt geprägt» habe. Er freue sich jedoch, dass Rytz «grüne Politik auf anderen Bühnen» vorantreibe.