Religiöse Bildung
In Konkurrenz mit Freizeitaktivitäten: Der konfessionelle Religionsunterricht an den Schulen gerät unter Druck

Fussballtraining, Klavierunterricht oder Jesus und Bibel? Der kirchliche Religionsunterricht hat einen schweren Stand. Auch der Lehrplan 21 spielt eine Rolle.

Kari Kälin
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Der Religionsunterricht an den Schulen verliert zunehmend an Bedeutung.

Der Religionsunterricht an den Schulen verliert zunehmend an Bedeutung.

Bild: Andrea Stalder

Pünktlich zu Beginn der Adventszeit hat der Radiosender Deutschlandfunk über ein Phänomen berichtet, das einhergeht mit dem Bedeutungsverlust der Kirchen in hiesigen Breitengraden: die Krise des Religionsunterrichts. Mit diesem Befund werde jedes Buch, das sich mit der religiösen Bildung befasst, eingeleitet, erklärte Horst Junginger, Professor für Religionswissenschaften an der Universität Leipzig, dem öffentlich-rechtlichen Sender. Seit Jahrzehnten melden mehr und mehr Eltern ihre Kinder vom Religionsunterricht ab.

Wie präsentiert sich die Lage in der Schweiz? Zunächst: sehr vielfältig, passend zur föderalistischen Staatsstruktur. Der kirchliche Religionsunterricht unterscheidet sich nicht nur von Kanton zu Kanton, sondern kann auch innerhalb von Städten unterschiedlich organisiert sein. CH Media hat zahlreiche Personen kontaktiert, die beruflich mit dem Thema vertraut sind. Das Wort «Krise» nimmt niemand in den Mund. Tatsache ist aber: War der konfessionelle Religionsunterricht vor einigen Jahrzehnten noch selbstverständlicher Teil des Stundenplans in der Volksschule, wird er seit einiger Zeit zunehmend an die Randstunden verdrängt.

Eine wichtige Änderung brachte der vor wenigen Jahren in den Deutschschweizer Kantonen installierte Lehrplan 21. Eine Art Religionskunde wird im Rahmen übergeordneter Fachbereiche konfessionsneutral unterrichtet. Die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz Iras Cotis kritisiert jedoch, die vorgesehenen Lektionen fänden für Tausende von Schülerinnen und Schülern kaum statt, weil die Kantone die Fachbereiche mit zu wenig Stunden dotierten.

Rückläufige Schülerzahlen in der Stadt Luzern

Der von den Landeskirchen verantwortete und konfessionelle Religionsunterricht gerät derweil durch den Lehrplan 21 unter Druck. In vielen Kantonen wurde die Stundentafel ausgebaut. Zudem fehlt es am Lernort Schule oft an den Räumlichkeiten. Das führt dazu, dass der freiwillige kirchliche Religionsunterricht zunehmend in Räumlichkeiten der Kirche und an wenig attraktiven Randstunden oder am schulfreien Mittwochnachmittag stattfindet. Schlagzeilen wie «Religionsunterricht wird in der Stadt Luzern an den Rand gedrängt» zeugen von dieser Entwicklung, die sich auf die Teilnahme auswirkt.

Vor Einführung des Lehrplans 21 besuchten in der Stadt Luzern auf der Primarstufe rund 97 Prozent der katholischen Schülerinnen und Schüler den katholischen Religionsunterricht. In diesem Schuljahr sind es noch 82 Prozent, wie Melanie Laveglia, Rektorin des Religionsunterrichts der katholischen Kirche der Stadt Luzern, auf Anfrage sagt.

Der Religionsunterricht steht zudem in Konkurrenz zu Freizeitaktivitäten. Etwas vereinfacht gesagt: Die Kinder müssen sich entscheiden: Lerne ich freiwillig etwas über Jesus, über die Bibel? Kicke ich stattdessen nicht doch lieber im Fussballverein? Oder besuche den Klavierunterricht? Nationale Zahlen zur Partizipation am kirchlichen Religionsunterricht werden nicht erhoben. Oft hört man, das sinkende Interesse am kirchlichen Religionsunterricht sei tendenziell ein städtisches Phänomen.

Der Kanton St.Gallen arbeitete bis vor kurzem mit einer Sonderlösung. Die Kinder durften mit der Einführung des Lehrplans 21 wählen, ob sie den neutralen Ethikunterricht der Schule oder den konfessionellen der Landeskirchen besuchen wollen. Auf das neue Schuljahr hin hat die Regierung diese Option abgeschafft. Die Begründung: Die «spaltende Wirkung» des bestehenden Modells zwischen den unterschiedlichen Anspruchsgruppen – oft entlang der Abgrenzung zwischen christlichem und nicht christlichem Hintergrund – solle überwunden werden. Der konfessionelle Unterricht kann weiterhin freiwillig besucht werden, bedeutet für die Kinder aber eine zeitliche Zusatzbelastung.

Abnehmende Glaubenspraxis akzentuiert sich bei jeder neuen Generation

David Wakefield leitet seit 2014 das Fachzentrum Katechese am Religionspädagogischen Institut der Universität Luzern. Aus Gesprächen mit Kolleginnen und Kollegen der Katechese könne er sagen, dass die rückläufigen Anmeldungen für den katholisch-konfessionellen Unterricht ein allgemeiner Trend seien. Eine Ursache dafür sieht er in der abnehmenden Glaubenspraxis, die sich bei jeder neuen Generation noch akzentuiert, wie etwa Jörg Stolz, Professor für Religionssoziologie an der Universität Lausanne, in einer aktuellen Publikation festhält.

Eltern vermitteln Glauben immer weniger

Die dominierende Haarfarbe? Grau. Familien mit Kindern? Eine Rarität. Wer im Jahr 2021 einen Gottesdienst besucht, erhält angesichts des demografischen Profils der anwesenden Gläubigen den Eindruck: In wenigen Jahrzehnten werden die Schweizer Kirchen gänzlich verwaist sein. Die Statistik stützt diese Annahme. Die Zahl der Konfessionslosen ist in der Schweiz auf fast 30 Prozent gestiegen. Jede neue Generation betet weniger, der sonntägliche Gang in die Kirche wird seltener. Während die Zahl der Kirchenaustritte steigt, werden weniger Kinder getauft – sei es bei den Katholiken oder Protestanten.

Jörg Stolz, Professor für Religionssoziologie an der Universität Lausanne, spricht in einer aktuellen Publikation von «Generationen des abnehmenden Glaubens». Das heisst: Die Eltern vermitteln ihren Kindern die Religion immer weniger. Welche Faktoren die Weitergabe beflügeln oder bremsen, habe die Forschung nicht herausgefunden. «Es scheint einfach so zu sein, dass in den untersuchten Gesellschaften die Kinder der Religion weniger Wichtigkeit beimessen als ihre Eltern», sagte Stolz gegenüber dem katholischen Informationsportal kath.ch. Ohne zu wissen, was eine Weitergabe von Religion begünstige, könnten die Kirchen dem Bedeutungsverlust nur schwer etwas entgegenhalten, sagt Stolz. «Immerhin wissen die Kirchen damit aber auch, dass sie nichts falsch machen», sagt der Religionssoziologe. Das könne auch «entlastend» sein. (kä)

Wakefield sagt: «Die rückläufigen Zahlen der Trauungen und Taufen zeigen, dass Kirche und institutionelle Religion im Vergleich zur Vor-Generation nicht mehr so selbstverständlich Teil im gesellschaftlichen und privaten Leben sind.» Das habe Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite würden sich Menschen, die am kirchlichen Leben teilnehmen, oft bewusst dafür entscheiden. Auf der anderen Seite sinke allgemein die Bereitschaft, die eigenen Kinder für den kirchlich verantworteten Religionsunterricht zu motivieren.

Von leicht abnehmender Teilnahme, aber grundsätzlich stabilen Verhältnissen beim kirchlichen Religionsunterricht berichtet Stephan Degen-Ballmer. Der Theologe wirkt bei der reformierten Landeskirche des Kantons Aargau als Fachstellenleiter «Kirchlicher Religionsunterricht». Er sieht in einer guten Ausbildung der Religionslehrpersonen eine Chance, dass der konfessionelle Religionsunterricht attraktiv bleibt. «Wir bieten eine fundierte Ausbildung zur Religionslehrperson an. Diese sollen als kompetente und reflektierte Fachlehrpersonen gegenüber den Schülerinnen und Schülern wie auch gegenüber der Lehrerschaft auftreten.»

In Basel-Stadt ist Religion in den Stundenplan integriert

Der Kanton Basel-Stadt verzeichnet in den letzten Jahren sogar steigende Teilnehmerzahlen beim Religionsunterricht. Das hängt einerseits mit der Zunahme der Schülerzahlen im Stadtkanton zusammen, andererseits aber auch mit der speziellen Organisation. Der Religionsunterricht ist auf der Primarstufe in den Stundenplan integriert. Er ist ökumenisch gestaltet und freiwillig, die reformierten und katholischen Landeskirchen stellen das pädagogische Personal. Die religiösen Aspekte im Fachbereich Mensch, Natur, Gemeinschaft werden von der Schule bestritten.

Ursula Schubert ist Rektorin des Religionsunterrichts. Die Kirchen verstünden es als Bildungsauftrag, an der Schule Wissen über das Christentum zu vermitteln, sagt sie – dies auch in Schulklassen, in denen teilweise fast keine Kinder christlich sozialisiert seien. Für Schubert ist es wichtig, dass die Kinder im Rahmen eines Schulfachs mit existenziellen Fragen konfrontiert werden wie: Wer bin ich? Woher komme ich? Wozu bin ich auf der Welt? Wohin gehe ich? Es gehe nicht darum, abschliessende Antworten zu liefern, sondern aufzuzeigen, was das Christentum zu den grossen Lebensfragen zu sagen habe.

Es mangelt an Religionslehrpersonen

Die Landeskirchen kämpfen derweil mit profanen Problemen. Vielerorts mangelt es an ausgebildeten Religionslehrpersonen. Und sie zerbrechen sich den Kopf, in welchem Rahmen der Religionsunterricht künftig stattfinden soll. Noch stärker raus aus den Schulen und hinein in kirchliche Räumlichkeiten? Soll man auf modulartigen Unterricht setzen, der kompakt an ein paar Wochenenden stattfindet? Und wie bleibt dieser grundsätzlich attraktiv?

Die beste Voraussetzung für eine hohe Teilnahme am konfessionellen Religionsunterricht sei ein guter Unterricht, der sich an der Lebenswelt der Kinder orientiere, sagt David Wakefield von der Universität Luzern. Die Kirche leiste insofern einen Beitrag dazu, als sie auf eine gute religionspädagogische Aus- und Weiterbildung achte.

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