Corona-Mutation
Quarantäne könnte bald mehr Leute treffen: Das BAG will die Empfehlung verschärfen

Wegen der ansteckenderen Virusvarianten will das Bundesamt für Gesundheit die Quarantäne-Empfehlungen erweitern. Eine Epidemiologin erklärt, warum sie das für sinnvoll hält.

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Wenigstens durch die Scheibe dürfen sich Enkelin und Grossmutter sehen: Die Pandemie zwingt zu kreativen Ideen.

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Justin Paget / Digital Vision

Zehn Tage zuhause, abgeschottet von Familienmitgliedern oder Mitbewohnern: Das könnte bald noch mehr Schweizerinnen und Schweizern blühen. Aktuell sind gemäss Angaben des Bundesamts für Gesundheit (BAG) landesweit 33100 Menschen in Quarantäne, weil sie mit einer positiven getesteten Person Kontakt hatten. Die tatsächliche Anzahl dürfte höher liegen – die Angaben sind laut BAG derzeit nicht vollständig.

Nun will die Behörde die Quarantäne-Empfehlungen verschärfen. Bisher muss in Quarantäne, wer engen Kontakt mit einer positiv getesteten Person hatte. Neu soll der Kreis in bestimmten Fällen erweitert werden: Besteht der Verdacht, dass es sich um die neuen, ansteckenderen Virusvarianten handelt, sollen nicht nur die engen Kontakte in Quarantäne, sondern auch deren Kontaktpersonen.

Was das konkret bedeutet, zeigt ein Fall, den die Zeitung «Der Bund» schilderte. Sie hat die geplante Änderung der Empfehlung publik gemacht, die im Kanton Bern bereits angewandt wird. Die Folge: Eine Frau, die ihren Neffen gehütet hatte, musste in Quarantäne, weil es in der Kita des Kleinen zu einem Coronafall gekommen war – vermutlich mit der neuen Variante, wie die Zeitung berichtete.

Neue Varianten im Fokus

Das BAG bestätigt auf Nachfrage die geplante Änderung der Quarantäne-Empfehlung. Ein Sprecher sagt:

Angesichts der hohen Übertragbarkeit der neuen Variante ist es gerechtfertigt, die Kontakte enger Kontakte unter Quarantäne zu stellen.

Weiter erklärt er: «Diese Möglichkeit sollte insbesondere bei Kontakten innerhalb des Haushalts in Betracht gezogen werden.» Ziel sei es, die Ausbreitung der neuen Varianten zu verlangsamen. Die erweiterte Quarantäneregel soll daher zum Zug kommen, wenn die ansteckenderen Virusvarianten vermutet werden.

Die neue Strategie wurde laut BAG seit Ende Dezember mit den Kantonen diskutiert. Die Behörde plane, die Empfehlung in die nächste Fassung der Quarantäneempfehlungen an die Kantone aufzunehmen, kündigt das BAG an. Diese sind für die Umsetzung zuständig – und haben dabei Spielraum: Es sei Sache der Kantone zu beurteilen, unter welchen Umständen Kontaktpersonen von Kontakten in Quarantäne geschickt würden, hält das BAG fest.

Intensiveres Contact Tracing

Die neuen Virusvarianten sind momentan noch vergleichsweise selten. Gemäss Schätzungen tragen etwa vier Prozent der Infizierten die englische Variante in sich (wir berichteten). Weil diese deutlich ansteckender ist, befürchten Experten aber eine rasche Verbreitung. Das BAG hat die Kantone daher Ende 2020 «zu einem intensiven Contact Tracing bei positiv getesteten Personen mit den Varianten aus Grossbritannien und Südafrika aufgefordert», wie die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK) erklärt. Demnach sollen auch die Kontakte von engen Kontakten aufgelistet und über das Infektionsrisiko informiert werden.

Die erweiterte Quarantäneregelung, die das BAG bald empfehlen will, geht noch einen Schritt weiter. Bisher wenden diese nur vereinzelte Kantone an – neben Bern auch die Waadt. Die GDK geht aber davon aus, dass sich weitere Kantone diesem Vorgehen anschliessen werden. Tatsächlich erklärt etwa der Aargau auf Anfrage: «Die erweiterte Quarantäne wird derzeit geprüft.» Bisher habe der Kanton vier bestätigte Fälle der Mutationen. Derzeit werde situativ entschieden, ob die engen Kontaktpersonen der Kontaktpersonen in Quarantäne müssten.

Zeitverzögerung als Problem

Nicola Low, Epidemiologin

Nicola Low, Epidemiologin

zvg

Nicola Low ist Professorin für Epidemiologie an der Universität Bern und Mitglied der wissenschaftlichen Taskforce. Sie sagt: «Es ist sinnvoll, dass die engen Kontakte der Kontaktpersonen in Quarantäne gehen, um die Übertragungsketten zu brechen.» Denn das Problem sei die Zeitverzögerung: Bis eine Person als Trägerin der neuen Variante bestätigt werde und ihre Kontaktpersonen eruiert seien, könnten diese bereits weitere Personen angesteckt haben.

Die Epidemiologin findet daher, Quarantäne und Tests sollten bei allen Personen mit der neuen Variante des Virus auf die Kontakte von Kontaktpersonen erweitert werden.

Low ist sich bewusst, dass dies mehr Aufwand mit sich bringt und mehr Menschen in Quarantäne müssten. Sie sagt:

Weil die neuen Varianten sehr viel ansteckender sind und die Zahl der Infektionen momentan noch tief ist, lohnt es sich aber, hier einen grossen Effort zu leisten.

Wichtig sei, dass Erwerbstätige, die in Quarantäne müssten, entschädigt würden. Laut Low wurde das Thema innerhalb der Taskforce in der Expertengruppe «Public Health» diskutiert. «Wir sind mit der Empfehlung des BAG einig, die Quarantäne-Regel zu erweitern», sagt sie.

Nach Ansicht von Low müsste die Schweiz auch mehr sogenanntes Backward tracing betreiben. Dabei wird versucht, die Quelle der Ansteckungen zu herauszufinden. Zudem sollten laut Low alle Personen in Quarantäne getestet werden, damit man die Verbreitung des Virus besser überwachen könne. «Es braucht jetzt einen massiven Effort auf allen Ebenen», so Low.