Die Kosten pro Wählerstimme für den Wahlkampf in der Schweiz seien vergleichbar mit jenen in den USA, sagt Georg Lutz, Politikwissenschafter an der Universität Lausanne und Direktor des Forschungszentrum Fors. Er hat nach den Wahlen 2015 untersucht, wie viel Geld die Nationalrats- und Ständeratskandidaten in den Wahlkampf gesteckt hatten.

Das Resultat: Insgesamt 29 Millionen Franken gaben die Kandidierenden damals gemäss eigenen Angaben aus. Dazu kommt noch mindestens eine gleich hohe Summe, welche die Parteien in die Wahlkämpfe stecken. Diesmal dürfte es noch mehr sein.

Was ist beim aktuellen Wahlkampf für den Ständerat anders als früher?

Georg Lutz: Heute schicken in vielen Kantonen fast alle Parteien jemanden ins Rennen für den Ständerat – auch wenn sie keine oder nur eine geringe Chance haben. Sie nutzen die Kandidatur als Plattform für die Nationalratswahlen. Dadurch kommt es häufiger zu einem zweiten Wahlgang. Und es gibt deswegen eine grosse Bandbreite: Manche Ständeratskandidaten geben relativ wenig Geld aus, andere investieren sehr substantielle Summen. In jenen Kantonen, in denen die Wahl kompetitiv ist, fliessen sehr hohe Beträge.

Sind die Ausgaben gestiegen?

Die Summe, die in den Kandidatenwahlkampf fliesst, ist tendenziell immer gestiegen. Und da es diesmal mehr Kandidaten gibt, wird insgesamt mehr Geld für den Wahlkampf ausgegeben. Teilweise ist es eine absurde Situation: Manche Kandidaten investieren viel, obwohl sie keine Chance haben.

Weshalb wird der Wahlkampf für den Ständerat immer teurer?

Das ist schwierig zu sagen, weil die Transparenz über die Finanzierung fehlt. Erstens ist das Ständeratsamt sicherlich attraktiv. Hinzu kommen die Strategien der Parteien: Sie wollen präsent sein, indem sie Personenkampagnen für den Ständerat führen. Und drittens können die Kandidaten offensichtlich auch mehr Geld mobilisieren als früher. Ein Treiber dürfte dabei die Konkurrenz unter den Interessengruppen sein, denn das günstigste Lobbying ist immer noch, einen Parlamentarier als Interessensvertreter zu haben. Dazu muss man ihn möglichst früh an sich binden – zum Beispiel mit Unterstützung im Wahlkampf.

Manche sprechen von einer Amerikanisierung des Wahlkampfs. Teilen Sie diese Ansicht?

Das kommt darauf an, was damit gemeint ist. Bezüglich Geld kann man sagen: Viele haben das Gefühl, der amerikanische Wahlkampf sei absurd teuer. Aber die USA haben auch viel mehr Wahlberechtigte als die Schweiz. Wenn man die Ausgaben pro Kopf herunterrechnet, geht es in der Schweiz um vergleichbare Summen. Das ist allerdings nicht neu. Bei den Wahlkampfinstrumenten gibt es eine gewisse Amerikanisierung: In den USA gibt es schon länger personalisierte Kampagnen für bestimmte Zielgruppen, zum Beispiel in den sozialen Medien. Das wird in der Schweiz nun auch stärker genutzt.

Die Ständeratskandidaten sagen, der Aufwand sei wegen der sozialen Medien gestiegen. Teilen Sie diesen Eindruck?

Es gab eine Multiplizierung: Zu den klassischen Kampagnenmitteln wie Plakaten oder Inseraten kamen die sozialen Medien hinzu. Alle Kanäle zu bespielen – Facebook, Twitter, Instagram und so weiter – braucht viel Zeit. Hinzu kommt die Diversifizierung der Strategien: Je nach Zielgruppe werden andere Kanäle gewählt. Für unter 30-Jährige oder über 70-Jährige müssen Sie zum Beispiel keine Facebookkampagne machen. Es gibt daher viel weniger einen Standard, wie Kampagnen geführt werden, als früher.

Wie entscheidend ist es, wie viel Geld jemand in den Wahlkampf investiert?

Unsere Analyse zeigt: Mehr Geld bringt mehr Stimmen. Aber Geld allein reicht nicht, um gewählt zu werden. Wenn jemand keine Wahlchance hat, kann er normalerweise sowieso nicht viel Geld mobilisieren. Bei den Majorzwahlen – also bei den Ständeratswahlen in den allermeisten Kantonen – ist die entscheidende Währung vielmehr die Bekanntheit. Bisherige haben es daher leichter, wichtig ist auch die Vernetzung und die Mehrheitsfähigkeit eines Kandidaten. Mit einer Kampagne kann man seine Bekanntheit steigern. Viel Geld kann daher einen Effekt haben – sofern nicht alle ebenso viel investieren.