Bundesrats-Serie

Plötzlich schickt Moret ein SMS: «Man hat mir erzählt, dass Sie in Yens recherchieren»

An diesem Hügel im waadtländischen Yens wohnen die Schönen und Reichen – auch die Bundesratskandidatin Isabelle Moret.

An diesem Hügel im waadtländischen Yens wohnen die Schönen und Reichen – auch die Bundesratskandidatin Isabelle Moret.

Yens VD: In diesem 1400-Seelen-Dorf bleibt keiner unbemerkt. Zu Besuch in der Heimat der FDP-Bundesratskandidatin Isabelle Moret.

Es hätte eine Stippvisite in Yens werden sollen, bei der viele Einwohner zu Wort kommen – ausser die Protagonistin selbst, sie ist ja schliesslich schon auf allen Kanälen präsent. Doch das ist in einer 1400-Seelen-Gemeinde gar nicht so einfach. Keine Stunde nach der Ankunft geht ein SMS ein: «Guten Tag! Die Gerüchte gehen im Dorf schnell herum … Man hat mir erzählt, dass Sie in Yens recherchieren. Sehr gerne treffe ich Sie in meinem Büro zu einem Interview. Herzlich, Isabelle Moret.» Das ihr zuweilen vorgehaltene Organisationsdefizit kompensiert sie offensichtlich mit einer Extraportion Spontaneität.

Isabelle Moret hat schnell Wind davon bekommen, dass Journalisten in ihrem Dorf recherchieren.

Isabelle Moret hat schnell Wind davon bekommen, dass Journalisten in ihrem Dorf recherchieren.

Knappe zwei Stunden später empfängt die Bundesratskandidatin in einem karg eingerichteten Mansardenzimmer an zentraler Adresse. Ein Computer steht nicht auf dem Pult, es sieht ohnehin mehr nach Ablagefläche denn nach Anwaltskanzlei aus. «Mein Büro ist der Zug», sagt die 46-Jährige, die regelmässig zwischen Bern und ihrem Waadtländer Wohnort pendelt. Die Räumlichkeiten in Yens würden mehr von ihren persönlichen Mitarbeitern benutzt und auch die Post werde hierhin geleitet.

Moret erzählt, wie sie 2006 mit ihrer Familie von der nur gerade fünf Kilometer entfernten Gemeinde Etoy hierher umgezogen sei. Die Immobilienpreise seien am alten Wohnort derart in die Höhe geschnellt, dass man sich als Familie Wohneigentum kaum habe leisten können. Seither wohnt sie in jenem Ortsteil, den die Bewohner «le nouveau Yens» nennen.

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Nachbarin eines Formel-1-Stars

Dass das Dorf zweigeteilt ist, erkennt man schon von blossem Auge. Wie eine Furche zieht sich die Hauptstrasse zwischen die alte und die neue Ortschaft. Links der Dorfkern mit seinen teilweise historischen Gebäuden, rechts die stattlichen Einfamilienhäuser, die erst dank der Umzonung eines Rebbergs überhaupt gebaut werden konnten. Moret wohnt am äussersten Rand in einem Haus mit grosszügigem Umschwung – das noch viel grösser wirken würde, wenn nicht nebenan das mittlerweile verwaiste Anwesen von Ex-Rennfahrer Alain Prost liegen würde.

Die Trennlinie ist aber nicht nur geografischer Natur, sie ist es auch ökonomisch und kulturell. In der Tendenz sind es die Bewohner des neueren Ortsteils, die in den finanzkräftigen Zentren Genf und Lausanne arbeiten – und entsprechend seltener in der Landwirtschaft, im Rebbau oder im traditionellen Handwerk tätig sind. Das spürt man auch in der Gemeinde. «Man sagt, dass die Einwohner des neuen Teils weniger aktiv am Dorfleben teilnehmen», sagt Stéphane Boss, früherer Präsident des Einwohnerrats.

Das gelte auch für Isabelle Moret, die man in den ersten Jahren nach dem Zuzug kaum «gespürt» habe. Die Wirtin der «Auberge de la Croix d’Or», einem überregional bekannten Gastrotempel, sagt gar, dass sie die Nationalrätin noch nie in der Gaststube angetroffen habe – im Gegensatz zu ihren Eltern. Moret entgegnet, dass sie die kurze Zeit, die in Yens aufgrund ihrer verschiedenen Funktionen jeweils bleibe, lieber mit den Kindern nutze und zu Hause esse. «Ich bin schon in Bern die ganze Zeit im Restaurant», sagt sie.

Der Eindruck, dass die FDP-Magistratin im Dorf kaum geschätzt wird, täuscht allerdings. Niemand will ein schlechtes Wort über sie verlieren. Das hat auch damit zu tun, dass sie in jüngster Zeit deutlich aktiver am Geschehen teilnimmt. Seit Sommer 2016 ist sie Mitglied des Einwohnerrats und nimmt regelmässig an den Sitzungen teil.

Einen Spitzenplatz gab es nicht

Langweilt es sie nicht, wenn sie statt über die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative über den Standort eines Entsorgungshofs debattieren muss? «Überhaupt nicht. Ich versuche, in jeder Funktion so gut wie möglich auf die Bedürfnisse der Bevölkerung einzugehen – das sind manchmal ganz alltägliche Dinge», sagt Moret. Es liege ihr dabei fern, die Expertise aus Bundesbern dem Dorf aufdrücken zu wollen.

Gemäss Urteil ihrer lokalen Ratskollegen tritt sie in der Tat unprätentiös auf. «Sie hört zuerst einmal zu. Nur wenn sie sich ihrer Sache sicher ist, meldet sie sich zu Wort», sagt Gemeindepräsident Jean-Luc André. Auch bei den traditionellen Apéros sei sie präsent und habe die Ratssitzungen entgegen den anfänglichen Befürchtungen nie verpasst. Einen «Promi-Bonus» nehme sie nicht in Anspruch – was aufgrund des Wahlergebnisses auch unbegründet wäre. Moret wurde zwar problemlos in den Einwohnerrat gewählt, die vordersten Plätze belegten jedoch andere.

Chasselas hat es genug

Unter der Bundeshauskuppel hat sich in den vergangenen Wochen die Meinung gefestigt, dass Moret in der Ausmarchung gegen den Tessiner Ignazio Cassis und den Genfer Pierre Maudet höchstens Aussenseiterchancen hat. Die 46-Jährige selbst erachtet das Rennen aber naturgemäss als offen und auch die Behörden von Yens sind voller Tatendrang. Am Wahltag wollen sie im Gemeindehaus eine Grossleinwand aufstellen und für ein rauschendes Fest sei man auch gerüstet – schliesslich habe man in Yens die zweitgrösste Weinproduktion des Distrikts. «Seit 500 Jahren wird hier Chasselas angebaut», sagt Weinbauer André stolz.

Nur in der edlen Dorfbeiz treibt die Begeisterung keine Blüten. Die Gäste an der Bar geben dem Tessiner Kontrahenten die besseren Karten und die Symbolik des Mittagsmenüs versprüht auch nicht gerade Optimismus. Es gibt Hase und Polenta – ein typischer Tessiner Teller.

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