Rupperswil-Prozess
«Physisch noch am Leben, psychisch gestorben»: Emotionen prägen den zweiten Prozesstag

Die Angehörigen der Opfer sind gebrochen und machten vor Gericht klar, dass nichts die Tat vergelten könne. Susanne Nielen, Leiterin der Opferhilfe Aargau-Solothurn, steht ihnen während des Prozesses bei.

Mario Fuchs
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Staatsanwältin Barbara Loppacher in ihrem Plädoyer am zweiten Prozesstag: «Er redet sich und die ganze Welt schön.»
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Der Angeklagte Thomas N. (hinten) und Verteidigerin Renate Senn am zweiten Prozesstag in Schafisheim.
Staatsanwältin Barbara Loppacher: «Es liegt keine psychische Störung vor, mit der die Morde erklärt werden können. Somit liegt keine Störung vor, die therapiert werden kann. Der Beschuldigte ist folglich untherapierbar.»
Zweiter Tag im Rupperswil-Prozess.
Zwischenfall in Schafisheim: ein religiöser Mann fordert die Todesstrafe für Thomas N. und wird von der Polizei abgeführt.

Staatsanwältin Barbara Loppacher in ihrem Plädoyer am zweiten Prozesstag: «Er redet sich und die ganze Welt schön.»

Marco Tancredi

Emotionen prägen den zweiten Prozesstag in Schafisheim: Trauer und Wut, Unverständnis, Abscheu gar.

Georg Metger sitzt vornübergebeugt auf dem Stuhl. Er hat den Kopf in seinen Händen vergraben, schluchzt. Staatsanwältin Loppacher schildert, was Thomas N. auf Video aufnahm, als er den 13-jährigen Davin missbrauchte: «Er gab dem Jungen konkrete Regieanweisungen.» Neben Metger sitzt Susanne Nielen, Leiterin der Opferhilfe Aargau-Solothurn. Sie legt dem Partner der getöteten Carla Schauer die Hand auf die Schulter, flüstert ihm etwas zu. Metger trocknet seine Tränen mit einem Papiertaschentuch.

Später im Gespräch mit dieser Zeitung sagt Nielen, es gehe darum, «einfach da zu sein», sich als Gesprächspartnerin anzubieten. «Die Emotionen anzusprechen und auszuhalten.» Es gehe aber auch darum, ein Opfer nicht blosszustellen. «Einige wollen ihre Ruhe haben, andere in den Arm genommen werden.» Die Konfrontation mit dem Täter sei sehr schwierig – besonders hier, wo sich Thomas N. «vollkommen empathielos» zeige.

Familie «zerschmettert»

Opferanwalt Markus Leimbacher macht in seinem Plädoyer klar, wie sich der Vierfachmord ausgewirkt hat. Über die Eltern von Carla Schauer sagt er: «Auch wenn sie physisch am Leben sind – psychisch sind sie gestorben.» Der Vater sei schwerst depressiv und suizidal. Die Mutter breche in Tränen aus, wenn er, Leimbacher, sie begrüsse. Sie könne den Haushalt nicht mehr ohne Hilfe führen. Die Enkel Davin und Dion seien ihr ganzer Stolz gewesen.

Im Wohnwagen zwischen Murten- und Neuenburgersee habe die Familie viel Zeit verbracht. Vor neun Jahren sei Carla bei einem Winterspaziergang zufällig ihrem Jugendfreund begegnet: Georg Metger. Es entstand eine Patchworkfamilie, zwei Söhne auf beiden Seiten. «Das musste erst zusammenwachsen.» Auf einer Leinwand sind jetzt Familienfotos eingeblendet.

Die Bilder vom Rupperswil-Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg Der Angeklagte Thomas N. (hinten) und Verteidigerin Renate Senn am zweiten Prozesstag in Schafisheim.
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Thomas N. wird zu einer lebenslänglichen Haft verureilt, das Bezirksgericht Lenzburg ordnet zudem eine ordentliche Verwahrung an. Im Bild ist der Angeklagte mit seiner Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag zu sehen.
Opferanwalt Markus Leimbacher in seinem Plädoyer am zweiten Prozesstag: «Thomas N. kann auch Richter, Therapeuten und Gutachter manipulieren.»
Nach dem ersten Prozesstag Ein ziviles Polizeifahrzeug der Kantonspolizei Aargau verlässt mit Thomas N. im Wagen die Tiefgarage der Mobilen Polizei.
Staatsanwältin Barbara Loppacher in ihrem Plädoyer am zweiten Prozesstag: «Er redet sich und die ganze Welt schön.»
Zwischenfall während der Mittagspause am Dienstag: Ein religiöser Eiferer fordert lautstark die Todesstrafe für Thomas N. und wird von der Polizei abgeführt.
Staatsanwältin Barbara Loppacher: «Es liegt keine psychische Störung vor, mit der die Morde erklärt werden können. Somit liegt keine Störung vor, die therapiert werden kann. Der Beschuldigte ist folglich untherapierbar.»
Thomas N. am ersten Prozesstag: Er spricht deutlich, verliert nie die Fassung.
«Ich bin pädophil», sagt der geständige 34-Jährige vor Gericht.
Er wünsche sich eine Therapie, gibt er zu Protokoll.
Das Gericht: René Müller (SVP), Margrit Kaufmann (CVP), Schreiber Lukas Fischer, Präsident Daniel Aeschbach (SVP), Marianne Bitterli (SVP), Luca Cirigliano (SP).
Thomas N. (Mitte) verfolgt den Prozess neben seiner Anwältin Renate Senn.
Den Kopf hat er meist auf seine rechte Hand gestützt, mit Zeigfinger und Daumen hält er sich die Nasenwurzel.
Thomas N. vor Gericht.
Die Richter hören Gutachter Josef Sachs zu.
Thomas N. wird zu einer lebenslänglichen Haft verureilt, das Bezirksgericht Lenzburg ordnet zudem eine ordentliche Verwahrung an. Im Bild ist der Angeklagte mit seiner Pflichtverteidigerin Renate Senn am ersten Prozesstag zu sehen.
Staatsanwältin Barbara Loppacher (vorne).
Blick in den Gerichtssaal mit dem Angeklagten Thomas N. (rechts aussen).
Vor dem Prozessbeginn: Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Aargau, begrüsst Opferanwalt Markus Leimbacher begrüssen sich.
Tim Hemmi, ehemaliger FC-Aarau-Profi, beobachtet den Prozess als Jus-Student.
Roland Wenger, Sprecher der "Seetal Selection", einem Verbund der Juniorenteams des SC Seengen und des FC Sarmenstorf, wo Thomas N. als Koordinator tätig war.
Ein Gerichtszeichner skizziert erste Szenen vor dem Gebäude.
In den Räumen der Mobilen Polizei in Schafisheim findet der Prozess statt.
Journalisten vor dem Eingang.
Aufmarsch der Kantonspolizei Aargau.
Zuschauerin Annina Sonnenwald.
Der Prozess gegen N. dauerte vier Tage.
Weitere Bilder aus Schafisheim.

Die Bilder vom Rupperswil-Prozess vor dem Bezirksgericht Lenzburg Der Angeklagte Thomas N. (hinten) und Verteidigerin Renate Senn am zweiten Prozesstag in Schafisheim.

Marco Tancredi

Diese glückliche Familie sei zerschmettert worden. «Der Beschuldigte hat sie gnadenlos gequält, missbraucht, ohne jegliches Erbarmen. Er hat sie kaltblütig abgeschlachtet.» Metger leide immens unter dem Verlust. Darunter, wie die Tat stattgefunden habe, dass er sie nicht habe schützen können. Der Bruder von Carla Schauer, «sie waren ein Herz und eine Seele», sagte: «Der Täter hat nicht nur vier Menschen getötet, sondern das Leben von vielen Menschen genommen. Für immer.»

«Worte reichen nicht aus»

Opferanwalt Luc Humbel spricht für die Familie F., die ihre Tochter Simona verloren hat. «Es fehlt ein Lachen, die aufgestellte Art. Es fehlt, immer das Positive zu sehen. Es fehlen Grimassen auf Fotos», zitiert Humbel. Er beschreibt, wie sich die Mutter atemlos fühle, schlaflos, Druck auf dem Herzen. Der erfahrene Anwalt gerät selber fast aus der Fassung, weint, spricht aber weiter. Simonas Schwester sitzt in der ersten Reihe, weint.

Humbel verliest ihre Worte: «Worte reichen nicht aus, um unseren Schmerz zu beschreiben.» Auch der leibliche Vater von Davin und Dion sowie deren zwei Halbschwestern – sie brachten die Kraft nicht auf, zu kommen – lassen ausrichten, ihre Leben seien «zerstört worden».

Aus prozessualen Gründen dürfen sich Opfervertreter nicht zum Strafmass äussern. Leimbacher sagte stattdessen: «Für die Hinterbliebenen muss mit allen Mitteln sichergestellt werden, dass die Öffentlichkeit vor dem Täter geschützt wird, ein für allemal, für immer.» Auf welchem Weg, sei ihnen egal.

Die Angehörigen stellen zwar Schadenersatzforderungen von mehreren zehntausend Franken, doch sie betonen: Viel wichtiger wäre ihnen, zu erfahren, weshalb ihre Liebsten sterben mussten. Kein Geld, kein Brief und keine Strafe könnten die Tat ungeschehen machen, die Getöteten zurückbringen, das Leben wieder lebenswert machen.

«Entschuldigung»

In einem Brief schrieb Thomas N. im Sommer 2017: «Die Schuld ist allein in mir zu finden.» Es tue ihm «unendlich leid, was ich Ihrer Familie angetan habe. Ich hoffe, dieser Brief hat Sie nicht zu sehr aufgewühlt.» Opferhelferin Susanne Nielen sagt dazu: «Ein solcher Brief ist immer unerträglich, egal, was drinsteht.» Kein Opfer brauche ein solches Schreiben. Verteidigerin Senn entgegnet, N. hätte «machen können, was er wollte»: Hätte er keinen geschrieben, würde ihm das vorgeworfen.

In seinem letzten Wort sagt N., er bedaure die Tat zutiefst. Es sei ihm schwergefallen, um Entschuldigung zu bitten. Er sei ja nicht in der Position, bitten zu dürfen. «Sie haben aber recht. Es hätte wohl das Wort Entschuldigung vorkommen müssen. Es tut mir leid. Entschuldigung.» Dann zieht sich das Gericht zur Beratung zurück. Das Urteil wird am Freitag um 10 Uhr verkündet.

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