Interview
Paul Hinder, Bischof von Arabien: «Ich halte ein Burka-Verbot für unklug»

Paul Hinder, Bischof von Arabien, zelebriert Ostern in einer Region, in der die Christen in der Minderheit sind.

Fabienne Riklin
Drucken
Vom Büro aus hört Bischof Paul Hinder den Muezzin rufen. Der Kronprinz baute direkt neben die Kirche eine Moschee.

Vom Büro aus hört Bischof Paul Hinder den Muezzin rufen. Der Kronprinz baute direkt neben die Kirche eine Moschee.

Ullstein Bild

Mitten im Herzen des Islam lebt und arbeitet Bischof Paul Hinder. Der Kapuziner stammt aus einer Thurgauer Bauernfamilie und hat gelernt, mit dem Ruf des Muezzins zu leben. Von seinem Büro aus sind es weniger als 50 Meter bis zur nächsten Moschee. Vor 13 Jahren hat Papst Johannes Paul II. ihn als Bischof nach Abu Dhabi berufen. Heute wacht er über eine Million Katholiken in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Jemen und Oman. Es ist eines der grössten und schwierigsten Bistümer.

Herr Bischof, vor wenigen Tagen sind Sie von der Schweiz zurück nach Abu Dhabi geflogen. Hatten Sie ein Osternest inklusive Schoggi-Hasen aus der Heimat im Gepäck?

Paul Hinder: Dafür hatte ich schlicht keinen Platz mehr (lacht). Ich reise meist nur mit Handgepäck. Und ein grosser Appenzeller-Biber füllte dieses schon fast aus.

Wie verbringen Sie die Feiertage?

Ich zelebriere in Abu Dhabi die Hauptmessen. Der Andrang vor den beiden Kirchen ist in diesen Tagen immens. Unsere Kirchenbänke sind zwar immer voll, doch an Ostern ist es wie am Gotthard: Alle wollen durch das gleiche Loch. Allein am Ostersonntag haben wir 20 Gottesdienste in verschiedenen Sprachen.

Wie viele Gläubige erwarten Sie?

Die Osternacht feiern wir doppelt: um 19 Uhr und um 22 Uhr mit je zirka 10 000 Menschen.

In der Schweiz sieht die Situation anders aus. Nicht einmal an Ostern sind die Gotteshäuser voll.

Deshalb bin ich auch lieber Bischof in Abu Dhabi als in der Schweiz. Allen Widrigkeiten zum Trotz stehen die Christen hier zu ihrem Glauben. Das nicht christliche Umfeld führt bei vielen auch zu einer vertieften religiösen Praxis.

Mit welchen Schwierigkeiten haben die Christen im Alltag zu kämpfen?

In den Ländern meines Bistums ist der Islam Staatsreligion. Andersgläubige sind nur geduldet. Hinzu kommt: Die meisten Christen hier sind Arbeitsmigranten, Hausmädchen und Hotelangestellte von den Philippinen sowie Bauarbeiter aus Bangladesh, Nepal, Indien oder Pakistan. Viele leben und arbeiten in einfachen Verhältnissen. Und alle haben das Risiko, dass ihr Visum nicht erneuert wird und sie innert weniger Tage das Land verlassen müssen.

Wie akut ist diese Gefahr?

Die florierenden Zeiten sind in den Emiraten vorbei. Zu spüren bekommen dies die Schwächsten. Diese Woche hatte ich gerade mit einem Filipino zu tun, der seit acht Monaten auf seinen Zahltag wartet.

Kann die katholische Kirche helfen?

Nur begrenzt. Die arabische Gesellschaft hat ihren eigenen Stolz. Sie ist sensibel, wenn es um den Ruf und das Bild des Landes geht. Man mag es nicht gerne, wenn Negatives wie soziale Ungerechtigkeit zum Thema wird. Daher müssen wir «süferli» vorgehen. Diskret bieten wir innerhalb der Pfarreien psychologische sowie Rechtsberatungen an. Ab und zu können wir auch bei finanziellen Engpässen helfen. Doch erst letzthin verlor ein engagierter Christ seine Aufenthaltsbewilligung, weil er sich zu stark sozial engagiert hatte.

Könnte dies auch Ihnen passieren?

Ich denke schon. Allerdings bin ich bedacht, die Grenzen zwar auszuloten, aber nicht zu überschreiten. Das bedeutet aber, dass ich nicht einfach schalten und walten kann, wie ich will. Es braucht Fingerspitzengefühl. Sonst komme ich mit dem islamischen Privatrecht, der Scharia, ins Gehege. Man darf beispielsweise Gottesdienste nur innerhalb der Kirche und des Kirchhofs feiern.

Auch Kirchentürme und religiöse Zeichen sind verboten. Stört Sie das nicht?

In der Schweiz passen Kirchtürme ins Landschaftsbild. Dort gehören sie dazu. Doch hier sind sie nicht zwingend. Die alte Kirche kam auch ohne Türme aus und hat sich wunderbar entfaltet. Störend empfinde ich dagegen, wenn wir eine Schule eröffnen und diese dann nicht mit «Catholic School» anschreiben dürfen, sondern ihr einen neutralen Namen geben müssen.

Direkt neben Ihrem Bistumsgelände baute der Kronprinz eine grosse Moschee mit einigen Lautsprechern für den Gebetsruf des Muezzins in Richtung Ihrer Gemeinde.

Was will ich mich ärgern. Ich kann es nicht ändern.

Werden Christen im Alltag schikaniert?

Ich erlebe grosse Toleranz. Auch muss ich mich nicht verbergen. So gehe ich im Ordenskleid zum Coiffeur um die Ecke, zu einem indischen Muslim. Er begrüsst mich jeweils freundlich mit «Herr Pfarrer». Ebenfalls tragen einige Christen ein Kreuz oder hängen um den Rückspiegel im Auto einen Rosenkranz. Allerdings kann ich nicht ausschliessen, dass einige am Arbeitsplatz benachteiligt werden. Für viele Nicht-Muslime sind die Karrieremöglichkeiten begrenzt.

Und wie hat sich die Annahme der Minarett-Initiative in der Schweiz auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Gar nicht. Ich hatte mich aber auch immer klar davon distanziert.

Bischof für Gerechtigkeit, Frieden und Freude

Paul Hinder ist seit 2004 Bischof von Arabien. Sein Wahlspruch lautet: Justitia et pax et gaudium (lateinisch für «Gerechtigkeit und Frieden und Freude»). Seither lebt und arbeitet er in Abu Dhabi. Bis 2011 gehörten neben den Ländern Jemen, Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten auch Katar, Bahrain sowie Saudi-Arabien dem Bistum an.

Trotz Aufteilung ist es flächenmässig noch immer eines der grössten Bistümer der Welt. Hinder wacht über eine Million Katholiken. Der 75-Jährige ist in Stehrenberg im Kanton Thurgau geboren und aufgewachsen. (rik)

Obwohl Sie hier ebenfalls religiösen Einschränkungen unterworfen sind?

Ja. Wenn ich nach dem Grundsatz handle «Wie du mir, so ich dir», dann stelle ich die Menschenrechte grundsätzlich infrage.

Im Tessin gilt ein Burkaverbot und seit Ende März auch in Österreich. Was halten Sie davon?

Ich bin ein Verfechter der Religionsfreiheit. Daher halte ich ein Verbot für unklug, auch weil ich nicht glaube, dass voll verschleierte Frauen in der Schweiz zu einem Massenphänomen werden.

Der Islam wird in der Schweiz und der westlichen Welt vielfach als Bedrohung wahrgenommen. Zu Recht?

Es gibt im Islam Tendenzen, die zur Bedrohung werden können. Das erfahren wir jeden Tag, schliesslich sterben bei Attentaten weltweit mehr Muslime als Nichtmuslime. Das eigentliche Problem ist allerdings nicht die Stärke des Islam, sondern die Schwäche des Christentums. Je weniger Selbstbewusstsein wir haben, desto mehr empfinden wir den anderen als Bedrohung.

US-Präsident Donald Trump demonstriert aktuell Stärke und erliess Einreisesperren gegen Menschen auch aus dem Nahen Osten.

Das ist ein komplett misslungener Versuch. Diese willkürliche Einteilung in gute und böse Länder besorgt mich. Zumal die meisten Terroristen nicht aus den betroffenen Ländern stammen.

Der Nahe Osten ist in Aufruhr: Terror, Krieg und Chaos dominieren die Länder rund um Ihr Bistum. Haben Sie manchmal Angst?

Hier in den Emiraten nicht. Die Polizeipräsenz ist hoch. Doch in Saudi-Arabien war die Situation eine andere. Das Land gehörte bis 2011 zu meinem Bistum. Dort war es mir nur möglich in Zivil und als Paul Hinder, also ohne Bischofstitel, einzureissen. Gottesdienste hielt ich im Untergrund ab. Zweimal musste ich diese absagen, weil ich fürchtete, dass die Religionspolizei auftauchen würde.

Besonders akut ist die Lage in Syrien und Jemen. Wann waren Sie zuletzt bei Ihren Gläubigen im Jemen?

Vor mehr als zwei Jahren. Aktuell ist es zu gefährlich, hinzureisen. Wir bringen auch keine Hilfsgüter ins Land. Dementsprechend katastrophal ist die Lage. Die Infrastruktur ist zerstört, die medizinische Versorgung ist zusammengebrochen, viele Kinder leiden Hunger. Mit den Mutter-Teresa-Schwestern stehen wir telefonisch in Kontakt. Sie helfen, wo sie können. Mit vertrauenswürdigen Kurieren versuchen wir immer wieder, einen Zustupf reinzubringen. Dies wird allerdings immer riskanter.

Und einer Ihrer Priester wird noch immer vermisst.

Ja, von Pater Tom fehlt jedes Lebenszeichen. Er ist wohl noch immer in den Händen der IS-Kidnapper.

Der IS geht mit unfassbarer Grausamkeit gegen Andersgläubige vor. Wann wird der Glaube zur Gefahr?

Echter Glaube sollte nie zur Gefahr werden. Wenn allerdings einzelne Passagen aus dem Koran oder übrigens auch aus dem Alten Testament aus dem Kontext gerissen und mit fundamentalistischem Gedankengut vermischt werden, wird es gefährlich.

Wie kann Gott dieses Leid zulassen?

Das frage ich ihn auch immer wieder. Denn ich habe darauf keine Antwort. Ich traue Gott aber zu, dass er irgendwann das Leid auflösen kann.

Sie sind ein Optimist?

Ja, das bin ich. Allerdings hilft es mir auch zu wissen, dass ich nur ein Arbeiter im Weinberg des Herrn bin – biblisch ausgedrückt. Abends sage ich jeweils zu ihm: Wenn du willst, dass ich morgen wieder vernünftig für dein Reich arbeite, dann musst du mich schlafen lassen. Unterdessen deponiere ich meine Sorgen bei dir auf dem Nachttisch.

Bischof Hinder während der Osternacht in Abu Dhabi.

Bischof Hinder während der Osternacht in Abu Dhabi.

HO

Wie hat sich Ihr Glaube in den vergangenen Jahren im Nahen Osten verändert? Sie sagten einmal: «Hier verliert man entweder seinen Glauben oder vertieft ihn.»

Es ist ein angefochtener Glaube. Deshalb ist eines meiner persönlichen Gebete auch: Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben. Mich trägt und ermutigt aber vor allem die Gemeinde hier. Die Katholiken leben allen Widrigkeiten zum Trotz einen freudigen Glauben. Sie arbeiten sechs Tage pro Woche und nehmen am Wochenende Dutzende Kilometer auf sich, um die Messe zu besuchen. Das berührt mich immer wieder aufs Neue.

Seit 13 Jahren leben und arbeiten Sie nun schon auf der Arabischen Halbinsel. Was vermissen Sie aus der Schweiz?

Die Wüste hat ihren eigenen Reiz, doch eine blühende Landschaft wie derzeit in der Schweiz kann sie nie ersetzen.

Wie oft waren Sie in den vergangenen Jahren in der Heimat?

Meist im Sommer für einen Monat. Und wenn ich in Rom einen Termin habe, fliege ich über Zürich. In die Schweiz zog ich mich auch mehrmals für eine Auszeit zurück. Nur mein Sekretär wusste dann jeweils, wo ich war. Sonst war ich für niemanden erreichbar.

In wenigen Tagen werden Sie 75 Jahre alt. Haben Sie bei Papst Franziskus Ihr Amt bereits zur Verfügung gestellt?

Der Brief ist geschrieben und abgeschickt. Ob er schon in Rom angekommen ist, weiss ich nicht. Jetzt warte ich mal ab. Vermutlich muss ich noch etwas bleiben, da die Nachfolgereglung nicht gelöst ist.

Kämen Sie gerne zurück in die Schweiz?

Ja, dann würde ich in eines unserer Kapuziner-Klöster gehen und könnte bei Bedarf für gewisse Aufgaben den Schweizer Bischöfen helfen. Bischof bleibt man ja ein Leben lang.

Aktuelle Nachrichten