Homo-Ehen
«Pacs» hat sich in Frankreich längst etabliert

Was der Bundesrat prüft, ist in Frankreich längst Realität: Mit 41 Prozent aller gesetzlicher Lebensverbindungen läuft der «Zivilpakt» der Ehe gar bald den Rang ab.

Stefan Brändle, Paris
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Pacte Civil de Solidarité (PACS) – Zwischen Ehe und Konkubinat.

Pacte Civil de Solidarité (PACS) – Zwischen Ehe und Konkubinat.

AZ

Der Pacte Civil de Solidarité – kurz Pacs – existiert in Frankreich seit 16 Jahren. Der sozialistische Premierminister Lionel Jospin hatte ihn ursprünglich für homosexuelle Paare einrichten wollen. Wegen der sakrosankten Égalité, die keinen Unterschied zwischen Religion, Rasse oder sexueller Ausrichtung zulässt, wurde er 1999 aber auch für heterosexuelle Paare geöffnet.

Nerv der Zeit

Selbst Jospin hätte sich nicht träumen lassen, welchen Siegeszug der Pacs in kurzer Zeit antreten sollte. Er bewirkte nichts weniger als eine gesellschaftspolitische Revolution: 96 Prozent dieser «Halbehen» werden heute von heterosexuellen Paaren geschlossen; nur noch 4 Prozent entfallen auf Homosexuelle. Insgesamt haben laut dem nationalen Statistikamt Insee im letzten Zähljahr 2013 über 168 000 Französinnen und Franzosen «gepacst», wie man im Volksmund sagt.

Im gleichen Jahr wurden in Frankreich 239 000 Ehen geschlossen. Mit anderen Worten: Von fünf Liebesverbindungen auf dem Standesamt entfallen nur noch drei auf den Eheschwur – deren zwei entfallen bereits auf den Pacs. Tendenz steigend.

Nach der Einführung des Pacs hatte der damalige konservative Staatschef Jacques Chirac gerügt, der Pacs sei «dem Bedarf der Familien nicht angepasst». Doch der Zivilpakt traf offenbar den Nerv der Zeit. Viele Junge scheuen (noch) vor dem Ja-Wort fürs Leben zurück, wollen sich mit ihrem Partner aber trotzdem juristisch absichern. Während sich französische Ehepartner gegenseitig «Respekt, Treue, Beistand und Hilfe» schwören, verlangt der Pacs nichts von alledem. Die Pacs-Paare unterschreiben bei den Behörden einzig ein Formular. Darin können sie zum Beispiel ganz konkret angeben, wie viel Euro sie sich im Notfall schulden. Von Gesetzes wegen sichert der Pacs lediglich das gemeinsame Wohnen rechtlich ab und räumt die Möglichkeit eines Testamentes ein. Das Steuerrecht – und seit einigen Jahren auch das Erbrecht – ist hingegen gleich wie bei Ehepaaren. Das ist insbesondere dann interessant, wenn die beiden Partner sehr unterschiedliche Einkommen haben.

Generell entfernt sich die Rechtsstellung des Pacs immer stärker vom Konkubinat und nähert sich der Ehe an. Der Hauptunterschied zur Ehe besteht darin, dass der Pacs keinerlei Regeln zum Nachwuchs enthält. Er verleiht dem Partner keine elterliche Gewalt, ja nicht mal das Adoptionsrecht. Alimente etwa sind auch nicht vorgesehen.

Das berühmteste aller Pacs-Paare bildeten die frühere Präsidentschaftskandidatin Ségolène Royal und der heutige Staatschef François Hollande. Heute sind sie wieder getrennt. Das ist aber keinerlei Beleg dafür, dass der Pacs häufiger aufgelöst wird als die Ehe. Das Gegenteil ist der Fall: Die Scheidungsrate liegt höher als die Trennungsrate beim Pacs. Dies ist umso erstaunlicher, als für die Auflösung eine blosse Mitteilung an den Gerichtsdiener genügt; ein Anwalt ist im Normalfall überflüssig.

Auch bei Bürgerlichen akzeptiert

Katholisch-konservative Franzosen befürchten, dass der Pacs die Institution Ehe aushöhlt. Es stimmt zwar, dass die Zahl der Heiraten in Frankreich seit dem Beginn des Pacs-Booms im Jahr 2005 tendenziell abnimmt. Wie weit das eine Folge des Pacs ist, bleibt jedoch bis heute umstritten. Auch bürgerliche Politiker stellen den Pacs heute längst nicht mehr infrage. Soziologen sehen in ihm den Beweis, dass Liebe nicht blind sein müsse, sondern mit einer rationalen Überlegung einhergehen kann, wie eng die rechtliche und materielle Bindung sein soll. Nur auf etwas müssen viele Pacsianer verzichten: das Herzklopfen des ewigen Ja-Wortes.

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