Omikron
Genfer Staatsrat Mauro Poggia: «Privatkliniken müssen jetzt Betten und Ärzte stellen»

Seit Weihnachten füllen sich die Genfer Spitäler mit Covid-Patienten. Der Gesundheitsdirektor will notfalls Privatkliniken in die Pflicht nehmen. Und in den Spitälern arbeiten bereits positiv Getestete. Passiert in Genf, was bald der ganzen Schweiz droht?

Maja Briner, Nina Fargahi
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Mauro Poggia rechnet mit einem starken Anstieg der Hospitalisierungen.

Mauro Poggia rechnet mit einem starken Anstieg der Hospitalisierungen.

Keystone

Der Genfer Staatsrat Mauro Poggia ist beunruhigt. In den Spitälern in Genf nehmen die Hospitalisierungen seit Weihnachten zu. Poggia warnt: «Was zuerst in Genf passiert, geschieht oft danach in der ganzen Schweiz.» In den nächsten zwei Wochen dürfe die Zahl der Hospitalisierungen stark steigen, so der Gesundheitsdirektor.

Wenn es so weit sei, weiss der Genfer Staatsrat, was zu tun ist: «Die Privatkliniken müssen Betten für alle zur Verfügung stellen.» Es sei nicht akzeptabel, dass öffentliche Spitäler überlastet seien mit Covid-Patienten, während in den Privatkliniken die Betten leer stünden.

Und: «Es geht nicht nur um die Betten, sondern auch um die Ärztinnen und Ärzte. Sie sollten ihren Beitrag leisten in dieser Pandemie, oder warum wird man denn sonst Arzt?» Er wolle an die Grundwerte erinnern, die in dieser Pandemie wieder an Bedeutung gewinnen würden: «Wir können nur gemeinsam diese Krise bewältigen», so Poggia. Er werde das Gespräch mit den Privatkliniken suchen. Falls diese nicht einwilligen, sagt er: «Dann müssen wir sie dazu zwingen.»

Gleichzeitig befürwortet der Genfer Regierungsrat die komplette Aufhebung der Quarantäne. Kein Widerspruch? «Die Quarantäne hilft nicht, das Virus einzudämmen – es ist zu spät dafür», sagt er. Deshalb brauche es jetzt alle Hände an Deck.

Bundesrat ermöglicht Ausnahmen von der Isolation

Alle Hände an Deck – sogar jene von Infizierten, heisst es am Lac Léman. Im Unispital Genf häufen sich die Ausfälle beim Personal wegen Corona derart, dass teils positiv Getestete ohne Symptome arbeiten, dies dank Ausnahmebewilligung. Sollte demnächst jede sechste Arbeitskraft ausfallen, wie der Bund warnte, könnte das Vorgehen Schule machen – auch in anderen Bereichen.

Der Bundesrat hat bereits vorgespurt. Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat er am Mittwoch eine Verordnungsänderung beschlossen: Die Kantone können es Personen erlauben, trotz Isolation ausser Haus zu arbeiten – mit spezifischen Schutzmassnahmen.

Voraussetzung dafür: «Die Personen üben eine Tätigkeit aus, die für die Gesellschaft von grosser Bedeutung ist und bei der ein akuter Personalmangel herrscht.» Möglich wäre dies etwa bei Polizei und Feuerwehr, bei der Post und dem ÖV. Die Forderung nach einer entsprechenden Ausnahmeregelung kam laut Bundesamt für Gesundheit «sowohl von Seite der Politik als auch von Seite der Wirtschaftsverbände».

Für unverzichtbares Gesundheitspersonal gab es diese Möglichkeit schon zuvor, wie der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri erläutert. Er sagt:

Rudolf Hauri, Kantonsarzt Zug und Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte.

Rudolf Hauri, Kantonsarzt Zug und Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte.

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«Es ist die letzte Lösung nach allen anderen Möglichkeiten.»

Grundsätzlich sei es nicht von Interesse, dass positiv Getestete arbeiten. so Hauri. «Aber wenn die Patientenversorgung nicht anders aufrechterhalten werden kann, müssen entsprechende Ausnahmen möglich sein.»

Dass Gesundheitspersonal trotz Covid-Erkrankung arbeitet, sieht die Geschäftsführerin des Pflegeverbands SBK skeptisch. Zum konkreten Fall in Genf könne sie sich nicht äussern. Grundsätzlich sagt Yvonne Ribi: «Der Schutz von Patienten und Personal steht an oberster Stelle. Ganz wichtig ist, dass keine Covid-positiven Personen mit Symptomen arbeiten müssen.» Wer infiziert sei, sollte sich grundsätzlich an die aktuell geltenden Regeln für die Isolation halten.

Die aktuelle Situation ist laut Ribi angespannt. «Wir hören aus der Praxis, dass es für die Pflegekräfte nach wie vor sehr, sehr streng ist.»

SBB fehlen 10 bis 15 Prozent des Personals

«Angespannt» ist das Wort der Stunde, auch in anderen Branchen. Beispiel SBB: In der Westschweiz und im Tessin fehlen derzeit zwischen 10 und 15 Prozent des Personals. In der Deutschschweiz sei aktuell genügend Personal im Einsatz, um alle Züge fahren zu können. Aber eben: Was zuerst in Genf geschieht, könnte bald auch der Deutschschweiz drohen.

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