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Ohne Zusammenarbeit werden wir uns verirren

Die Energiewelt verändert sich – wie wollen wir die Energiezukunft der Schweiz gestalten? Bundesrätin Doris Leuthard schreibt hier, wie sie sich die Energiezukunft der Schweiz vorstellt und wie wir dorthin gelangen sollen.

Doris Leuthard
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Mehr Leitungen braucht das Land – sonst ist allerdings noch vieles nicht so klar in Sachen Energiezukunft.

Mehr Leitungen braucht das Land – sonst ist allerdings noch vieles nicht so klar in Sachen Energiezukunft.

Mehr Menschen, stark erhöhter Energiebedarf, schwindende Ressourcen. An diesem weltweiten Szenario hat sich die Schweizer Energiepolitik zu orientieren, um in 40 Jahren nicht mit einer überalterten Energiepolitik übereilt Lösungen suchen zu müssen. Mit dem schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie und der Energiestrategie 2050 weist der Bundesrat den Weg in eine weniger fossile, effizientere und sichere Zukunft.

Diesen Weg kann man schlechtreden. Man kann in Studien düstere Blackout-Szenarien zeichnen oder übermässige Kostensteigerungen und den damit verbundenen Wettbewerbsverlust der Schweizer Wirtschaft prophezeien. Fakten lassen sich jedoch nicht wegdiskutieren. Abwarten und Verdrängen sind keine Option. Die Energiewelt verändert sich – so oder so – insbesondere in folgenden Bereichen.

Energiemix: Fossile Energien sind endlich und klimapolitisch schädlich. Dennoch verbrennen wir heute so viel Erdöl wie nie zuvor und beziehen rund 80Prozent unserer Energie aus dem Ausland, vor allem Treibstoffe, Erdölbrennstoffe und Erdgas. Der Ölpreis steigt – in den letzten acht Jahren um den Faktor 5. Die Suche nach Alternativen und nach Einsparmöglichkeiten läuft auf Hochtouren. Ressourceneffizienz wird wichtiger. So wie Bundesrat und Parlament beschlossen haben, keine KKW mehr zu bauen, so scheint Kernkraft auch anderswo kein Zukunftsmodell zu sein – EoN gibt die KKW-Pläne in Grossbritannien auf. Die Preise für neue erneuerbare Energiequellen fallen – in den letzten Monaten im Bereich Photovoltaik um rund 50Prozent. Neue Technologien, GreenTech erobern die Märkte, wie auf internationalen Messen sichtbar wird.

Wir haben also alles Interesse, Energie zu sparen und effizienter zu werden. Dabei liegt das grösste Potenzial bei Gebäuden. Heute gibt es immer noch rund 840000Häuser mit einer Ölheizung in der Schweiz. 75Prozent der Häuser ab Baujahr 1975 verbrauchen rund 20 Liter Heizöl pro Quadratmeter. Das liesse sich mit Minergie-Standard auf etwa 6 Liter reduzieren. Umzusetzen sind solche Effizienzziele durch das Gebäudeprogramm und Gebäudemassnahmen, die neue Standards für Neubau und Sanierungen enthalten. Weitere Einsparungen erreichen wir mit verbrauchsärmeren Autos und sparsameren Geräten, Beleuchtungen, Industrieprozessen. Es braucht einen Paradigmawechsel im Energieverbrauch! Die Umstellung unseres Energiemixes auf weniger Heizöl und mit weniger fossilen Treibstoffen ist machbar und auf gutem Weg.

Strommix: Die Herausforderungen der Energiewende bleiben dennoch gross. Strom wollen wir weitgehend in unserem Land produzieren. Der bisherige Kernenergie-Anteil ist zu ersetzen, der Stromkonsum zu stabilisieren. Neue erneuerbare Energiequellen aufzubauen braucht aber Zeit, einfache Bewilligungsverfahren, Marktanreize und Förderung. Wie lange dabei Unterstützung nötig ist, bestimmen nicht Gesetzgeber, sondern Markt, die Unternehmen und die Bevölkerung mit ihrer Bereitschaft. Auch hängt es vom Preis und vom Technologiefortschritt ab, welche Erneuerbaren sich wie schnell durchsetzen werden.

Die Energiewende ist zu schaffen, wenn die effiziente Energienutzung erhöht, die Potenziale der erneuerbaren Energieträger aus- und der Widerstand gegen einzelne Projekte abgebaut werden. Dann können Regionen, Gewerbe, Landwirte und innovative Unternehmen ihre Chance nutzen. Dann profitieren jene Gemeinden und Städte am meisten, die heute schon innovativ sind.

Wichtig ist, dass wir gegenüber allen Energieformen offen bleiben, egal ob es sich um Wasser, Photovoltaik, Holz, Biomasse, Wind oder Geothermie handelt. Es soll keine Privilegierung und keinen Ausschluss bestimmter Technologien geben. Der Markt soll entscheiden, welche Technologie für erneuerbare Energie sich durchsetzt.

Wichtig sind auch Fortschritte bei der Stromspeicherung. Dann lässt sich der Bedarf im Winter besser decken und der Nachteil der volatil anfallenden Stromproduktion aus Erneuerbaren besser ausgleichen. Mit unserer Wasserkraft und den Pumpspeicherwerken haben wir einen wichtigen Trumpf in der Hand. Dank der Pumpspeicherung und dem neuen Zusammenarbeitsvertrag mit Deutschland und Österreich kann der Alpenraum zur Batterie Europas werden.

Versorgungssicherheit: Welche Energieform wir in den nächsten Jahrzehnten auch nutzen, es ist Aufgabe von Politik und Wirtschaft, die Versorgungssicherheit zu wettbewerbsfähigen Konditionen zu gewährleisten. Bereits heute lässt sich der Strombedarf im Winter bei höherer Nachfrage und kleinerer Produktion oft nur mit Importen decken. Daher müssen wir alles daransetzen, dass genügend erneuerbare Energiequellen zugebaut und die Effizienz gesteigert wird. Die Ausschläge im Strombedarf sind im Tagesverlauf und während des Jahres zu glätten – mit intelligenten Netzen, und mit intelligenten Stromzählern (Smart Grid, Smart Metering).

Die Versorgungssicherheit wird durch eine Vielfalt von Faktoren beeinflusst:

Bevölkerungswachstum und wirtschaftliche Entwicklung (BIP),

Klima und Wetter,

Akzeptanz und Kenntnisstand in Bevölkerung und Wirtschaft,

Gesetzlicher Rahmen.

Sollten die Ziele des Bundesrates etwa aufgrund unerwarteter Marktentwicklung oder mangelnder Akzeptanz in Wirtschaft und Bevölkerung nur ungenügend erreicht werden, müsste die Energieversorgung über den Import von Strom oder den Zubau von Gaskraftwerken sichergestellt werden. Letzteres ist für unsere Stromproduzenten und Investoren allerdings auch eine Preisfrage, zumal bei Gaskraftwerken alle CO2-Emissionen zu kompensieren sind. Wir müssen deshalb genau beobachten, was wir an Einsparungen beim Verbrauch und beim Zubau von erneuerbaren Energien erreichen und wie sich die Versorgungssituation in Europa entwickelt.

Netze: Die Produktion von Strom ist das eine, der Transport zu den Bezügern das andere. Ein grosser Teil unseres Stromnetzes ist heute über 40Jahre alt und erneuerungsbedürftig. Gleichzeitig sind die Kapazitäten ungenügend. Soll die Schweiz zudem Stromdrehscheibe Europas bleiben, müssen wir uns in den neuen europäischen Hochleistungs-Stromkorridor einbringen, weshalb wir das Stromabkommen mit Europa verhandeln. Dabei wird der Bedarf an Netzkapazität steigen. Dies, weil die Netznutzung zwischen Produktion und Konsum beziehungsweise zwischen Import und Export häufiger wechselt und weil der europäische Binnenmarkt auf einen erhöhten Stromaustausch angewiesen ist. Schliesslich setzen die volatilen neuen erneuerbaren Energieträger wegen höherer Fluktuation im Netz grössere Kapazität voraus. Mit intelligenten Verteilnetzen (Smart Grids) können wir Bedarf und vorhandene Elektrizität besser aufeinander abstimmen. Der Um- und Ausbau unserer Netze ist von den Netzbetreibern an die Hand zu nehmen. Dies will der Bundesrat mit seiner Netzstrategie und Investitionsanreizen unterstützen.

Finanzierung: Die Strompreise setzen sich zusammen aus den Produktionskosten, Netzkosten und Abgaben. Seit 1995 sind die Produktionskosten um rund 15Prozent gesunken. Unsere Strompreise liegen trotz höherer Netzkosten und Abgaben noch immer unter dem Niveau der 90er-Jahre. Laut VSE stiegen sie 2011 um 4Prozent, was in einem Haushalt mit 4500kWh Verbrauch Mehrausgaben von 40Franken auslöste. Schweizweit sind die Preise sehr unterschiedlich.

So wie die Umsetzung der Energiestrategie 2050 in Etappen zu vollziehen ist, wollen wir auch deren Finanzierung in Etappen sicherstellen. In der ersten Etappe steht die Erhöhung der CO2-Abgabe auf Brennstoffe von derzeit Fr. 36.–/t CO2 für die Gebäudeprogramme und die Erhöhung und Optimierung der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) von derzeit 0,45Rp./kWh im Vordergrund. Will man diese Förderung ausdehnen, ist ab 2020 eine neue Verfassungsgrundlage nötig. Für den Bundesrat steht ab diesem Zeitpunkt zudem eine weniger fördernde, sondern mehr lenkende Abgabe im Vordergrund.

Höhere Strompreise sind durch die steigende Nachfrage und die nötige Erneuerung der Energieinfrastruktur so oder so zu erwarten. Natürlich wird der Bundesrat bemüht sein, diese Erhöhungen sozial- und wirtschaftsverträglich auszugestalten. Höhere Stromkosten können mit Einsparungen ganz oder teilweise aufgefangen werden. Für stromintensive Betriebe sind Ausnahmen vorgesehen, um den Werkplatz zu schützen.

Statt den kleinsten gemeinsamen Nenner persönlicher Interessenwahrung zu suchen, müssen wir den grössten gemeinsamen Nutzen für unser Land finden. Die Schweizer Industrie und Wissenschaft verfügt über eine gute Ausgangslage für die weitere Entwicklung, Anwendung und Verbreitung neuer Energietechnologien. Mit der Energiestrategie 2050 zeigt der Bundesrat das Potenzial und die Chancen für die Schweiz auf. Darüber hinaus braucht es ein koordiniertes Verschränken aller Massnahmen von Bund, Kantonen, Gemeinden, Wirtschaft und Gesellschaft. Ohne Zusammenarbeit verirren wir uns auf dem langen Weg bis 2050 in politischen Opportunitäten und kurzfristigen wirtschaftlichen Vorlieben. Jede und jeder kann seinen Beitrag leisten. Der Bundesrat hat nun die ersten Schritte eingeleitet.

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