Schweizer Fernsehen
Noch vor der ersten Sendung: Bundesräte prüfen Boykott gegen «Rundschau Spezial»

Die Bundesräte sollen noch während der Sessionen in Bern in eine «Rundschau Spezial» eingeladen werden. Darauf haben sie und ihre Berater aber offenbar wenig Lust.

Dennis Bühler
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Die beiden «Rundschau»-Moderatoren Susanne Wille und Sandro Brotz (Bild) sollen während der Parlamentssession einen Gast interviewen – vorzugsweise einen Bundesrat

Die beiden «Rundschau»-Moderatoren Susanne Wille und Sandro Brotz (Bild) sollen während der Parlamentssession einen Gast interviewen – vorzugsweise einen Bundesrat

Oscar Alessio/SRF

Ein Sendungskonzept des Schweizer Fernsehens sorgt für Unruhe in der Regierung: Am mittleren Mittwochabend jeder dreiwöchigen Parlamentssession sollen die beiden «Rundschau»-Moderatoren Sandro Brotz und Susanne Wille künftig gemeinsam einen Gast zu einem aktuellen Thema interviewen. Oder vielmehr: wenn immer möglich eine Bundesrätin oder einen Bundesrat.

Ersatz für «Classe politique»

Vor zehn Tagen informierte Fernseh- und Radiodirektor Ruedi Matter an der SRF-Jahresmedienkonferenz über «Rundschau Spezial», welches die in die Jahre gekommene und immer behäbiger wirkende Politsendung «Classe politique» ersetzen wird. National- und Ständeräte, die bisher die Hauptrolle innehatten, sollen künftig höchstens noch in kurzen, während des Interviews eingespielten Beiträgen auftreten.

Um die Einflüsterer der Regierung vom neuen Format zu überzeugen, sprachen Susanne Wille und Marianne Gilgen, die langjährige Chefin der «Arena», kürzlich bei der Konferenz der Kommunikationsdienste in Bern vor. In diesem Gremium, dem Bundesratssprecher André Simonazzi vorsteht, treffen sich die Chefs der Kommunikationsabteilungen der verschiedenen Departemente regelmässig zum Austausch. Ihre Hauptaufgabe ist es, anstehende Informationsprobleme aus der Welt zu schaffen.

Bald in neuem Format: Eine «Rundschau Spezial» soll «Classe Politique» ersetzen – im Bild zu Gast Bundesrat Guy Parmelin.

Bald in neuem Format: Eine «Rundschau Spezial» soll «Classe Politique» ersetzen – im Bild zu Gast Bundesrat Guy Parmelin.

Bundesräte prüfen Boykott

Offiziell sagt Simonazzi einzig, man habe die Neukonzeptionierung «zur Kenntnis genommen». Die Mitglieder des Bundesrates würden das neue Format genau beobachten und von Fall
zu Fall entscheiden, ob sie teilnehmen werden oder nicht. Doch hinter den Kulissen brodelt es: Von «fehlender Begeisterung» zu sprechen, treffe die Stimmung in der Regierung und deren nächstem Umfeld nur ungenau, sagen die Kommunikationschefs mehrerer Bundesräte. «Vielmehr herrscht regelrechter Unmut.»

Bereits sei davon die Rede, «Rundschau Spezial» notfalls zu boykottieren. Am Rande einer Bundesratssitzung diskutierten die sieben Magistraten dem Vernehmen nach kürzlich gar höchstpersönlich, wie sie sich im Falle einer Einladung in die neue Sendung verhalten sollten. Klar ist: Die Charmeoffensive der SRF-Frauen Gilgen und Wille fruchtete nicht – die von SRF erhoffte Garantie, für jede Aufzeichnung von «Rundschau Spezial» einen Bundesrat abzustellen, verweigert die Regierung.

Im Schatten von «No Billag»?

Doch was stösst den Politikern und ihrer Entourage derart sauer auf? Zum einen sei es heikel, wenn sich Bundesräte während der Session zu Geschäften äussern müssten, die noch nicht zu Ende beraten seien, sondern beispielsweise zwischen National- und Ständerat hin- und hergingen, heisst es. Zum anderen müsse verhindert werden, dass Bundesräte vor laufender Kamera dazu genötigt werden könnten, zu Geschäften ihrer Regierungskollegen Stellung zu nehmen.

Als problematisch erachten es die Kommunikationschefs zudem, bei SRF Dauerpräsenz zu markieren, während sie das französischsprachige RTS und das italienischsprachige RSI aus Zeitgründen weniger oft berücksichtigen könnten – von der schreibenden Zunft ganz zu schweigen, die schon bei gewöhnlichen bundesrätlichen Pressekonferenzen stets hintanstehen muss.

«Wie liesse es sich rechtfertigen, andere Medien ungleich zu behandeln?», fragt ein Kommunikationsspezialist des Bundes. Und ein anderer ergänzt: «So kurz vor der hitzigen Debatte über die ‹No Billag›-Initiative könnte es kontraproduktiv wirken, wenn wir den Anschein erwecken würden, SRF zu bevorzugen.»

«Zwei-gegen-eins-Situation»

Auch an den beiden vorgesehenen Moderatoren stört man sich in Bundesbern. Die geplante Konstellation mit zwei Interviewern, die ein Regierungsmitglied in die Mangel nehmen, sei «unfair», heisst es. Und auf Brotz, der sich den Ruf eines hartnäckigen Fragestellers erarbeitet hat und insbesondere bei SVP-Politikern alles andere als wohlgelitten ist, hat man erst recht keine Lust. «Ich würde meinen Job schlecht machen, wenn ich meinen Chef ermuntern würde, sich von Brotz ‹grillieren› zu lassen», sagt ein Berater.

SRF-Mediensprecher Stefan Wyss spielt die Angelegenheit auf Anfrage herunter. In jeder Sendung einen Bundesrat auf dem «heissen Stuhl» zu haben, sei gar nicht zwingend. Unter den zu «Rundschau Spezial» eingeladenen Persönlichkeiten könnten «Bundesräte, aber auch Spitzenpolitiker aus der Schweiz und aus benachbarten Ländern, Wirtschaftsführer oder Vertreter internationaler Organisationen» sein.

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